Jubiläum
Verband der Studierenden an der ETH Zürich feiert 150-Jahr-Jubiläum

Der Verband der Studierenden an der ETH Zürich (VSETH) feiert am (morgigen) Freitag sein 150-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum lassen die Verantwortlichen die Tradition hochleben. Selbst der Fackelzug durch die Innenstadt - ein legendäres Ritual der Polytechniker - wird wiederbelebt.

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Studierende der ETH Zürich (Symbolbild)

Studierende der ETH Zürich (Symbolbild)

Keystone

Am 14. März 1862, sieben Jahre nach der Gründung des Polytechnikums (der heutigen ETH), schlossen sich die Studierenden zum «Polytechnischen Verein Zürich» zusammen. Die «Kampforganisation» hatte sich zum Ziel gesetzt, bestehenden Missständen an der Schule zu Leibe rücken.

Schon kurz nach der Gründung kam es zum Aufstand gegen die Schulleitung. Die Autoritäten reagierten wie damals üblich: Die Rädelsführer wurden von der Schule gewiesen. Daraufhin solidarisierten sich die übrigen Studierenden mit den Ausgeschlossenen. Gegen 300 Studierende verliessen unter Protest die Hochschule.

Nach diesem Kraftakt verfiel der Verband in einen Tiefschlaf, wie es in der Jubiläumsschrift heisst. Vereinsmeierei und elitäre Privilegienpolitik blieben die wesentlichen Tätigkeiten. Mangels Interesse wurde der «Polytechnische Verein» im Februar 1867 aufgelöst und im März 1878 der Verein der Polytechniker (VDP) gegründet, aus dem später der VSETH hervorging.

Mit dem VDP wurden Aktivitäten bedeutender, die sich an den alltäglichen und sozialen Bedürfnissen der Polytechniker orientierten. Der Verein setzte sich dafür ein, dass die Studierenden Bücher günstiger erwerben konnten und organisierte Bildungsreisen. Dazu gab es klassische studentische Disziplinen wie Rudern und Fechten.

Ein wichtiger Bestandteil der Vereinsaktivitäten waren öffentlichkeitswirksame Fackelzüge. Über Jahrzehnte ehrte man auf diese Weise nahezu jeden Professor, der einen Ruf an eine andere Hochschule ablehnte. Zum Markenzeichen wurde auch der legendäre Polyball, der 1949 erstmals in den heiligen Hallen des ETH- Hauptgebäudes durchgeführt werden durfte.

Mitbestimmung als Dauerbrenner

Wie ein roter Faden durchzieht die Geschichte der Studierenden- Organisationen die Diskussion über Studienfreiheit und Mitbestimmung. Bereits ausgangs des 19. Jahrhunderts riefen «der verschulte Studienalltag, rigide Promotionsreglemente, undurchsichtige Notengebungen sowie die Praxis von Sittenzeugnisse» den Unmut der Studierenden hervor.

1902 formulierte der Verein Polytechniker eine Petition an den Bundesrat, in der er sich für eine Akademisierung des Polytechnikums einsetzte.

Doch es sollten noch annähernd zehn Jahre vergehen, bis eines der wichtigsten hochschulpolitischen Ziele erreicht wurde. Erst 1911 wurde mit der Umbenennung des eidgenössischen Polytechnikums in die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) die Akademisierung eingeleitet.

Aus Schülern wurden Studenten, aus Lehrern Professoren, obligatorische Stundenpläne wurden durch nicht verbindliche Normalstudienpläne ersetzt und Absolvierende der ETH konnten nun promovieren. Zeitgleich wurde aus dem VDP der Verband der Studierenden der ETH Zürich (VSETH).

Das Verbandsleben verlief zunächst in ruhigen Bahnen. Man organisierte Feste, bei denen weniger der Tanz denn der Bierkonsum im Vordergrund standen. Man nahm Repräsentationspflichten wahr, schwenkte dazu Fahnen und trug «Vollwichs» - eine Uniform mit Reitstiefeln, Schnurrock und charakteristischer Mütze.

Politisch hielt sich der Verband der Studierenden häufig vornehm zurück. Das Abseitsstehen verteidigte er mit dem Argument, politisch neutral oder gar apolitisch bleiben zu wollen. So schwieg er beispielsweise beim Schicksal russischer Studierender, die sich, überrascht von der Oktoberrevolution von 1917, plötzlich mittellos in Zürich wiederfanden.

Auch 1944 konnte sich der VSETH bei der Deportierung ungarischer Juden und deren absehbaren Ermordung durch die Nationalsozialisten nicht zu einer Protestnote durchringen.

ETH-Gesetz im Alleingang gebodigt

Politisch bewegt wurde der VSETH durch die Studentenproteste im Jahre 1968. Im Alleingang ergriff er das Referendum gegen das neue ETH-Gesetz, das die Übernahme der Ecole politechnique Lausanne, die spätere ETH Lausanne, durch den Bund regeln sollte. Der Hauptgrund dafür war der Mangel an studentischer Mitbestimmung im Gesetz.

Nach einem Abstimmungskampf, der mit «eigenem Witz, mit vielen Ideen und wenig Geld» geführt wurde, wie das Schweizer Fernsehen vermeldete, wurde das Gesetz 1969 vom Schweizer Stimmvolk abgelehnt. Es war dies der grösste politische Erfolg des VSETH.

Nach der gewonnenen Abstimmung war es mit der Aufbruchstimmung vorbei. Unter den Studierenden machten sich Krisensymptome breit, die 1971 mit einem Skandal ihren Höhepunkt erreichten. Im «Roten Hochschülerbuch» wurde die ETH als «Nationaler Technischer Kindergarten» apostrophiert. Die ETH mache aus Studierenden «anpassungsfähige Fachidioten».

Unter dem Druck von Professoren musste der damalige Präsident des VSETH sein Studium an der ETH abbrechen. Die «Politisierung» führte zudem 1972 zur Gründung der SOS ETH. Die bürgerlich orientierte Organisation positionierte sich als unpolitische Selbsthilfe und als Gegengewicht zum VSETH.

Abschied von der «Burschenherrlichkeit»

Fast gleichzeitig übergab der VSETH drei seiner vier Vereinsfahnen dem Schweizerischen Landesmuseum und verabschiedete sich von der Tradition der «Burschenherrlichkeit», auf die er sich über 100 Jahre bezogen hatte.

Ein Jahrzehnt nach dem erfolgreichen Referendum gegen das ETH- Gesetz waren die Beziehungen zwischen dem VSETH und der Hochschule frostig geworden. Die Festivitäten zum 125-Jahr-Jubiläum der ETH im Jahre 1980 boykottierte der Verband und rief stattdessen zu einer Protestveranstaltung vor der Tonhalle auf. Betrüblicher Höhepunkt des Festanlasses war eine anonyme Bombendrohung.

1991 sammelte der VSETH erneut Unterschriften gegen ein neues ETH- Gesetz. Doch «1968» wiederholte sich nicht. Dem Verband fehlte die Kraft für ein erneutes Referendum. Aufsehenerregende politische Impulse gingen nach der zweiten Hälfte der 1990er Jahre vom VSETH kaum mehr aus.

Heute ist der VSETH gewollt unpolitisch und und bildet mit seinen 16 Fachvereinen, 15 Kommissionen und 16 Organisationen die einzige Studierendenvertretung an der ETH. Seit 2008 hat der Verein einen Rahmenvertrag mit der Hochschule.

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