Verkehr
Zürcher Stadtrat beschliesst Tempo 30 auf der Rosengartenstrasse

Künftig soll die Höchstgeschwindigkeit auf der Rosengartenstrasse in Zürich 30 km/h betragen. Dies gab der Stadtrat am Mittwoch bekannt. Ziel ist es, einen besseren Lärmschutz zu gewährleisten.

Laura Drott/Matthias Scharrer
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Der Verkehr auf der Rosengartenstrasse werde bei Tempo 30 besser und ruhiger fliessen, argumentiert der Zürcher Stadtrat.

Der Verkehr auf der Rosengartenstrasse werde bei Tempo 30 besser und ruhiger fliessen, argumentiert der Zürcher Stadtrat.

Keystone

Die rund 55'000 Motorfahrzeuglenker, die täglich über eine der Hauptverkehrsadern Zürichs fahren, müssen künftig auf die Bremse treten, wenn es nach dem Zürcher Stadtrat geht. Das Tempo auf der vierspurigen Rosengartenstrasse soll auf 30 km/h gesenkt werden. Die Massnahme gilt vom Wipkingerplatz über den Bucheggtunnel bis zur Schaffhauserstrasse. Damit ist eine der meistbefahrenen und lautesten Strassen der Schweiz betroffen.

Mit diesem Schritt soll die hohe Lärmbelästigung im Quartier Wipkingen verringert werden. Bisher wurden die Grenzwerte weit überschritten, auch noch in der dritten Häuserreihe. Davon betroffen sind rund 3000 Personen. Die Grenzwertüberschreitungen wollte der Zürcher Stadtrat 2017 noch mit Sanierungsmassnahmen wie Schallschutzfenstern bekämpfen. Dagegen gingen jedoch Rekurse von Anwohnerinnen und Anwohnern ein. Sie forderten, den Lärm an der Quelle zu bekämpfen – durch eine Temporeduktion.

Der Stadtrat gab ihnen nun recht, wie Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) und Andreas Hauri (GLP), Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements, vor den Medien erläuterten. Die dem Stadtrat vorgegebene Frist für die Lärmschutzmassnahmen sei bereits 2018 abgelaufen, sagte Hauri. Und es sei erwiesen:

«Lärm macht krank, das müssen wir ernst nehmen.»

Mit der tieferen Geschwindigkeit lasse sich der Lärm laut einem Gutachten um 30 bis 50 Prozent reduzieren. Zudem liessen sich Unfälle vermeiden. Allein in den letzten fünf Jahren habe es rund 400 Unfälle auf der Rosengartenachse gegeben.

Bald Tempo 30? Die Lärmbelastung an der Rosengartenstrasse soll sinken.

Matthias Scharrer

Auch punkto Verkehrsfluss sei Tempo 30 dort vertretbar: Die Fahrzeit verlängere sich dadurch lediglich um 28 Sekunden, wenn der Verkehr fliesse. Das Gutachten habe auch ergeben, dass der Ausweichverkehr in die angrenzenden Wohnquartiere nicht zunehmen werde, fügte Rykart an. Insgesamt werde der Verkehr durch Tempo 30 verflüssigt, auch die Busse würden dadurch weniger im Stau stehen. Die Sicherheitsvorsteherin räumte jedoch ein, dass die Fahrzeiten der Busse sich bei freier Fahrbahn verlängern würden. Es könne daher durchaus sein, dass die Stadt mehr Busse einsetzen müsse, um den Fahrplantakt zu halten.

Theoretisch könnte Tempo 30 auf der Rosengartenachse gemäss Rykart nach der 30-tägigen Rekursfrist in Kraft treten. Der Stadtrat sei befugt, dies in eigener Kompetenz einzuführen, wenn es keine Auswirkungen auf Strassen ausserhalb der Stadt habe.

Kantonales Stimmvolk sprach sich gegen Kapazitätsabbau aus

Allerdings ist mit Widerstand zu rechnen. Schliesslich zählt die Rosengartenstrasse seit Jahrzehnten zu den umstrittensten Themen der Zürcher Verkehrspolitik. Zudem haben die Stimmberechtigten des Kantons mit dem Anti-Stau-Artikel in der Kantonsverfassung im Jahr 2017 ersatzlose Kapazitätsabbauten auf Staatsstrassen verboten. Doch Rykart gab sich zuversichtlich, dass der Beschluss des Zürcher Stadtrats Bestand haben dürfte. Sie verwies auf ein Bundesgerichtsurteil von 2018, das Lärmschutz «sehr hoch gewichtet», wie sie sagte. Hauri fügte an:

«Es geht um Lärmschutz, nicht um Kapazitätsabbau.»

Mit seinem Entscheid für Tempo 30 macht der Stadtrat den nächsten Schritt im langen Streit um die Rosengartenstrasse, die das Wohnquartier Wipkingen zerschneidet. Zuletzt wurde im Jahr 2020 das Milliardenprojekt Rosengartentram und Rosengartentunnel im Urnengang von den Stimmberechtigten des Kantons Zürich abgelehnt. Stadt und Kanton Zürich hatten es gemeinsam erarbeitet.

Seither herrschte im Hinblick auf die Rosengartenstrasse weitgehend Funkstille zwischen Stadt und Kanton. Rykart sagte, der Stadtrat habe am Dienstag den Kanton über den bereits vor einer Woche gefällten Entscheid informiert.

An seiner Sitzung vom 1. September hatte der Stadtrat zwei weitere Einsprachen gegen Lärmschutzprojekte behandelt und zugunsten von Tempo 30 entschieden. Demnach soll auf der Ueberlandstrasse in Zürich Oerlikon zwischen Herzogenmühlestrasse und Winterthurerstrasse nachts zwischen 22 Uhr und 7 Uhr Tempo 30 eingeführt werden. Auf der Tobelhofstrasse im Stadtkreis 7 soll die Temporeduktion wie auf der Rosengartenstrasse künftig rund um die Uhr gelten.

Reaktionen

ACS rekurriert «eher nicht»

Lorenz Knecht, Direktor der Sektion Zürich des Automobil Clubs der Schweiz (ACS), kritisiert den Entscheid für Tempo 30 auf der Rosengartenachse: «Wir haben Bedenken, dass der Verkehr ins Quartier ausweicht.» Den Stadtratsbeschluss gerichtlich anfechten werde der ACS aber «eher nicht». Schliesslich sei er bereits 2016/17 vor Bundesgericht gescheitert, als er die Ausdehnung von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen stoppen wollte. Lob erntet der Stadtrat von links-grüner Seite: Der Verkehrs Club der Schweiz sieht einen Schritt hin zu einem stadtverträglicheren Verkehr – und erwartet, dass der Stadtrat an der Badenerstrasse und vergleichbaren Strassen auch Tempo 30 einführt. Die SP zeigt sich erfreut – und fordert mehr Fussgänger-Übergänge sowie Velostreifen an der Rosengartenstrasse. 

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