«Warum haben Sie Ihre Kinder entführt?», fragte der Richter den 39-jährigen Tunesier gestern vor Obergericht gerade heraus. «Weil die Mutter mit ihnen abgehauen ist, wenn ich sie besuchen wollte», kam es von der Anklagebank zurück. «Und weil sie drohte, mit den Kindern in die USA zu reisen.»

Der Tunesier gab die Entführung seiner Kinder, die mittlerweile über sechs Jahre zurückliegt (s. Kasten), vor Obergericht offen zu. Doch er zeigte erneut weder Einsicht noch Reue. 10 und 12 Jahre alt sind seine beiden Söhne heute, die er 2010 nach Tunesien entführte, wo sie seither bei seinen Eltern leben. Er selbst verbrachte die letzten sechs Jahre wegen Kindsentführung in der Schweiz in Haft. Seine Strafe hat er unterdessen verbüsst. Die Staatsanwaltschaft forderte nun aber weitere fünf Jahre Haft, weil die Kindesentführung weiter andauert.

Super-Kesb gefordert

Seine Ex-Frau, die leibliche Mutter der Kinder, blieb der Verhandlung fern. Was der Vater über sie und ihren Kontakt zu den Kindern sagte, blieb im Verfahren damit unwidersprochen. Er beschuldigte seine Ex-Frau etwa, den Kontakt zu den Kindern nicht mehr zu suchen. «Ich bin enttäuscht von ihr und die Kinder auch», sagte der Tunesier. Auch seinen Brief habe seine Ex-Frau ignoriert. Darin habe er ihr vorgeschlagen, die Sache zu besprechen und eine gemeinsame Lösung zu suchen.

Sich selbst bezeichnete der Mann wiederholt als «machtlos». Dass sich seine Söhne noch immer in Tunesien befänden, liege an seinem Vater, der als Familienoberhaupt das Sagen in der Familie habe. Solange er selbst in der Schweiz sei, werde sein Vater seine Enkel in Tunesien behalten, sagte der Beschuldigte. Er versuchte gleichzeitig aber auch, Kompromissbereitschaft zu signalisieren: So schlug er vor, eine gemischte Delegation von Kinderschutzbehörden aus der Schweiz und aus Tunesien zu seinen Söhnen zu schicken. Diese sollten selbst entscheiden, was mit ihnen passieren soll.

Der Staatsanwalt zeigte sich davon ungerührt und zerpflückte die Aussagen des Tunesiers regelrecht: «Sie wollen in letzter Minute ein Kinderschutzkomitee kreieren?», fragte er rhetorisch. «Kein sehr günstiger Zeitpunkt.» Ein Schreiben an die Kindsmutter, die von seiner Familie wegen einer angeblichen Tätlichkeit angeklagt worden war, belege zudem, dass er durchaus nicht machtlos sei: «Mein Angebot für dich lautet: Wenn du die Scheidung so schnell wie möglich unterschreibst, sehe ich zu, dass meine Familie die Anklagen gegen dich zurückzieht.» Das Verhalten des Beschuldigten sei geprägt von «grenzenlosem Egoismus und Uneinsichtigkeit», folgerte der Staatsanwalt.

Verteidigung auf Abwegen

Der Verteidiger fokussierte in seinem Plädoyer auf die Verhaftung seines Mandanten, den seine Ex-Frau 2010 nach Marokko gelockt habe. Auch dabei habe es sich um eine Entführung gehandelt, schloss der Verteidiger und sprach von einem Verstoss gegen das «Völkerrecht». Der Beschuldigte sei aus der Haft zu entlassen, damit er die Schweiz verlassen könne.

Der Richter indes konnte dieser Argumentation nicht folgen. Weder habe die Auslieferung gegen Völkerrecht verstossen noch spiele diese Frage im Verfahren überhaupt eine Rolle. Das Obergericht verurteilte den 39-jährigen Tunesier wegen Entführung und Entziehung Unmündiger zu weiteren vier Jahren Haft. Vieles spricht dafür, dass sich das Gericht auch 2020 wieder mit dem Fall wird beschäftigen müssen. Die bei der Entführung vier- und sechsjährigen Jungen werden dann Teenager im Alter von 14 und 16 Jahren sein.