In der Velowerkstatt ist es warm. Der Duft von Pneugummi liegt in der Luft. An den Arbeitsplätzen der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich stehen – junge, mittel-junge und nicht mehr ganz so junge – Männer und reparieren mit Occasion-Teilen Radlager, Übersetzungen, wechseln Bremsen oder Schläuche aus oder ziehen neue Speichen an den Rädern auf. In der Werkstatt in Oerlikon werden seit 25 Jahren jene Fahrräder repariert, die kommenden Samstag an der zweiten von sechs Veloganten der Stadt Zürich versteigert werden.

Zulieferer der Zweiräder ist die Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ). Pro Jahr sammeln ihre Angestellten rund 3500 herrenlose Gefährte an öffentlichen Plätzen der Stadt ein. Meldet sich drei Monate lang kein Besitzer, landen die Velos bei David Müller, dem stellvertretenden Leiter der Velowerkstatt in Oerlikon.

Vielfältige Integration

An den Decken der Werkstatt sind Pneus und Räder aufgereiht. Zwischen den Arbeitsbänken stehen vereinzelte Schmuckstücke von Velos, an den Wänden hängen einzelne Fahrgestelle. Heute sind in der Werkstatt 52 Personen tätig. Sie demontieren die von der ERZ gelieferten herrenlosen Fahrräder und reparieren diese mehrheitlich mit Occasion-Teilen. «Der Recyclinggedanke ist uns sehr wichtig. Pro repariertes Velo setzen wir deshalb Neuteile im Wert von höchstens 20 Franken ein», sagt David Müller.

Müller selber gehört wie das Ersatzteillager zum Herzen der Velowerkstatt – seit den Anfängen ist er mit dabei. Vor 25 Jahren startete das Arbeitsintegrationsprojekt der Stadt Zürich mit sechs Teilnehmern. «Das waren ausschliesslich Methadonbezüger», erinnert sich Müller. «In unserer Werkstatt finden sich die unterschiedlichsten Biografien», sagt er weiter. Es sind einerseits junge Menschen, die nach der Grundausbildung den Anschluss an den ersten Arbeitsmarkt verpasst haben.

Teilweise sind sie in den Drogenkonsum oder die Kleinkriminalität abgerutscht. Derzeit befinden sich acht Jugendliche im Berufsvorbereitungsprogramm. In der Velowerkstatt finden sie eine Aufgabe, werden angelernt und von Müller und seinen drei Teamkollegen fit für den Arbeitsmarkt gemacht: «Pro Jahr vermitteln wir aus den städtischen Arbeitsintegrationsprogrammen rund 30 Prozent unserer Mitarbeiter an den ersten Arbeitsmarkt.»

Seit 1995 dürfen die Sozialarbeiter und Sozialpädagogen der Velowerkstatt auch Lehrlinge ausbilden. Müller, der selber an der Berufsschule Winterthur unterrichtet, sagt: «Velomechaniker sind eine kleine Berufsgruppe. Sie haben aber gute Anschlusschancen in anderen Branchen.» Zudem gibt es das sogenannte «Back to School»-Programm. Dieses ist Schülerinnen und Schülern der Oberstufe vorbehalten, die aufgrund Verhaltensauffälligkeiten im Unterricht schwierig zu tragen sind.

Während ein paar Wochen bis zu maximal drei Monaten können sie an zwei bis drei Tagen pro Woche in der Werkstatt mitarbeiten. Während sie in der Schule vielleicht aufmüpfig seien, würden sie hier ruhiger, erzählt Müller. Die Konfrontation mit der erwachsenen Berufswelt hinterlasse bei den Jugendlichen Eindruck. Für Müller ist klar: «Mit durchmischten Gruppen funktioniert der Werkstattbetrieb besser, als wenn wir ein rein spezifisches Gruppenangebot bieten würden.» Der jüngste Mitarbeiter sei 16 Jahre alt, der älteste stehe mittlerweile kurz vor seiner Pension.

Nicht nur Velos reparieren

Andererseits gibt es in der Werkstatt Angestellte, die aufgrund ihrer Krankheitsgeschichte nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt finden. Derzeit sind hier drei Personen tätig, die von der Invalidenversicherung finanziert sind. Mehr als die Hälfte der 52 Angestellten sind im Teillohn angestellt. «Das sind Menschen, die Sozialhilfe beziehen. Für die Anstellung hier erhalten sie einen ganz normalen städtischen und unbefristeten Arbeitsvertrag mit einem Lohn, der durch die Sozialhilfe ergänzt wird», erklärt Müller das Modell.

Viele der Mitarbeiter, die an den Arbeitsplätzen der Werkstatt Fahrräder reparieren, haben einen Migrationshintergrund. Oftmals reichen ihr Ausbildungsstand und ihre Sprachkenntnisse nicht für eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt, so Müller: «Bei diesen Menschen geht es hauptsächlich darum, sie sozial zu integrieren.» Deswegen unterstützen die Sozialarbeiter und -pädagogen sie bei den Steuererklärungen oder übersetzen amtliche Schreiben. Ergänzend zur Arbeit im Betrieb werden für die Teilnehmer der Arbeitsintegrationsprogramme von der Stadt Zürich auch Bewerbungstrainings und Deutschkurse angeboten.

Defizite hin oder her: Jährlich werden in der Velowerkstatt rund 1000 Velos repariert, die im stadteigenen Shop an der Badenerstrasse verkauft oder an der Velogant versteigert werden.