Die russgeschwärzten Häuser wirken wie aus einem alten Film. In einem davon hatte Paul Lang bis vor Kurzem sein Spielzeugantiquariat.

Jetzt hängt ein Zettel im Schaufenster, darauf steht: «Wegen Renovation des Hauses ziehen wir nach 23 Jahren am 1. Oktober um.» Lang hat nicht viel Zeit zum Reden, ist gerade im Auto unterwegs zu einem Kunden in Italien. «Ich musste raus, weil das Haus renoviert wird. Ich erhielt die Kündigung», sagt er.

Dann beendet er das Gespräch: «Der Zoll kommt.» Auch der Laden nebenan ist bereits geräumt und umgezogen. Baugespanne zeigen an, dass der verwilderte Garten hinter dem Haus schrumpfen soll.

An die Hauswand hat jemand Hammer und Sichel gesprayt. Rund ums Nachbarhaus stehen ebenfalls Baugespanne. Die Hälfte der Klingelschilder ist schon abmontiert. Die verbleibenden Namen lauten Santos, Buonamassa und Markovic.

Halb Europa donnerte über die Quartierstrasse

Von 1972 bis zur Eröffnung der Zürcher Westumfahrung im Frühling 2009 war die Weststrasse Bindeglied zwischen den Autobahnen A1 und A3 sowie zur A4. Lastwagen aus ganz Europa donnerten durch die Quartierstrasse in Zürich Wiedikon. Seit August 2010 ist sie für den Durchgangsverkehr gesperrt und wird zur Tempo-30-Zone umgebaut. 2012 soll der Umbau abgeschlossen sein.

Während die Bauarbeiten zur Verkehrsberuhigung auf Hochtouren laufen, kündigen die Baugespanne die nächste Entwicklungsstufe an: Dabei geht es um die Aufwertung der Häuser, die 40 Jahre lang verfielen.

Die Entwicklung war absehbar: «In die frisch renovierten Wohnungen – mehrheitlich Dreizimmerwohnungen – werden wohl mittelständische Paare und Singles einziehen», hiess es in der Studie «Weststrasse im Wandel», die die Stadt Zürich vor zwei Jahren publizierte.

Und: «Die bisher an der Weststrasse stark vertretenen statusniedrigen Bevölkerungsgruppen werden durch die Sanierungen und die höheren Mieten voraussichtlich zunehmend verdrängt.»

Es ist ein schleichender Prozess. Gentrifizierung nennen ihn Fachleute. «Wir versuchen zu beobachten, was an der Weststrasse passiert», sagt Werner Liechtenhan von der Abteilung Stadtentwicklung im Stadtzürcher Präsidialdepartement. «Das ist nicht ganz einfach, weil Kündigungen nicht meldepflichtig sind. Im Moment sieht es nicht dramatisch aus.»

Fünf Häuser haben seit Anfang 2009 den Besitzer gewechselt. Zahlreiche Bauprojekte sind ausgesteckt. Schlagartig dürfte sich nicht viel ändern, denn die Häuser an der Weststrasse sind zumeist im Besitz von Privatpersonen.

Dass einige eine Goldgrube wittern, wo bisher der Russ des Durchgangsverkehrs das Strassenbild prägte, zeigt ein Blick ins Immobilienportal Homegate: «Möblierte Zimmer im neuen Trendquartier» werden da für über 1000 Franken im Monat angeboten.

Besonders ein Projekt sticht hervor: Ecke Stationsstrasse/Weststrasse entstehen bis 2012 elf Eigentumswohnungen. Die Preisspanne reicht von einer Million für zweieinhalb Zimmer bis knapp drei Millionen Franken für fünfeinhalb Zimmer. Und die Nachfrage ist offenbar gross: «Für 60 Prozent der Wohnungen sind bereits Vorverträge unterschrieben. Wir hätten auch alle Objekte schon verkaufen können», sagt Immobilienmakler Karl Kollmann von der Marc Property & Investments AG. «Das wird ein zweites Seefeld.»

Stadtentwicklung Zürich appellierte im August brieflich an das soziale Gewissen der Hausbesitzer und rief sie auf, nach Kündigungen bei der Wohnungssuche zu helfen. Die Möglichkeiten der Stadt sind laut Liechtenhan beschränkt: «Mit der Bau- und Zonenordnung schützt die Stadt Zürich zwar die Baustrukturen. Innerhalb dieses Rahmens sowie im Rahmen des Mietrechts sind die Hausbesitzer aber frei.»

Anwohner hoffen auf bessere Zeiten

Auch das Gewerbe spürt den Wandel: Nach dem Wegfall des Durchgangsverkehrs und dem Beginn der Strassenbauarbeiten sei der Umsatz um 80 Prozent gesunken, klagt Sofahändler Donato Stasi. «Es ist eine Katastrophe.» Vorher habe sein «Lederpark» Ecke West-/Birmensdorferstrasse vier bis fünf Mitarbeiter gehabt. Jetzt hält Stasi als Letzter die Stellung. Er hofft, dass das Geschäft wieder anzieht, wenn die Bauarbeiten fertig sind.

Und die Anwohner? «Die Leute leben mit den Baustellen, denn sie wissen: Es kommen bessere Zeiten», sagt Ronald Schmid, Präsident des Anwohnervereins Weststrasse und Vorstandsmitglied der FDP im Zürcher Kreis 3. «Die Liegenschaften werden wegen der Verkehrsberuhigung endlich renoviert, die Mieten werden steigen, und es werden Leute einziehen, die es sich leisten können.»

Die Weststrasse, eine der letzten Gegenden in Zentrumsnähe mit billigen Wohnungen, wandelt sich. Für Sozialhilfeempfänger, von denen bisher viele hier wohnten, dürfte sie bald ein zu teures Pflaster sein.

Ganz wohl ist es Schmid bei dem Gedanken nicht, obwohl er bislang eher gegen «Verslumung» ankämpfte: «Wahrscheinlich kommen keine Familien, sondern vor allem mobile, jüngere Leute, die für eine gewisse Zeit hier wohnen und dann wieder wegziehen», sagt der Anwohnervertreter. «Das ist nicht unbedingt gut für den Zusammenhalt im Quartier.»