Lebensgeschichte
USA-Rückkehrerin Silvie Frère hadert mit den verschlossenen Zürchern

Silvie Frère kam neun Monate vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris zur Welt, flüchtete nach Zürich und lebte später jahrzehntelang in den USA – wo sie endlich ankam.

Katrin Oller
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Selber singt Silvie Frère nicht mehr, aber sie organisiert in ihrer Zürcher Wohnung Hauskonzerte. Marc Dahinden

Selber singt Silvie Frère nicht mehr, aber sie organisiert in ihrer Zürcher Wohnung Hauskonzerte. Marc Dahinden

LANDBOTE

Ihren Vater kannte Silvie Frère die ersten Jahre ihres Lebens nicht. Der Maler aus Paris geriet kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges – ohne sein Gewehr benutzt zu haben – in Kriegsgefangenschaft. Die jüngste seiner drei Töchter war erst neun Monate alt, als er in den Krieg einrückte und ihre Mutter entschied, die Ferien bei der Grossmutter in Zollikerberg auf unbestimmte Zeit zu verlängern.

Silvie Frères Grosseltern stammten aus Deutschland, lebten aber in der Schweiz. Nach einigem Gerangel mit den Ämtern durften die drei Mädchen und ihre Mutter, obwohl sie Französinnen waren, in der Schweiz bleiben. Über ihre Kindheit in Zollikerberg, ihre Tuberkuloseerkrankung, die sie in Davos auskurierte, und ihre Jugendzeit schrieb Silvie Frère ein kleines Buch auf Englisch, das sie 2003 im Eigenverlag veröffentlichte.

Lieber wie alle anderen

Die heute 77-Jährige sitzt in ihrer Wohnung in der Zürcher Altstadt und erzählt ihre Geschichte. Sie ist lebhaft und lacht viel. Aber manchmal kommen ihr die Tränen. Etwa wenn sie ans Ende des Kriegs zurückdenkt: «Im Stadtzentrum standen vier Pfadfinder. Jeder hielt eine Ecke der Schweizer Flagge in die Höhe – die Leute warfen Münzen ins Tuch für die Europäer, die alles verloren hatten.» Vorbei waren die Kriegsjahre im ungeheizten Haus, das Frühstück ohne Butter und die Sirenen.

Nach Frankreich reiste Silvie Frère erst wieder mit neun Jahren. Nachdem ihr Vater befreit worden war, durfte er nicht zu seiner Familie in die Schweiz. Was dazu führte, dass sich die Eltern auseinanderlebten und scheiden liessen. Die Töchter verbrachten jeweils die Frühlings- und Herbstferien in Paris. Aber Silvie Frère hätte lieber ein Familienleben gehabt wie alle anderen: «Ich habe meine Klassenkameraden darum beneidet, dass sie mit den Eltern in den Ferien durch die Schweiz oder Italien reisten. Aber wir gehörten nirgends richtig dazu.»

Grosse Reisen lagen nicht drin, denn ihre Mutter arbeitete als Übersetzerin und brachte die drei Mädchen alleine durch. Vom Vater kam kaum finanzielle Unterstützung. «Er war immer für einen Spass zu haben, aber eher ein Onkel als ein Vater für uns.»

Ohne Plan nach New York

Um ihrer Mutter nicht länger auf der Tasche zu liegen, begann die 16-jährige Silvie Frère eine Ausbildung zur Modezeichnerin. Ohne viel Freude, denn ihre eigentliche Passion war die Musik. Sie sang, wann immer sie konnte, zuerst mit der Mutter beim Abwasch und schliesslich im Zürcher Bach Chor. Jedoch wollte sie nicht, dass ihr ihre Mutter ein Studium finanzieren musste.

Nach einem Jahr in Paris und einem Au-pair-Aufenthalt in London zog es die 24-Jährige in die USA. Ungebunden und mit guten Englischkenntnissen, aber ohne Plan oder Job reiste sie mit dem Schiff nach New York, für ein Jahr, wie sie der Mutter versicherte. Aus dem vorgesehenen Jahr wurden schliesslich mehr als 40 Jahre.

Auch in New York sang Silvie Frère in jeder freien Minute, wenn sie nicht Touristen durch die Wolkenkratzer der Stadt führte. Nach zwei Jahren erhielt sie ein Stipendium und konnte endlich ihr Musikstudium beginnen in Milwaukee, Wisconsin. «In meiner ersten Vorlesung als Musikstudentin wusste ich: Hier gehöre ich hin.» Ihren Lebensunterhalt finanzierte sie mit Auftritten als Solistin und Unterricht an einer Sprachschule. So lernte sie viele Musiker kennen – aber auch einen 20 Jahre älteren Rechtsanwalt und Kunstsammler, den sie mit 39 Jahren heiratete.

Mit 45 beschloss Silvie Frère, nicht mehr zu singen. «Man darf seine Stimme nicht überstrapazieren», sagt sie. «Pavarotti etwa hatte den richtigen Moment verpasst. Irgendwann erinnerte man sich nur noch daran, dass er mal grandios gesungen hatte.» Vielmehr organisierte sie mit ihrem Mann ein jährliches Musikfestival in der Scheune ihres Landhauses in New Hampshire.

Als ihr Mann vor zehn Jahren starb, kehrte Silvie Frère nach Zürich zurück. Aus praktischen Gründen: «Könnte ich nicht mehr Autofahren, wäre ich in den USA aufgeschmissen.» In Zürich suchte sie wieder Arbeit. Noch heute unterrichtet sie Musikschüler der Kunsthochschule in Deutsch, Französisch und Englisch und organisiert in ihrer Wohnung Hauskonzerte.

Es sei nicht immer einfach mit den verschlossenen Zürchern, sagt Silvie Frère. Deswegen gehe sie gerne ins Café Sprüngli und spreche mit der internationalen Kundschaft: «Wenn mich ein Gesicht interessiert, spreche ich die Person an. Diese Offenheit habe ich mir von Amerika bewahrt.» So lernt sie oft spannende Menschen kennen, etwa einen Nobelpreisträger. Und wenn sie sich mit jemandem gut versteht, schenkt sie ihm ihr Büchlein mit ihrer eigenen Geschichte.