Nachgefragt
«Verheerend»: die Präsidentin des Kindergartenverbands zum Bundesgerichtsentscheid

Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich, will weiterkämpfen – auch nach dem Bundesgerichtsentscheid, der die Löhne für Zürcher Kindergärtnerinnen dort belässt, wo sie sind.

Philipp Lenherr
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Kindergärtnerinnen im Kanton Zürich sind nicht Opfer von Lohndiskriminierung, sagt das Bundesgericht. Nun nimmt die Präsidentin Zürcher Kindergarten-Verbands Stellung. (Symbolbild)

Kindergärtnerinnen im Kanton Zürich sind nicht Opfer von Lohndiskriminierung, sagt das Bundesgericht. Nun nimmt die Präsidentin Zürcher Kindergarten-Verbands Stellung. (Symbolbild)

Keystone

Ist das Thema Lohndiskriminierung mit dem Bundesgerichtsentscheid für Sie vom Tisch?

Brigitte Fleuti: Nein. Es ist wie damals mit dem Frauenstimmrecht: Wir bleiben dran und kämpfen weiter um die volle Anerkennung. Irgendwann wird sie uns beigemessen werden. In Japan ist es so, dass die Lehrpersonen auf der Kindergartenstufe am besten bezahlt werden. Weil man dort weiss, dass Dinge, die man im Kindheitsalter nicht lernt, später kaum noch nachgeholt werden können.

Mit welchen Mitteln wollen Sie das Ziel weiter verfolgen?

Wir werden zunächst unsere weiteren Möglichkeiten prüfen. Wir werden sicher auf politischem Weg noch einmal darlegen, welche Mehraufgaben wir in den vergangenen Jahren übernommen haben. Ich möchte vom Volksschulamt gerne hören, wo wir Abstriche machen sollen, um eine Wochenarbeitszeit von 36,5 Stunden einzuhalten. Mein Pädagogenherz sagt mir natürlich, dass man bei den Kindern keine Abstriche vornehmen darf.

Haben Sie Verständnis für die Begründung des Entscheids?

Der Entscheid ist mit 3:2-Stimmen sehr knapp ausgefallen. Er mag zwar rein juristisch gesehen korrekt sein, aber aus pädagogischer und gesellschaftlicher Sicht hat er eine verheerende Signalwirkung. Das ist sehr bedauerlich. Wir haben immer 100 Prozent gearbeitet – und jetzt soll das nur noch 87 Prozent wert sein.

Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich (VKZ)      

Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich (VKZ)      

zvg

Wie beurteilen Sie die Folgen des Entscheids?

Wir Kindergartenlehrpersonen haben vollen Einsatz gegeben und 42 Stunden pro Woche gearbeitet. Zukünftig haben wir noch 36,5 Stunden, um unseren Job zu erfüllen, der früher als 100-Prozent-Stelle gegolten hat. Wir werden also weniger Zeit haben, um uns um die Kinder zu kümmern, den Unterricht vorzubereiten, mit den Eltern in Kontakt zu sein oder um Fachliteratur zu neuen Herausforderungen zu lesen.

Verliert der Beruf infolge des Urteils an Attraktivität?

Die Signalwirkung auf junge Leute, die den Beruf ergreifen möchten, ist verheerend. Sie wollen nicht nur einen sinnvollen Beruf, sondern auch entsprechende gesellschaftliche Anerkennung und Bezahlung. Die offenen Stellen im Kanton Zürich konnten zuletzt nur mit grössten Schwierigkeiten besetzt werden. Mit dem jetzigen Entscheid wird es noch schwieriger, Personal zu rekrutieren.

Mehr zum erwähnten Bundesgerichtsentscheid lesen Sie hier.

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