Sommerserie

Unterwegs auf dem Wasser: «Der Fluss ist anspruchsvoller als der Zürichsee»

Seit diesem Frühling sitzt die 30-jährige Adriana Holdener am Steuer eines Limmatbootes und fährt Touristen sowie Pendler durch Zürich – eine anspruchsvolle Aufgabe, wie sich zeigt.

Die Route des Limmatbootes startet beim Landesmuseum in Zürich. Es ist 10 Uhr. Die erste Fahrt an diesem Tag steht kurz bevor. Die heutige Schicht von Bootsführerin Adriana Holdener ist eine kurze. Die längste dauert in der Hochsaison bis abends um halb elf. Heute fährt sie viereinhalb Mal die Strecke zum Limmatquai, weiter zum Storchen, über den Bürkliplatz zum Hafen Enge, dann zum Zürihorn und wieder zurück. Danach legt Holdener eine 20-minütige Pause ein und beendet ihre Schicht gegen 18 Uhr.

Bevor die gelernte Malerin aber zusammen mit dem heutigen Deckchef Tobias Wagner die ersten Gäste auf dem Schiff begrüssen kann, müssen noch einige Arbeiten erledigt werden. Ihr Dienst tritt sie bereits kurz nach neun Uhr an. Als Erstes informiert sie sich am Morgen über die Strömung in der Limmat. «Das Schiff wird vom Flusslauf beeinflusst. Die Strömung kann ich dann beim Anlegen nutzen», sagt die Innerschweizerin. Je nach Stromstärke sei die Anfahrttechnik eine andere. An diesem Morgen gleicht der Fluss einem See. Die Oberfläche ist spiegelglatt. «Der Abfluss beträgt derzeit rund 50 Kubikmeter in der Sekunde. Das ist quasi Stillstand.

 Es hat eben schon lange nicht mehr geregnet», sagt sie. Die Strömung im Fluss hängt vom Wetter rund um den Zürichsee ab. Regne es am oberen Ende des Sees stark, beeinflusse dass zeitlich versetzt den Wasserpegel in der Limmat. Wenn dann noch die Schleusen des Lettenkraftwerkes geöffnet werden, ziehe die Strömung schnell und deutlich an. Prekär wird es bei einem Abfluss von 80 Kubikmetern pro Sekunde. Dann wird die Schifffahrt auf der Limmat eingestellt. Oder wenn es zu heiss ist. Wegen des verglasten Dachs wird es im Boot schnell warm. Zwar können die mittleren Luken geöffnet werden, dies reiche aber bei Temperaturen ab 33 Grad nicht mehr aus, wie Holdener sagt.

Keine Steganfahrt ist gleich

Holdener ist eine von 35 Schiffführerinnen und -führern der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft. Seit diesem Frühling fährt sie eines der drei Limmatboote. Heute Morgen ist es «Felix». Zum Beruf kam sie zufällig. Sie war gerade auf Stellensuche, da wurde sie auf die kombinierte Stelle der Malerin und Matrosin bei der Schifffahrtsgesellschaft auf dem Zürichsee aufmerksam. So begann sie vor zwei Jahren, im Winter in der Werft und im Sommer an Deck zu arbeiten. Nach einem Jahr stieg sie zur Deckchefin auf, begrüsste eine Saison lang Passagiere und Reisegruppen, half bei Bedarf beim Einsteigen und kassierte die Fahrscheine ein.

Seit diesem Frühling sitzt sie hinter dem Steuer. «Vielleicht mache ich auch noch die Patente für die grösseren Schiffe, aber das hat noch etwas Zeit», sagt die 30-jährige Frau. Zuerst wolle sie den See und den Fluss besser spüren lernen. Zwar habe sie das nautische Grundwissen in der Ausbildung gelernt, aber Erfahrung sammle man nun mal nur auf dem Wasser. «Ein Schiff zu führen, ist jeden Tag anders. Man fährt nicht auf Strassen oder Gleisen, sondern mit Wind und Wellen», sagt sie. Deshalb gleiche keine Steganfahrt der anderen, nie. Sie betont die Worte mit einem Kopfschütteln. «Der Zürihornsteg ist bei starkem Wellengang eine besondere Herausforderung», sagt sie.

