In ein Heim gesteckt oder auf einen Bauernhof verdingt, zwangssterilisiert, zwangskastriert oder administrativ versorgt. Die Liste der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die vor 1981 in der Schweiz gang und gäbe waren, ist lang und grausig.

Die Opfer waren seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt oder erlitten sexuellen Missbrauch. Der Bund schätzt, dass heute schweizweit noch zwischen 12 000 und 15 000 Betroffene am Leben sind.

Bis zum 31. März haben sie die Gelegenheit, ihr Gesuch für eine Wiedergutmachung von maximal 25 000 Franken einzureichen. Auf Bundesebene steht ein Topf mit 300 Millionen Franken zur Verfügung. Am Freitag hat Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) zusammen mit den Fachleuten auf die Unterstützungsangebote hingewiesen, die den Betroffenen zur Verfügung stehen. Landesweit sind bis jetzt 5285 Gesuche für einen Solidaritätsbeitrag eingegangen. Rund ein Fünftel davon dürfte aus dem Kanton Zürich kommen. Täglich gehen zwischen 20 und 40 neue Gesuche ein. Gut 600 Gesuche wurden bereits genehmigt.

Abschlägige Entscheide blieben aus. «Mir ist wichtig, dass die Betroffenen ihre Geschichte selbstbestimmt bewältigen können», sagte Fehr. Die Konfrontation mit ihrer Kindheit sei für viele der Betroffenen mitunter schmerzhaft, weil sie Dinge über die Familie erführen, die sie zuvor nicht gewusst hätten. «Es gibt ein Recht auf Wissen und auf Nichtwissen», sagte Fehr. Die Menschen hätten auch das Recht, auf den Solidaritätsbeitrag zu verzichten.

Man will aber vermeiden, dass jemand den Beitrag nicht erhält, weil er an der Hürde des Gesuchs scheitert. Befürchtungen, die Einkommenssteuer würde wegen des Beitrags steigen oder allfällige Ergänzungsleistungen würden gekürzt, entbehren jeder Grundlage.
Eine wichtige Aufgabe kommt Verena Rothenbühler vom Staatsarchiv Zürich zu. Sie macht sich auf die Suche nach den Akten. Schliesslich müssen die Opfer nachweisen, dass sie Opfer sind. Und schriftliche Dokumente fehlen oft.

Detektivarbeit gefragt

Rothenbühler trägt für Betroffene, die zuvor einen Auftrag für Aktensuche ausgefüllt haben, die wichtigsten Schriftstücke zusammen. Die erste Anlaufstelle ist für die Historikerin meist die Wohngemeinde der Eltern zum Zeitpunkt der ersten Fremdplatzierung. Häufig wird sie bei den Akten der Vormundschaftsbehörde fündig. Zweite Adresse sind die Heime, wobei da oft die Akten fehlen. Falls nicht, sei es für die Betroffenen oft enttäuschend. «In den Aufzeichnungen steht, wie viele Paar Hosen sie ins Heim mitgebracht haben. Dass man die Kinder schlecht behandelt hat, wird nicht erwähnt», sagte Rothenbühler. In einem Fall war die Absenzenliste der Primarschule der einzige Beleg für eine Fremdplatzierung.

Akten nachreichen

Zuletzt kommentiert Rothenbühler die Akten und leitet sie an die Opferhilfe oder die Betroffenen weiter. Sie hilft auf Wunsch beim Ausfüllen des Gesuchs. Dieses hat jetzt wegen der Deadline vom 31. März Vorrang. Akten können nachgereicht werden. Statt ans Staatsarchiv kann man sich an die Opferberatung wenden.