Tanzdemo

Verfahren im Tanzdemo-Fall eingestellt – Anwalt denkt über Rekurs nach

Verfahren im Tanzdemo-Fall eingestellt – Anwalt denkt über Rekurs nach. (Archiv)

Verfahren im Tanzdemo-Fall eingestellt – Anwalt denkt über Rekurs nach. (Archiv)

Neues Kapitel im Fall der schwer verletzten Teilnehmerin der Tanzdemonstration vom Herbst 2013: Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die Polizei eingestellt – und spricht nun von einem «schicksalhaften Ereignis».

Es geschah im September 2013. Bei Ausschreitungen an der nicht bewilligten Tanzdemo «Standortfucktor» gegen die Kommerzialisierung des Ausgangs- und Stadtlebens trug in Winterthur eine damals 19-jährige Frau schwere Augenverletzungen davon.

Daraufhin reichte sie eine Strafanzeige ein. Denn die junge Frau machte geltend, dass die Verletzung aufgrund eines Gummischrotgeschosses der Polizei entstanden sei.

Anfang letzten Jahres sagte die Winterthurer Staatsanwaltschaft hingegen, dafür gebe es keine hinreichenden Beweise; ein Verfahren wollte sie deshalb nicht eröffnen.

Das Zürcher Obergericht wiederum erklärte nur wenige Monate später, die Staatsanwaltschaft sowie die am Einsatz nicht beteiligte Stadtzürcher Polizei hätten ungenügend ermittelt.

Das juristische Pingpong ging somit in die nächste Runde. Der Ball lag jetzt bei der Staatsanwaltschaft I für besondere Untersuchungen.

Sie musste auf Geheiss des Obergerichts doch noch eine Strafuntersuchung gegen unbekannte Mitarbeiter von Kantonspolizei und Stadtpolizei Winterthur eröffnen.

In der rund 20-seitige Begründung für den Entscheid der Staatsanwaltschaft steht, dass das Verfahren wegen Amtsmissbrauchs eingestellt wird.

Und zwar deshalb, weil es aufgrund der vorliegenden Untersuchungsergebnisse und mangels «zielführender Ermittlungsansätze» nicht möglich sei, eine Anklage zu erstellen.

Es fehlt der Beweis

Somit könne «niemand für dieses schicksalhafte Ereignis, welches die Geschädigte ereilte, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden», heisst es in der Einstellungsverfügung wörtlich.

Aufgrund der Untersuchung der Staatsanwaltschaft scheinen deshalb zwei Fragen vorerst beantwortet zu sein:

  • 1. Es gibt zwar viel Videomaterial von der Tanzdemo. Doch keine Sequenz von den von der Polizei gemachten Aufnahmen hält jenen entscheidenden Moment fest, in dem die junge Frau an einem Auge verletzt wurde.
  • 2. Aufgrund der ausgewerteten Videoaufzeichnungen lässt sich zudem auch nicht sagen, dass die Distanz für eine allfällige Schussabgabe mit Gummischrot nicht eingehalten wurde.

Vorwurf an Polizeibehörde

«Ich werde nun mit meiner Mandantin überlegen, ob wir innert zehn Tagen gegen die Einstellungsverfügung beim Obergericht Rekurs einlegen sollen», sagt Markus Bischof, Anwalt der Verletzten und AL-Kantonsrat.

Doch auch unabhängig von diesem Entscheid sieht er die für den damaligen Polizeieinsatz verantwortlichen Politiker nach wie vor in der Mitverantwortung.

Denn am Anfang sei die Tanzdemo eine friedliche Demonstration gewesen, erst durch den Einsatz der Polizei sei die Situation eskaliert.

Die Polizeibehörden der Stadt Winterthur wollen zu diesem Vorwurf vorerst keine Stellung beziehen.

Ebenso wenig zur vorliegenden Einstellungsverfügung. «Solange das Verfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, geben wir keinen Kommentar ab», erklärt Andreas Friolet, stellvertretender Informationschef der Stadt Winterthur.

Deutlich gesprächiger zeigte sich gestern hingegen jene junge Winterthurerin, die den Fall ins Rollen brachte und nach wie vor unter den Folgen der Augenverletzung zu leiden hat. Allerdings: Überrascht ist sie vom Verdikt der Zürcher Justiz nicht.

«Das ist absolut stossend»

«Welches Ergebnis soll da schon herausschauen, wenn die eine Polizei die andere untersucht», erklärt die junge Frau.

So oder so macht sie der Entscheid wütend und traurig. «Es ist beispielsweise absolut stossend und unlogisch, dass man mir unterstellt, ich hätte meine schwere Augenverletzung auch durch einen Ellbogen- oder Stockstoss oder einen Feuerwerkskörper erleiden können.»

Und wie steht es konkret um ihre Gesundheit? «Meine Sehkraft ist stark eingeschränkt und die Ärzte stellen mir keine guten Prognosen.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1