Für den Fluss rüsten

Das alles erzählt Holdener, während sie die Fenster des verglasten Limmatschiffes putzt. Es ist jeweils der erste Arbeitsschritt, wenn sie auf ihr Boot kommt. Während sie putzt, läuft im Hintergrund das Radio. Danach prüft sie den Maschinenraum im Heckbereich und kontrolliert mit einem Schauglas das Hydrauliköl. «Wenn die Emulsion weiss ist, muss ich das Öl wechseln», sagt Holdener. Das ist heute aber nicht der Fall. Sie überprüft Keilriemen, Motor sowie den Feuerlöscher, testet Lenzpumpe und Anker. Dann startet Holdener die Maschinen.
Währenddessen putzt Wagner die Frontscheibe und schreibt danach den Fahrtenbericht. Er erfasst dabei die Bootsführerin wie sich selber im System und trägt die Schichtzeiten ein. Holdener ist mittlerweile wieder im Boot und richtet den Fahrstand ein. Beim Lampentest schrillt ein Alarm auf. «Das muss so sein», erklärt sie ruhig. Danach testet die Bootsführerin Steuerung und Kupplung. Diesel ist ebenfalls genug vorhanden. «Das Boot wird einmal pro Woche getankt», sagt sie. Rund 1000 Liter fasst der Tank des 19,35 Meter langen und knapp 4 Meter breiten Schiffes, das für 51 Personen Platz bietet. Zuletzt überprüft Holdener, ob bei einem Systemausfall die Notsteuerung funktioniert. Das tut sie.

Vergnügliche Herausforderung

Es bleibt noch Zeit für einen Kaffee, bevor sie mit dem Boot aus der Werft über den Zürichsee zum Landesmuseum fährt. Langsam kehrt Leben am Hauptsitz der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft ein. Schiffsführerinnen und -führer grüssen einander und wünschen sich einen guten Tag zu Wasser.

Auf dem See beschleunigt Holdener auf knapp 24 Kilometer pro Stunde. «Wir sind zwei Minuten in Verzug, deshalb versuche ich etwas aufzuholen», sagt sie. Kurz vor der Flussmündung auf Höhe des Opernhauses bremst Holdener langsam ab. Sie blickt kurz über ihre Schulter und sagt: «Der Fluss ist aus vielen Gründen anspruchsvoller zu befahren als der See.» Sie meint damit die Stand-up-Paddler, die sich trotz Flussverbot manchmal in die Limmat verirren. Aber auch Badelustige, die ohne zu schauen von einer der acht Brücken und Stege bis zum Landesmuseum ins Wasser springen. Auch das Einhalten des Fahrplans ist wegen der Strömung und der täglich variierenden Passagierzahl eine Herausforderung. «Meistens bin ich ziemlich pünktlich», sagt Holdener.

Die Passagiere, die sie täglich begrüsst, könnten unterschiedlicher nicht sein. Nicht nur Touristen und Schulklassen gehören zu den Fahrgästen der Limmatschiffe. Zwischen Zürihorn und Landesmuseum nutzen auch Pendler die Limmatboote gerne als Transportmittel. «Einige dieser Passagiere kenne ich beim Namen», so Holdener. Ansonsten aber sei die Schifffahrt auf dem Fluss und dem Zürichsee schon eher ein Freizeitvergnügen. Holdener begrüsst es, dass die Schifffahrt im Zürcher Verkehrsverbund integriert ist. «So kann man zu öV-Preisen die Freude auf dem Schiff geniessen», sagt sie. Mit ruhiger Hand lenkt Holdener das Boot seitwärts an den Landesmuseumssteg. Dann steigen Bootsführerin und Deckchef aus, um ihre ersten Fahrgäste an diesem Tag, auf dem Schiff willkommen zu heissen.

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