Tonhalle Zürich
Uraufführung von Dieter Ammann besticht durch «keine Sekunde Leerlauf»

Das Tonhalle-Orchester Zürich hat am Mittwoch Dieter Ammanns Orchesterwerk "glut" uraufgeführt. Die bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Partitur des Schweizer Komponisten besticht durch vielschichtige und überraschende Klangschönheit.

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In der Tonhalle begeistert Ammanns Orchesterwerk viele Zuhörer (Symbolbild)

In der Tonhalle begeistert Ammanns Orchesterwerk viele Zuhörer (Symbolbild)

Keystone

"Keine Sekunde Leerlauf". Das Zitat des deutschen Komponisten Wolfgang Rihm über die Musik Dieter Ammanns ist an diesem Abend Programm. Was als Titel für das Konzert in der Tonhalle Zürich gewählt wurde, entspricht auch dem brandneuen Werk des Aargauer Komponisten.

In "glut" jagen sich die musikalischen Ereignisse nicht bloss hinterher, sie verwachsen miteinander, bilden dicht verwobene Klangflächen in schnell wechselnden Stimmungen, mal minimal pulsierend, mal bis in die Spitzen ausgefranst.

Wie einen Traum lässt Ammann immer wieder Anklänge an eine vergangene Sinfonik vorbeiziehen: hier eine entrückte, in die Höhe vibrierende Kantilene der Streicher, dort ein sanftes Harfen-Arpeggio, dazwischen scharfe Trompetenfanfaren.

17 Minuten gebanntes Zuhören

Entstanden ist die Komposition in den letzten 16 Monaten als Auftragswerk der Tonhalle-Gesellschaft Zürich und Konzert Theater Bern im Rahmen der "Oeuvres suisses", welche von Pro Helvetia unterstützt werden.

Es braucht nun einmal seine Zeit, jede Sekunde mit präzis gesetzten Noten auszufüllen. Die lange Arbeit hat sich mehr als gelohnt: Der grosse, weit in den Raum gedachte sinfonische Klang bleibt nie stehen, sondern entwickelt sich stetig, sodass man von der ersten bis zur letzten Sekunde gefesselt lauscht, ihm bis in die tiefsten Schichten folgen möchte - und dabei wie versprochen keinem einzigen Leerlauf begegnet.

Für die Verwirklichung dieser Dichte bietet das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Markus Stenz seine philharmonische Kraft auf und bleibt dabei stets klar trotz der starken Vibration der Ereignisse.

Zahmer Bartók, wuchtiger Schumann

Nach dieser Uraufführung war das Orchester wohl leicht ausgepowert, denn es verweigerte in der Folge Béla Bartók jegliches Feuer: dessen Viola-Konzert mit Nils Mönkemeyer als Solisten geriet eigenartig brav. Obwohl die dunkle Unschärfe von Mönkemeyers virtuosem Spiel durchaus zum Grundcharakter des Werkes passte, zeichneten alle Beteiligten die orchestralen und solistischen Konturen zu weich.

Wenn beispielsweise im dritten Satz die volksmusikalisch inspirierten Synkopen und Melodien zum Tanz aufspielen, wurden diese nicht ausgekostet, sondern im sinfonischen Bett schlafen gelegt. Erst mit der Zugabe zeigte Nils Mönkemeyer dann so richtig, dass er ein begnadeter Bratschist ist: Die wunderbar gleichmässige Ruhe der Sarabande aus Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 1 in G-Dur schuf einen Moment zum Innehalten.

Mit einem wuchtigen Schumann endete der Konzertabend: Die 2. Sinfonie C-Dur op. 61 modellierte Dirigent Markus Stenz in grossen musikalischen Gesten, doch nie ausufernd, sondern zielgerichtet und mit deutlich formuliertem Final-Gedanke. Jeden Satz baute er stringent auf den Schluss hin auf, wie etwa das extrem accelerando endende Scherzo. Leerläufe, die fand man auch hier nicht.