Interview

Verena Diener: «Ich bin auch im Komitee von Martin Graf»

Ob Verena Diener noch einmal antritt, lässt sie vorerst offen: Eine Präferenz habe sie, sagt sie. Doch den Entscheid werde sie erst über die Neujahrstage fällen.

Ob Verena Diener noch einmal antritt, lässt sie vorerst offen: Eine Präferenz habe sie, sagt sie. Doch den Entscheid werde sie erst über die Neujahrstage fällen.

Welches Verhältnis hat sie zu Weihnachten, wie denkt sie über ihre frühere Krebskrankheit und nach welchen Kriterien verteilt sie ihre Gunst in Wahlkomitees? Die Zürcher Ständerätin Verena Diener (GLP) im Interview.

Haben Sie den weihnachtlichen Geschenkerummel hinter sich?

Verena Diener: Ich hörte schon vor vielen Jahren auf, «Gschenkli» zu machen. Ausser dass ich hie und da ein Kistchen Orangen verschenkte. Von daher habe ich keinen Weihnachtsstress mehr.

Täten das alle, hätte die Wirtschaft ein Problem.

Zum Ausgleich bin ich während des Jahres grosszügig beim Schenken.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Geschenkejagd in den Läden sehen?

Für mich ist Weihnacht nicht primär ein Wirtschaftsfaktor, sondern findet im Herzen statt. Hektik und Stress verdecken die Essenz der Weihnacht, statt sie zu fördern. Häufig trifft man enervierte und erschöpfte Leute an. Darum sehe ich den Weihnachtsrummel mit Skepsis.

Was ist Ihr persönliches Verhältnis zu diesem Feiertag?

Weihnacht ist für mich sehr stark ans Licht gekoppelt. Die Menschen zeigen in der dunkelsten Jahreszeit das Bedürfnis nach Licht, indem sie Kerzen anzünden und Bäume und Sträucher mit Lichtgirlanden schmücken. Ich frage mich, ob sich die Menschen bewusst sind, was sie da symbolisch zum Ausdruck bringen.

Sind Sie religiös?

Ja, ich bin getauft, konfirmiert und Mitglied der evangelischen Landeskirche. Seit meiner Kindheit ist der Glaube und die Zugehörigkeit zur Landeskirche für mich ein tragender Teil.

Wie verbringen Sie jeweils die Weihnachtstage?

Es hat eine intensive Veränderung gegeben, als mein Mann letztes Jahr starb. Seither ist es mir emotional nicht mehr möglich, in der bisherigen Art Weihnacht zu feiern. Ich bin am Ausprobieren neuer Formen.

Im Kreise von Kindern und Enkeln?

Meine Kinder und Enkelkinder gehören sicher dazu. Daneben gibt es aber auch Raum für Stille und Trauer. Sie gehören zum Loslassen.

2003, als Sie Zürcher Gesundheitsdirektorin waren, erkrankten sie an Krebs. Wie hat Sie diese Krankheit verändert?

Sie machte mir bewusster, dass wir nur vorübergehend Gäste auf dieser Erde sind. Und sie brachte mir das Thema Tod näher. Trotz der sehr schweren Erkrankung hatte ich nie Angst vor dem Tod. Das war eine gute Erfahrung.

Ist für Sie die Krankheit kein Thema mehr?

Der Ausbruch liegt jetzt elf Jahre zurück. Ich habe heute gute Energien und bin dankbar für die jetzige Gesundheit. Aber ich weiss: Krankheiten können jederzeit spontan in anderer Form wieder ausbrechen.

Oft sagen Leute, die Krankheiten überstanden haben, sie lebten nun anders als zuvor. Ist das bei Ihnen auch so?

Nicht anders, aber bewusster.

Das heisst?

Dass ich mir klarer darüber bin, was ich mit meinen täglich 24 Stunden mache. Mein Wertesystem und meine ethische Grundhaltung haben sich verstärkt.

Wie würden Sie diese zusammen fassen?

Das Leben ist ein riesiges Geschenk. Wir bleiben meist viel zu lange an Nebensächlichkeiten hängen, statt uns um wirklich Wichtiges zu kümmern. Das sind für mich: Respekt vor allen Lebewesen, Solidarität, Nachhaltigkeit, Lebensfreude und Liebe.

Die Politik kommt in dieser Aufzählung nicht vor, obwohl Sie sich ihr seit 30 Jahren verschrieben haben. Sie scheint Ihr Lebenselixier zu sein.

Sie ist mir wichtig und wurde zu meinem Beruf. Ich mache diese Arbeit sehr gern und habe den Eindruck, dass ich immer noch gute Impulse einbringen kann. Jedenfalls erlebe ich das so in den Ständerats-Kommissionen und im Ratsplenum.

Welche Rolle spielt es für Sie, dass Sie im Pensionsalter sind?

Da ich geistig und körperlich noch viel Energie habe, würde ich mir eine andere Arbeit oder ein anderes Projekt suchen, wenn ich mit der Politik aufhören würde. Ich arbeite einfach gern.

Und jetzt die unvermeidliche Frage, die Ihnen schon x-fach gestellt worden ist: Treten Sie nochmals an?

Das entscheide ich über die Weihnachts- und Neujahrstage. Ich habe eine Präferenz, die aber noch nicht abschliessend ist.

Welche Präferenz?

