Graphische Sammlung
Unter neuer Leitung: Die ETH will 160'000 Schätze auf Papier besser vermarkten

Die Graphische Sammlung steht im Schatten der grossen Zürcher Museen. Das solle sich nun ändern, sagt die neue Leiterin Linda Schädler.

Florian Niedermann
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Linda Schädler ist die neue Leiterin der Graphischen Sammlung der ETH. fni

Linda Schädler ist die neue Leiterin der Graphischen Sammlung der ETH. fni

Florian Niedermann

Wer an ein Zürcher Kunstmuseum denkt, denkt an das Kunsthaus, das Helmhaus, die Kunsthalle Zürich oder im Dada-Jahr 2016 vielleicht auch ans Cabaret Voltaire. Dagegen ist die Graphische Sammlung der ETH vielen gänzlich unbekannt. Die Schätze im Südflügel des Hauptgebäudes der Technischen Hochschule – insgesamt über 160 000 Einzelwerke namhafter Künstler wie Rembrandt, Goya, Warhol oder Franz Gertsch – fristen trotz regelmässiger Ausstellungen ein Mauerblümchendasein. Doch das wird sich nun ändern.

Zumindest, wenn es nach der Kunst- und Architekturhistorikerin Linda Schädler geht. Sie leitet seit Anfang Mai die Graphische Sammlung, die sich jenen Kunstwerken verschrieben hat, die nicht auf Leinwand gemalt oder aus Stein gehauen, sondern auf schlichtes Papier gebannt wurden. Ihr Vorgänger Paul Tanner hat die der ETH-Bibliothek angegliederte Institution zuvor 24 Jahre lang geprägt – heute gilt sie nach jener in Basel als zweitwichtigste Sammlung dieser Art in der Schweiz. Doch wird ihr Ansehen dieser Bedeutung nicht gerecht. «Um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten müssen wir uns gegen aussen stärker öffnen», sagt Schädler. Wie genau das geschehen soll, will die 50-Jährige zwar erst im Verlauf der nächsten Monate skizzieren – für dieses Jahr steht das Programm bereits. Klar ist aber, dass der Web-Auftritt der Institution aufgefrischt werden soll. In einem Blog will die neue Leiterin regelmässig aktuelle Forschungsergebnisse rund um die graphischen Werke aufschalten und mit der Sammlung auch in den Sozialen Medien präsenter werden.

Kunst und ETH berühren sich

Schädlers Ziel ist es zudem, dass sich künftig auch Wissenschafter anderer ETH-Institute häufiger mit der Kunst auf Papier auseinandersetzen. Denn, und davon ist sie überzeugt, «ihre» Schätze bieten viele Anknüpfungspunkte für Naturwissenschafter. «Nehmen wir die Biologie. Dort spielt das Thema Reproduktion eine wichtige Rolle – genauso bei graphischer Kunst. Diese Überschneidungen sollte man nutzen», sagt Schädler. Damit sich die Disziplinen auf einer solch übergeordneten Ebene gegenseitig befruchten können, will sie ein öffentliches Rahmenprogramm zu den Ausstellungen ins Leben rufen. Dabei sollen Podien oder Vorträge von Wissenschaftern und Kulturschaffenden genauso Platz haben wie Führungen und Angebote speziell für Jugendliche.

Dass die Graphische Sammlung der ETH heute im Schatten anderer Zürcher Museen steht, ist – historisch gesehen – erstaunlich. Nachdem der Professor für Archäologie und Kunstgeschichte Alfred Kinkel die Graphische Sammlung 1867 gegründet und mit dem Ankauf einer Sammlung von 11 000 Einzelblättern des Malers Rudolf Bühlmann das Fundament des heutigen Fundus gelegt hatte, gewann sie schnell an Ansehen. Neben geschickten Zukäufen sorgten dafür insbesondere auch Schenkungen aus privater Hand. So vermachte etwa der Zürcher Bankier Heinrich Schulthess von Meiss der Sammlung über 12 000 kostbare Blätter von Schongauer bis Rembrandt. 1924 schrieb die «NZZ», das wichtigste Frühlingsereignis im Zürcher Kunstleben sei die Eröffnung der neu geordneten Kupferstich- und Handzeichnungssammlung der ETH gewesen.

Bunt und gross ist zugänglicher

Wie kommt es also, dass die Graphische Sammlung heute im Vergleich mit anderen Museen so wenig Aufmerksamkeit geniesst? Schädler nennt dafür mehrere Gründe. Zum einen seien grosse Malereien und Skulpturen für Laien leichter zugänglich, sagt die Wissenschaftlerin, die neben ihren Lehraufträgen an der ETH und der Uni Zürich auch jahrelang Ausstellungen im Zürcher Kunsthaus und dem Kunstmuseum in Basel kuratierte: «Im Vergleich zu farbenreichen grossformatigen Gemälden, die einem gleich ins Auge springen, muss man sich für die meist kleineren graphischen Arbeiten mehr Zeit nehmen.»

Dass Werke auf Papier weniger Bekanntheit erlangen, liegt laut Schädler aber auch daran, dass sie üblicherweise günstiger erhältlich sind als Gemälde oder Skulpturen. «Der monetäre Wert hat einen Einfluss auf die Stellung, die das Publikum der Graphik beimisst – völlig zu Unrecht, wie ich finde», sagt die gebürtige Bündnerin. Fälschlicherweise sähen viele diese Arbeiten auch nur als Entwürfe an, die später in ein Gemälde münden sollten.

Falsch ist denn auch die landläufige Annahme, die Graphische Sammlung horte vor allem jahrhundertealte Stiche und Zeichnungen: Schädlers Vorgänger Tanner kaufte in erster Linie Werke aus den letzten drei Jahrzehnten zu. Und die neue Leiterin wird an diesem Fokus festhalten – der Fundus wird also fortlaufend modernisiert. 2017 werden die ersten Ausstellungen unter ihrer Ägide entstehen. Ihnen kommt für die Graphische Sammlung gleich eine epochale Bedeutung zu. Nächstes Jahr feiert die Institution nämlich ihr 150-jähriges Bestehen. Eine gute Gelegenheit, sagt Schädler, um aus dem Schatten der grossen Museen ans Licht zu treten.