Coronavirus
Verbotene Liebe: Wie sich ein Paar über die Grenzsperre hinweg treffen muss

Beim Weiler Buchenloo im Bezirk Bülach, an der Grenze zu Deutschland, trifft sich ein junges Paar. Für die Deutsche und den Schweizer ist dies zurzeit die einzige Möglichkeit, ihre Liebe zu leben.

Andrea Söldi
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Ein Liebespaar auf Distanz: Sabine Vlad aus dem deutschen Dettighofen und Sandro Kündig aus Dübendorf treffen sich am gesperrten Grenzübergang in Wil im Bezirk Bülach.

Ein Liebespaar auf Distanz: Sabine Vlad aus dem deutschen Dettighofen und Sandro Kündig aus Dübendorf treffen sich am gesperrten Grenzübergang in Wil im Bezirk Bülach.

Leo Wyder

Eigentlich hätten Sabine Vlad und Sandro Kündig das Osterwochenende gemeinsam verbringen wollen. Das junge Paar hatte vor, nach Stuttgart zu fahren und Sabine Vlads Tante zu besuchen. Dann aber machte ihnen die Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Reisen ist zurzeit sowieso nicht angesagt. Und für die Deutsche und den Schweizer ist die Situation besonders schwierig: Die Grenze ist nun schon länger gesperrt. Die einzige Möglichkeit, sich real zu begegnen, ist ein Treffen am Grenzübergang.

Am Karfreitag standen sich die beiden an der Brücke über den Schwarzbach gegenüber, im Weiler Buchenloo in Wil im Bezirk Bülach. Mit etwa vier Metern Abstand. Der normalerweise unbewachte Grenzübergang ist zurzeit mit Betonblöcken und Eisengittern verstellt. «Wir haben etwa vier Stunden lang über alles gesprochen», erzählt der 23-Jährige aus Dübendorf. «Es war sehr schön, meine Freundin endlich wieder einmal zu sehen.» Die Bauernfamilie, die gleich neben dem Grenzübergang wohnt, habe ihm sogar einen Stuhl und ein Tischchen hingestellt, freut sich Kündig.

Beim Servieren geschäkert

Sabine Vlad wohnt in Dettighofen, einem Dorf, das nur etwa einen Kilometer hinter der Schweizer Grenze liegt. Die fast 19-Jährige besucht das Gymnasium und arbeitet an den Wochenenden häufig in einem Landgasthof mit Pferden. Dort haben sich die beiden vor eineinhalb Jahren kennen gelernt. Der Schweizer war mit seinen Eltern und Geschwistern im Restaurant zum Abendessen, wo die junge Frau servierte. «Wir haben uns die ganze Zeit angelacht und zusammen geschäkert», erinnert er sich.

Nach dem Essen habe er an der Réception nach ihrem Namen gefragt und ihr einen Brief geschrieben. Sie habe sich noch am gleichen Abend bei ihm gemeldet. Seither verbringen die beiden fast jedes Wochenende zusammen – entweder in Deutschland oder bei Sandro Kündig in Dübendorf. Sie fahren mit den Rollerblades um den Greifensee, grillieren, gehen mit Sabine Vlads Hund spazieren oder auch mal nach Zürich in den Ausgang.

Die Trennung kam für das Paar überraschend. Das Wochenende vom 14./15. März verbrachte Sabine Vlad noch bei ihrem Freund in Dübendorf. Am Sonntagabend erfuhren die beiden, dass die Grenze gesperrt wird. «Da wurde uns klar, dass wir uns längere Zeit nicht sehen würden», erzählt Kündig. «Wir konnten uns noch voneinander verabschieden.» Zu Beginn war sogar der Kontakt über Telefon und digitale Kanäle schwierig, weil die Internetverbindung in Dettighofen mangelhaft ist und die junge Frau kein Mobiltelefon-Abo hat. Zudem musste sie zuerst einmal in Quarantäne, weil eine ihrer Lehrerinnen mit dem Virus infiziert war. Da sie noch bei ihren Eltern wohnt, musste Sabine Vlad zwei Wochen in ihrem Zimmer verbringen.

«Die Sehnsucht wird immer grösser»

Nun können sich die beiden immerhin zuwinken. Mit der Privatsphäre ist es an der Grenze jedoch nicht weit her. Immer wieder kommen Spaziergängerinnen und Velofahrer vorbei und interessieren sich für die ungewöhnliche Szene. Etwa jede halbe Stunde fliegen Helikopter der Grenzwache vorbei. Als die Beamten das Paar am Freitag entdeckten, kamen sie kurze Zeit später mit dem Auto. Sie nahmen die Personalien auf und verlangten nach einem Ausweis.

Für Personen, die in der Schweiz arbeiten, oder Transporte ist der Grenzübertritt weiterhin erlaubt, muss nun aber über grössere Übergänge erfolgen. Die kleineren, zu denen auch Buchenloo gehört, wurden geschlossen, um den Kontrollaufwand klein zu halten.

Am Ostermontag trafen sich die beiden Liebenden erneut an der Brücke. Sandro Kündig rechnet damit, dass die Sperrung noch für mindestens einen Monat aufrechterhalten bleibt. Natürlich habe er Verständnis für die Massnahme, sagt der angehende Kundenberater bei der Zürcher Kantonalbank. Doch einfach sei es schon nicht: «Die Sehnsucht wird immer grösser.»

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