Winterthur

Unter die Räder des E-Scooter-Geschäfts gekommen: Luckabox wollte in halb Europa expandieren

Youssef Schneider sammelte E-Scooter von Voi ein. Nun sitzt er auf unbezahlten Rechnungen.

Youssef Schneider sammelte E-Scooter von Voi ein. Nun sitzt er auf unbezahlten Rechnungen.

Ein Winterthurer Start-up wollte E-Scooter in halb Europa einsammeln. Zurück bleiben nun nur Schulden.

Fast schon euphorisch klang es noch diesen Sommer beim Winterthurer Start-up-Unternehmen Luckabox. Man suchte einen «General Manager Europe» für eine Expansion nach Italien; bereits tätig war Luckabox in 9 Städten in der Schweiz, in Deutschland und Österreich.
Dabei ging es nicht ums Kerngeschäft der Firma, das Vermitteln von Kurierdiensten, sondern um die erst wenige Monate zuvor gegründete Unterabteilung Sweeep Technologies. Elektro-Scooter waren zu diesem Zeitpunkt gerade am Aufkommen – und mussten nach dem Gebrauch wieder eingesammelt werden. «Der Markt wirkte vielversprechend», sagt Luckabox-Mitgründerin Aike Festini. Unterdessen ist von den grossen Plänen nichts mehr übrig. Sweeep gibt es nur noch als Schriftzug an der Fensterfront des Büros im Winterthurer Technopark, das Trotti-Geschäft hat Luckabox an den Nagel gehängt. «Es ist ein schwieriger Markt», sagt Festini. «Der Wettbewerbsdruck wurde immer grösser, Abmachungen werden nicht eingehalten – wir haben schnell gemerkt, dass wir da rausmüssen.»

Was bleibt, ist der Kollateralschaden. Da ist einerseits Luckabox selbst. Sweeep-Mitarbeiter hatten entlassen werden müssen. Das Büro an der Technoparkstrasse, wo auch die Scooter gelagert wurden, wird man demnächst zu Gunsten kleinerer Räumlichkeiten aufgeben. Künftig will man sich wieder einzig auf das Kerngeschäft mit der Lieferdienstvermittlung konzentrieren.

Die Einsammler warten auf Geld

Auch unter die Räder des Trotti-Geschäfts kamen jene, die für Luckabox die eigentliche Arbeit machten: die Einsammler. Youssef Schneider ist einer von ihnen, mit seiner Firma Ziso Schneider fuhr er fleissig durch die Gegend, um die Fahrzeuge der schwedischen Firma Voi in Winterthur und St. Gallen einzusammeln und wieder dort aufzustellen, wo sie am Morgen sein sollten. Der Lohn für diesen Dienst sank seit dem Aufkommen der Scooter stetig; der Preisdruck wurde nach unten weitergereicht. 4.75 Franken pro eingesammelten und wieder verteilten Scooter waren es bei Schneider, weniger als halb so viel, wie gemäss Recherchen der NZZ noch ein Jahr zuvor gezahlt wurde. Am Schluss blieben die Zahlungen ganz aus.
Man könne die vereinbarte Entlöhnung – gut 3500 Franken sind es, die noch ausstehen – momentan nicht zahlen, teilte Luckabox Schneider Mitte Oktober mit und handelte einen Aufschub aus. «Wir befinden uns in einem finanziellen Engpass», schrieb Festini. «Ein Kunde» zahle nicht.

Als die vertraglich vereinbarte Zahlungsfrist um fast einen Monat überschritten war, verlor Scheider die Geduld. Doch auch eine Betreibung und das Einschalten eines Anwalts brachten nichts. Stattdessen drohte Luckabox: Schneider habe den Vertrag verletzt, weil er mit Voi direkt kommuniziert habe. Man prüfe, ob er nun die vertragliche Konventionalstrafe von 50000 Franken schulde.

Schneider ist nicht der Einzige, der das Scooter-Geschäft mit Schaden verlässt. Ein Betreibungsauszug zeigt, dass Luckabox auch einem Transportunternehmen aus dem Zürcher Oberland, das 2018 die E-Scooter von Lime in Zürich eingesammelt hatte, 13500 Franken schuldet. Der Unternehmer, der anonym bleiben möchte, erzählt, er habe auf Drängen von Luckabox seine Tätigkeit ausgeweitet, habe sechs Subunternehmer organisiert, um den Anforderungen von Lime gerecht zu werden. Im Spätherbst 2018 kam überraschend die sofortige Kündigung.

Das Geld für den Oktober erhielt der Spediteur noch, auf das Geld für den November wartet er bis heute. Luckabox habe darauf verwiesen, dass kein Vertrag mit ihm bestehe – ein solcher wurde nur mündlich festgelegt. Auch ihm habe man mit einer Klage gedroht, in seinem Fall über 100000 Franken, weil man wegen ihm Lime als Kunden verloren habe.

Betreibungen auch gegen Voi

Die Verantwortung für die ausstehenden Rechnungen reicht Luckabox weiter an die Scooter-Anbieter. Voi, der gegenüber Schneider genannte Kunde, schulde noch einen höheren fünfstelligen Betrag, eine Betreibung laufe. Unterlagen, die Luckabox vorlegt, bekräftigen diese Erklärung. Zu Schulden anderer Anbieter möchte sich Aike Festini nicht äussern, konstatiert aber: «Die Zahlungsmoral im Scooter-Geschäft ist schlecht.» Sie fügt an: «Wir bedauern es natürlich sehr, dass unsere Subunternehmer noch auf ihren Lohn warten. Wir müssen jetzt aber zuerst selbst einmal schauen, dass wir unser Geld bekommen.»
Voi nimmt auf Anfrage nicht direkt Stellung zu dem Fall. Claus Unterkircher, General Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz, erklärt einzig: «Uns ist es wichtig, unsere Mitarbeiter, Vertragsunternehmen und Zulieferer nach den vereinbarten Bedingungen fair und gerecht zu bezahlen, was wir auch stets machen.»

Die schwedische Firma Voi hat diese Woche verkündet, weiter 85 Millionen US-Dollar an Investitionen gesichert zu haben – 135 Millionen sind es seit der Gründung. Profitabel ist das Geschäft bislang noch nicht. Das solle es bis spätestens 2022 werden. Solange dürfte das Verlustgeschäft weitere Opfer produzieren. In Winterthur sammelt inzwischen ein anderes Unternehmen die Trottis von Voi ein.

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