Die Wände im Atelier von Patrick Wehrli sind hoch. Das müssen sie auch sein, damit die grossflächig mit Urban Art bemalten Leinwände von «Redl» – so heisst Wehrli als Künstler – zur Geltung kommen.

Sein jüngstes Werk aber hängt nicht in seinem Atelier. Es ist ein 24 Meter hohes Wandbild im Zürcher Kreis 5, das er zusammen mit Künstler Alex Hohl gemalt hat. Es zeigt ein junges Mädchen in einer viel zu grossen gelben Regenjacke auf einem Papierschiff , das mit tapferem, in die Ferne schweifendem Blick über das Wasser segelt.

Der grossgewachsene 48-jährige Zürcher hat einen festen Händedruck und eine tiefe Stimme. Er trägt ein schwarzes Baseball-Cap, auf dem ein grosses weisses «R» prangt. Trotz seiner lockeren Art, reagiert er auf die Frage, wofür sein Künstlername denn stehe, zurückhaltend: «Es ist die Abwandlung eines Pseudonyms», sagt Redl. Kurz und knapp: «Namen müssen einen finden.» Sein Gesichtsausdruck macht deutlich, dass sich dahinter eine Geschichte verbirgt: Nämlich jene seines Werdegangs.

Jede Ausbildung kostet

Redl begann im Teenageralter zu sprayen. Es waren die 1980er-Jahre: Die Hip-Hop-Kultur sowie die Graffiti-Kunst schwappten damals gerade nach Europa über. Die Leidenschaft fürs Zeichnen begleitet Redl aber schon seit früher Kindheit. Durch sie fand er auch seine Liebe zur Rap-Musik.

Entsprechend dem Credo der Graffiti-Kultur, malte Redl anfänglich illegal. Auf die Frage, ob er denn jemals erwischt wurde, sagt er: «Jeder macht seine Ausbildung und trägt die Kosten dafür.» Die Graffiti-Kunst lebe nach eigenen Gesetzen: «Ich habe das Strassen-Gymnasium absolviert», sagt Redl.

Mitte der 1990er-Jahren wagte der gelernte Fotoretuscheur den Sprung in die Selbstständigkeit. Mit Erfolg wie die letzten 25 Jahre zeigen. Er bemalt seither die Wände der Welt von der Schweiz über Belgien, Italien, Brasilien bis nach Ägypten. Aufträge erhält er von privaten Unternehmen aber auch von öffentlichen Institutionen.

Dass er von der illegalen Sprayerei zur Auftragskunst gewechselt hat, sei in der Szene zum Teil auch kritisiert worden, so der Künstler. «Aber mein Werdegang wird respektiert, weil ich meine Sporen im Untergrund sicherlich abverdient habe», so Redl. Dass er sein Handwerk versteht, zeigt seine Vielfältigkeit. Von dreidimensionalen Bildern, über Figuren malt er auch grafische Elemente. So ist der Urban-Art-Künstler seit fünf Jahren auch wieder vermehrt an Zürichs Wänden und auf ihren Strassen sichtbar.

Auch im Auftrag der Stadt Zürich hat Redl der Limmatstadt bereits ein paar Farbtupfer verpasst. Sei dies mit einer farbenfrohen Gestaltung am Schaffhauserplatz oder aber einem zehn auf drei Meter grossen Wandbild beim Toni-Areal nahe der Zürcher Hochschule der Künste. Auch auf diese Wand hat er ein junges Mädchen gemalt. Sie ist ausgerüstet mit Kübel, Streichpinsel, Spraydose und Malrolle.

Das Weltgeschehen verarbeiten

Dass sich das weibliche Symbol bei Redl wiederholt, ist kein Zufall. Auch in seinem Atelier im Zürcher Kreis 6 gibt es ein Urban-Art-Gemälde, das ein lesendes Mädchen zeigt. «Meine beiden Töchter inspirieren mich nun mal», so Redl. Während er das sagt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Es verrät seinen väterlichen Stolz. «Mädchen oder besser gesagt Kinder sind ein Symbol für die Zukunft. Gleichzeitig sind sie ein Zeichen der Hoffnung, aber auch der Ungewissheit. Niemand weiss was die Zukunft bringt», so der Stadtzürcher. Er habe ein gesundes Interesse am Weltgeschehen, mache sich viele Gedanken. Mehr will er zu seinen Kunstwerken nicht sagen: «Die Interpretation überlasse ich gerne dem Betrachter.»

Mit Disziplin hoch hinaus

Es ist bereits das zweite Mal, dass der Künstler vom lockeren Redefluss zu einer kurzen und knappen Antwort wechselt. Redl scheint Biss zu haben. Sich selber würde er als diszipliniert und hartnäckig, aber dennoch locker bezeichnen. «Ich wusste immer was ich mit dem Sprayen mache. Dennoch legte ich Wert auf eine abgeschlossene Ausbildung», sagt er. Dass er als selbstständiger Künstler Erfolg hat und von seiner «Spraycan-Art» leben könne, komme auch nicht von ungefähr. «Das hat nicht viel mit Glück zu tun. Du musst das Handwerk beherrschen und dich um Aufträge kümmern», fasst er seinen Berufsalltag zusammen.

Dank seiner Disziplin und Hartnäckigkeit habe er auch das zur Zeit höchste Wandbild der Schweiz malen können. Während er das sagt, schaut er den Kopf in den Nacken legend der Fassade empor. Das Haus unweit des Escher-Wyss-Platzes gehört der Zürcher Immobilienfirma PSP Swiss Property. «Seit 15 Jahren will ich solche Wände bemalen. Vor eineinhalb Jahren scheiterte ich bei einem ersten Versuch, die Besitzer von einem Wandbild zu überzeugen», sagt er. Dass ihn die vorgängig graue Fassade reizte, ist kein Zufall. Seit Jahren ist Redl Mieter eines Bandraumes. Zusammen mit seiner Gruppe Radio 200 000 produziert er hinter dieser nun farbigen Wand Mundart-Rap.

Aufgeben scheint nicht seinem Naturell zu entsprechen. Beim zweiten Anlauf habe er ein umfassendes Bildkonzept eingereicht und sei der Firma beim Preis entgegen gekommen. «Zürich hat damit ein neues Wahrzeichen», sagt der Künstler. Dass diese Aussage keine Selbstbeweihräucherung ist, zeigen die Reaktionen der Menschen in den vorbeifahrenden Trams. Auch Fussgänger bleiben hin und wieder stehen, Vereinzelte schiessen Fotos vom überdimensionalen Bild. Wieder andere ergreifen die Gunst der Stunde und stellen dem Künstler Fragen. Dass die Akzeptanz für Urban Art in den letzten Jahren gestiegen ist, liegt laut Redl daran, dass die Kunstform für die breitere Masse mittlerweile ein Begriff ist.

«Das illegale Sprayen ist heute logischerweise noch genau gleich wenig akzeptiert wie früher», ist Redl überzeugt. Aber auch im politischen Diskurs, gerade wenn es um Kunst am Bau gehe, sei die Urban Art noch nicht vollständig anerkannt, sagt der Künstler schulterzuckend. Gerade deswegen müsse er hartnäckig bleiben: «Ich habe noch so ein, zwei Wände in Zürich, die ich gerne verschönern möchte», sagt Redl. Um welche es sich handelt, verrät er jedoch nicht.