Ernährung
Vegan ist das neue Bio: Zu Besuch am Strassenfest der «Körnlipicker»

Immer mehr Anbieter und Konsumenten stehen auf die pflanzliche Ernährung. Dass Veganismus kein Nischen-Phänomen mehr ist, sondern sexy und hip, beweist die «Vegana». Wir waren am Strassenfest für veganes Essen und veganen Lifestyle der Schweiz.

Alexandra Fitz
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Veganermesse im Sihlcity in Zürich.
23 Bilder
Burger mit Vollkornbrot.
"Bratwurst" mit Ketchup.
Veganes Süssgebäck.
Raphael Neuburger von der veganen Gesellschaft Schweiz.
Alexandra Mikronis von Premsoul Bio Chai.
Raphael Lüthy vom Hotel Swiss in Kreuzlingen.
Lederschuhe - aber ohne Leder.
Désirée Fatzer zeigt vegane Weine.
Laura vom Restaurant Oh-Là-Là.
Melanie Bütikofer (Buetikofer) vom Blog Koernlipicker.
Auch Veganer können fit sein.
"Bratwürste"
Daniela Wyttenbach mit kaltgepressten Smoothies.
Vegana - die Messe für vegane Ernährung in Zürich

Veganermesse im Sihlcity in Zürich.

Chris Iseli

Sie beissen in einen saftigen Burger. Die beiden Mädchen haben sich einen herzhaften z’Mittag verdient. Es sieht lecker aus, das getoastete Brot mit knackigem Salat, Zwiebeln, Tomaten, Essiggurken und dem saftigen Stück Fleisch. Äh Pardon, Grünkern-Laibchen.

Melanie und Felizia verspeisen einen veganen Burger, also einen rein pflanzlichen. «Es schmeckt nicht gleich wie Fleisch, aber trotzdem sehr lecker», berichten die zwei, die eigentlich Fleischesser sind.

Vegan liegt im Trend. Immer mehr Menschen verzichten auf Produkte tierischen Ursprungs. Und dabei werden die Beweggründe für den Verzicht immer vielfältiger. Manche stellen ihre Ernährung und ihren Lifestyle dauerhaft um, andere nehmen lediglich ab und zu vegane Gerichte in ihren Menüplan auf. Während man den Veganer früher in die Öko-Nische drängte, lässt er sich heute nicht mehr auf einen Typen reduzieren. Vegan kann jeder.

Fit und gesund

Und weil es immer mehr Vegane-Labels und eine wachsende Konsumentengruppe gibt, findet in diesen Mai-Tagen das erste grosse Strassenfest für veganes Essen und veganen Lifestyle der Schweiz statt, an dem sich etwa Melanie und Felizia verköstigen.

An der «Vegana» beweisen 60 Aussteller, dass Fragen wie: «Du bist Veganer? Dann kannst du ja gar nichts essen?» und Aussagen wie «Körnlipicker» obsolet sind. Apropos Klischees: Melanie Bütikofer hat Sinn für Ironie und taufte ihren Foodblog «Körnlipicker». Seit vier Jahren isst sie vegan und zeigt in ihrem Kochbuch und auf der «Vegana», was man aus pflanzlichen Produkten alles zaubern kann. Einen Sandwich-Turm aus Kichererbsen und Peperoni gefällig? Oder doch lieber einen Schluck vom Energiebündel? (Nach dem grünen Smoothie fühlt man sich fit und gesund – versprochen!)

Sexy und hip

Dafür dass vegan sexy und hip ist, ist das Label «Hey Life» ein Paradebeispiel. Das Start-up liefert vegane Milch-Drinks (Hmmm, die Mandelmilch mit Vanille ist ein Traum!) und frische Frucht- und Gemüsesäfte mit dem Velo. Weil die Säfte kaltgepresst sind – also roh – haben sie laut Gründerin Daniela Wyttenbach mehr Nährstoffe und Vitamine. «In New York hat morgens keiner mehr einen Kaffee in der Hand, sondern einen grünen Saft», sagt Wyttenbach, die vier Jahre in der US-Stadt lebte und den Trend nun in der Schweiz verbreiten will.

