Zürich

Verliebt im Zölibat: Frau Niemands stilles Leiden

Susanne Stoffel ist froh, dass ihr Schicksal sich zum Guten wandte.

Susanne Stoffel ist froh, dass ihr Schicksal sich zum Guten wandte.

Sie war eine «Frau Niemand», sagt Susanne Stoffel. In ihrer Stimme schwingt etwas von dem Schmerz mit, den sie als junge Frau verspürte. Sie wurde reduziert auf die Rolle der Haushälterin. Dabei war sie viel mehr.

Sie war 18 Jahre alt, als es begann. Ihr Freund Jean-Louis war bereits 37. Die beiden lebten in einem Dorf im Wallis. Das Zölibat kümmerte die junge Frau wenig, und auch er konnte sich nicht vorstellen, dass etwas, wovon er Sonntag für Sonntag predigte, dem Paar verwehrt bleiben sollte: die Liebe. Recht lange ging das gut. Sie arbeitete in einem Touristenort und lebte offiziell als Haushälterin bei ihm, wurde respektvoll behandelt und bisweilen auch – gemeinsam mit dem Pfarrer – an Taufen und Hochzeiten eingeladen. Sie gehörte selbstverständlich dazu. Doch es war ein Versteckspiel. Denn öffentlich sprach die Dorfgemeinschaft nicht über das Paar, bei dem zu Hause die Vorhänge schon früh am Abend gezogen wurden.

Vom Detektiv beschattet

Sie sehnte sich nach der Normalität, er wollte sie ausserhalb des Dorfes suchen. Doch seinen Beruf - seine Berufung – wollte er nicht aufgeben. Susanne und Jean-Louis zogen in eine Grossstadt, in ein anderes Bistum. Doch da wurde es nicht einfacher. Denn das Paar musste seine Beziehung noch geschickter unter dem Deckel halten. «Von da an war ich wirklich nur noch die Haushaltsangestellte», erzählt Susanne Stoffel. Sie litt.

Denn die beiden waren nicht mehr sicher und konnten nicht mehr mit dem Wohlwollen der Gemeinde und der kirchlichen Behördenmitglieder rechnen. Sie wurden sogar von einem Privatdetektiv beschattet. Und dem Priester wurde gesagt: «Man hat sie gesehen.» Von da an war Susanne Stoffel klar: «Mit dem Zölibat kann man Menschen erpressen.» Schliesslich stand die Existenz des Paares auf dem Spiel. Wieder Wohnortswechsel, zurück ins Wallis, das Versteckspiel ging weiter und die entsprechenden Bischöfe wussten von den beiden. Diese Doppelmoral wurde für Susanne Stoffel auch immer mehr zu einer Belastung.

Sie liess sich in der Grossstadt zur Katechetin ausbilden. Die Arbeit in der Pfarrei gefiel ihr. Und: Sie lernte einen Mann kennen, zu dem sie eine lose Beziehung pflegte. Für Jean-Louis war nun allerdings klar, dass er handeln musste. Für seine Susanne wollte er dem Zölibat entkommen und somit sein Priesteramt opfern. Er outete sich und stellte in Rom ein Gesuch auf Dispens. Das heisst, er wollte sich in den Laienstand versetzen lassen und weiterhin in der Kirche arbeiten.

So einfach war das aber nicht. Das Dispensverfahren war «schlimm», sagt Susanne Stoffel heute. Den beiden wurden teilweise beschämende Fragen gestellt. Sie drehten sich unter anderem um sexuelle Praktiken oder Homosexualität. Peinlich war das Prozedere nicht nur für den damals 55-jährigen Jean-Louis Stoffel, sondern auch dem Domherrn, der ihm die demütigenden Fragen stellen musste.

Frei von Zwängen

Nach dem Outing durfte er nicht mehr als Pfarrer arbeiten. Das Paar lebte zeitweise bei ihren Eltern, weil das Geld knapp wurde. Doch die Zeit hatte auch etwas Positives. Endlich konnten die beiden ihre Beziehung frei von äusseren Zwängen leben. Die neue Leichtigkeit tat gut: Susanne Stoffel wurde schwanger.

Schon bevor das Dispensverfahren lief, besuchte Susanne Stoffel einige Treffen der , des Vereins für vom Zölibat betroffene Frauen. «Das half», sagt sie rückblickend. «Am wichtigsten war mir, dass ich auf offene Ohren stiess und in einem geschützten Rahmen einfach erzählen konnte.» Sie merkte auch, dass ihre Geschichte nicht unbedingt eine der schlimmsten war.

«Ich erfuhr von schrecklichen Leidenswegen und war später froh, dass bei uns alles so gut heraus gekommen ist.» Im Januar 1997 kam ihr Sohn auf die Welt. Im März kam die nächste erfreuliche Nachricht, auf die das Paar sehnlichst gewartet hatte. «Zum Glück hatten wir einen Fürsprecher in Rom», sagt Susanne Stoffel. Durch die Hilfe eines Kardinals wanderte das Dossier offenbar von unten nach oben. «Es ging insgesamt nur ein Jahr und Jean-Louis erhielt die Dispens.» Die Familie erhielt eine neue Chance im Bistum Basel, zu dem die Stadt Schaffhausen gehört. Dort erhielt der ehemalige Priester eine Stelle als Gemeindeleiter. Heute ist er pensioniert. Susanne Stoffel arbeitet weiterhin in der katholischen Kirche, in Kloten. Sie unterrichtet Religion und ist für die Ministranten zuständig. Ausserdem ist sie bei der Fachstelle für Religionspädagogik im Kanton Zürich tätig. Ihre Geschichte war bei ihrer Arbeit nie ein Thema. Allerdings weiss sie auch aus ihrer Erfahrung: «Die Basis denkt grösstenteils anders über das Zölibat als die Kirchenoberen.» Diese halten immer noch daran fest.

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