Dazu nur so viel: In beiden Waagschalen hat es gewichtige Argumente. Es wird auf jeden Fall ein knapper Entscheid sein, wie auch immer er ausfällt.

Mit wem wären Sie als Ständerätin lieber zusammen: Mit Ruedi Noser (FDP) oder Daniel Jositsch (SP)?

Es ist nicht an mir, eine Vorliebe zu formulieren. Die Bevölkerung muss die Zusammensetzung beantworten.

Wer steht Ihnen politisch näher?

Bei Ruedi Noser spricht mich seine wirtschaftsliberale Position an. Bei Daniel Jositsch ist es die ökologische Haltung. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Das ist die klassischen GLP-Position: In Wirtschaftsfragen rechts, in ökologischen links.

Ich halte das Rechts-Links-Schema für veraltet. Aber es stimmt: Ökologie ist noch immer links positioniert. Das wirft ein schlechtes Licht auf den Bürgerblock. Nachhaltigkeit müsste eigentlich ein urbürgerliches Anliegen sein. Der rechte Flügel gibt der Ökologie leider nicht das nötige Gewicht.

Sie gründeten im Weinland eine Sektion der Grünen Partei. Wie kam es, dass Sie sich politisch mehr und mehr rechts orientierten?

Ich war noch nie eine linke Politikerin. Auch nicht, als ich 1982 die Grüne Sektion im Weinland gründete. Schon damals war es so, dass die Grünen in den Städten viel stärker links standen als auf dem Land. Als sich der Linksdrall der Grünen in Zürich ab dem Jahr 2000 verstärkte, stimmte es für mich in der Grünen Partei nicht mehr, sodass ich 2004 mit Martin Bäumle die GLP gründete. Ich habe nie anders politisiert als heute.

Als einzige grössere Partei stellt die GLP im Kanton Zürich keinen Regierungsratskandidaten für die Wahlen 2015 auf. Vergibt sie sich da nicht ein Chance, sich zu profilieren?

Es kann sein, dass sich dieser Entscheid als Bumerang erweist, weil die GLP mit keinem Gesicht im Wahlkampf präsent ist. Aber wir finden, es pervertiert die Wahlen, wenn jede Partei um jeden Preis eine Person aufstellt, unabhängig davon, ob diese fähig ist oder der richtige Zeitpunkt für die Partei gekommen ist.

Kandidaten aufstellen heisst auch, Wahlkämpfe machen. Sie haben schon viele geführt. Hassen Sie sie mittlerweile?

Hassen nicht gerade. Aber Wahlkämpfe empfand ich immer als sehr verschleissend und belastend. Das Verkäuferische entspricht nicht meiner Wesensart. In der realen Politik sind andere Fähigkeiten gefragt: Wissen, zuhören und Leute abholen. Wahlkämpfe gehören für mich garantiert auf die Waagschale jener Dinge, die mich von einer Wiederkandidatur als Ständerätin eher abhalten.

Im Regierungswahlkampf reisst man sich darum, Sie im Komitee zu haben. Nach welchen Kriterien vergibt die Zürcher Grand Dame der Politik ihre Gunst?

Ich bin ja den Komitees von Silvia Steiner (CVP) und Carmen Walker Späh (FDP) beigetreten. Der Grund ist, dass ich diese beiden Frauen für fähig halte. Zudem politisieren sie wirtschaftsliberal – nicht blindlings, sondern fein nuanciert. In der Zürcher Regierung braucht es mindestens wieder zwei Frauen. Noch besser wären drei.

Und wo bleibt die Ökologie, die Sie hochhalten?

Ich habe mich entschlossen, auch dem Komitee von Regierungsrat Martin Graf (Grüne) beizutreten. Mit ihm habe ich das bereits abgesprochen. Graf vertritt für mich die verlässliche ökologische Schiene. Selbstverständlich gibt es noch andere wählbare Regierungsratskandidaten, aber es macht ja keinen Sinn, in sieben oder zehn Komitees mitzumachen.

Wie halten Sie es mit dem Komitee von Jacqueline Fehr (SP)?

Sie hat mich bis jetzt nicht angefragt, weshalb sich die Frage noch nicht stellt. Ich habe Respekt vor ihr. Sie ist eine prononcierte und fundiere Politikerin. Aber ich habe meine Unterstützungspräferenzen eher im ökologischen und im liberalen Kandidatenfeld. Vor vier Jahren war ich übrigens trotzdem im Komitee von Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP).

Sie hätten gern mehr Frauen in der Regierung. Halten Sie Quoten für ein taugliches Konzept?

Nein. Frauenquoten mögen zwar das Bewusstsein dafür wecken, wie wenig Frauen noch immer in Führungspositionen sind. Aber gesetzlich verordnete Quoten sind der falsche Weg, weil sie die Wirtschaft zu stark einengen. Zudem könnte man mit Quoten mit guten Gründen alles Mögliche fordern.

Zum Beispiel?

Dass Unternehmen einen bestimmten Prozentsatz an Arbeitnehmenden einstellen müssen, die älter als 50 Jahre sind. Ältere Personen haben bekanntlich immer mehr Mühe, eine neue Stelle zu finden, wenn sie arbeitslos werden. Aber auch hier wären Quoten der falsche Weg. Das Gute an der Quotendiskussion ist, dass sie den Blick auf reale Probleme lenkt.

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