Während es in New York oder Berlin bereits an jeder Ecke vegane Produkte gibt, gelten Anbieter in der Schweiz immer noch als jung und innovativ. «An der Vegana sind auch Fleischesser herzlich willkommen, wir wollen niemanden bekehren», sagt der Medienverantwortliche Stephan Lendi, der an beiden Tagen etwa 6000 Besucher erwartet. Aber vielleicht würden sie nach der Messe mehr über ihren Konsum nachdenken.

Die Leute sind neugierig, schlendern auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum Sihlcity von Stand zu Stand und befragen die Aussteller zu Zutaten und Herstellung. Beim hippen Foodwagen «Unmeat» stehen Männer mit Anzug und Krawatte an, nebenan erklärt Angelika Mittermüller von «Vookies» einer jungen Familie wie man vegane und leckere Guetzli backt.

Und wahrlich: Shortbread und Spitzbuebe schmecken auch ohne Eier und ohne tierisches Fett vorzüglich. Am Anfang sei das aber schon eine Probiererei bis der Teig zusammenhalte. Vis-à-vis betrachtet eine junge, gutgekleidete Frau die faire Mode von «Bleed» – gegründet von einem deutschen Skateboardfahrer, dem die Moral bei der Kleiderproduktion fehlte. Beraten wird die Kundin Theo Favetto von «Veeconomy», dem grössten Vertrieb von veganen Produkten in der Schweiz.

Neben Essen und Kleidern werden auch Taschen und Geldbörsen aus Kork oder Schuhe aus Mikrofasern angeboten. («Garantiert kein Schwitzen», verspricht die Anbieterin). Auch das Zürcher Start-up Batte.re, das Batterien mit Solarstrom auflädt statt wegwirft und tragbare Handy-Ladegeräte bereitstellt, bietet ihren «grünen» Dienst an.

Spontan und vegan

«Vegan ist das neue Bio», sagt Raphael Neuburger. Der Präsident der Veganen Gesellschaft Schweiz und Mitorganisator der «Vegana» steht auf einem Gebäudedach und blickt stolz auf den Kalenderplatz hinab, der gestern und heute ganz im Zeichen des Veganismus steht. Neuburger lebt seit 15 Jahren vegan. Tierfreie Produkte sind noch nicht so verfügbar, wie er es gerne hätte. Er gibt auch zu, dass die Bequemlichkeit manchmal leidet.

Auf die Frage, wo der Verzicht am schwierigsten sei, antwortet er ein wenig wehmütig: «Beim Käse. Er gehört in der Schweiz einfach dazu.» Neuburger freut es, dass die Menschen neugierig auf die vegane Lebensweise sind und berichtet, wie sich immer mehr Menschen danach erkundigen. «Alle wollen vegan.» Für Neuburger gilt: «Ein Koch, der heute nicht spontan etwas veganes kochen kann, ist kalter Kaffee.»

Raphael Lüthy kocht nicht spontan, sondern immer vegan. Der Gault Millau-Preisträger, der seinen Beruf in einem gutbürgerlichen Restaurant erlernt hat, führt heute das Hotel Swiss in Kreuzlingen (TG), wo er auf ein konsequent veganes Konzept setzt. «Wir haben kein Leder in der Hoteleinrichtung und verzichten sogar auf Insektizide, obwohl wir in unserer Region im Thurgau ständig von den kleinen Tieren heimgesucht werden.»

Er hat gemeinsam mit einem Arzt das Kochbuch «Vegan. Gesund» herausgegeben, das Interessierten zeigt, wie man sich richtig und gesund ohne tierische Erzeugnisse ernährt.

Was man mit einer reinen pflanzlichen Ernährung noch alles schaffen kann, zeigen am Strassenfestival auch Matthias Kegelmann und seine Freunde. Sie machen veganes Krafttraining. Ihre fitten Körper beweisen, dass man es auch ohne tierisches Eiweiss nur mit Flower Power zu einem athletischen Körper schafft.

Weinprobe heute in Zürich

Wer wissen möchte, was veganer Wein ist und viel wichtiger, wie er schmeckt, der kann ihn noch bis heute Abend um 20 Uhr an der «Vegana» in Zürich kosten.