Auswertung
Unter 16-jährige Zürcher konsumieren massiv mehr illegale Pornos

Im Zeitalter von Smartphones und nahezu ständiger Internet-Zugänglichkeit hat sich der Pornokonsum bei Jungen stark ausgebreitet. Nun zeigt eine Auswertung von Zürcher Neuntklässlern: Mehr als ein Drittel der unter 16-jährigen Buben hat Kontakt mit Pornos.

Matthias Scharrer
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Durch Smartphones und nahezu ständiger Internet-Zugänglichkeit breitet sich der Pornokonsum auch unter Jungen aus. (Symbolbild)

Durch Smartphones und nahezu ständiger Internet-Zugänglichkeit breitet sich der Pornokonsum auch unter Jungen aus. (Symbolbild)

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

Christiane Lentjes, Kripochefin der Kantonspolizei Zürich, erwähnte es bei der Präsentation der Kriminalstatistik am Montag eher beiläufig: Illegale Pornografie entdecke die Polizei bei Kontrollen von Jugendlichen oft als Zufallsfund auf deren Handys. Die entsprechenden Fallzahlen stiegen im Zeitraum 2016/17 kantonsweit von 42 auf 64. Stellen die Zahlen nur die Spitze des Eisbergs dar?

«Es gibt eine Dunkelziffer, die sicher höher ist», sagt Enrico Violi, Gewaltbeauftragter der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. «Jugendliche tauschen illegale Pornografie häufig untereinander aus.» Wobei illegal zum einen das Verbreiten von Pornografie an unter 16-Jährige generell ist; zum anderen jegliche Pornografie, die Sex mit Minderjährigen sowie mit Tieren oder sexuelle Gewalt zeigt.

Im Zeitalter von Smartphones und nahezu ständiger Internet-Zugänglichkeit hat sich der Pornokonsum bei Jungen, vielfach auch unter 16-Jährigen, stark ausgebreitet. Dies zeigt eine gestern exklusiv für diese Zeitung durchgeführte Sonderauswertung von Denis Ribeaud, der am Jacobs Center der Universität Zürich forscht. Im Rahmen einer repräsentativen Langzeitstudie hat er in den Jahren 2007 und 2014 Daten zum Pornokonsum von jeweils 2500 Neuntklässlern aus dem Kanton Zürich erhoben. Ihr Altersdurchschnitt betrug 15,5 Jahre.

Resultate: In den zwölf Monaten vor der Befragung 2007 schauten rund 24 Prozent der Jungen mindestens einmal pro Woche Pornofilme, die eigentlich erst «ab 18» freigegeben sind. 2014 waren es bereits gut 38 Prozent. Bei den gleichaltrigen Mädchen stiegen die entsprechenden Werte von 0,4 auf 1,2 Prozent.

Mindestens einmal pro Woche im Internet pornografische Inhalte gesucht und angeschaut hatten im Jahr vor der Befragung 2007 noch 18,5 Prozent der Jungen. Sieben Jahre später waren es 29,4 Prozent. Und auch hierbei sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede überdeutlich: Mädchen schauen demnach kaum regelmässig online Pornos, bei Jungen ist dies viel häufiger üblich.

Drängen auf Nacktaufnahmen

Ribeauds Untersuchung belegt auch, dass in jugendlichen Paarbeziehungen bisweilen Druck ausgeübt wird, Nackt- oder sonstwie sexuelle Aufnahmen von sich zu verschicken: Bei den Neuntklässlern hatten im Jahr 2014 knapp acht Prozent der Mädchen und knapp vier Prozent der Jungen in einer Paarbeziehung diese Erfahrung gemacht. Und was zunächst womöglich als Liebesbeweis oder Mutprobe gedacht war, bei unter 16-Jährigen aber illegal ist, kann schnell für Cybermobbing missbraucht werden. Sprich: an Kollegen, für die das Bildmaterial nicht bestimmt war, weitergeleitet werden.

Dass auch unter 16-Jährige häufig Pornos konsumieren, bestätigt die von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften 2016 veröffentlichte James-Studie: Demnach haben 27 Prozent der 12- und 13-Jährigen sowie 37 Prozent der 14- und 15-Jährigen bereits Pornos auf dem Handy oder auf dem Computer angeschaut.

An den Zürcher Schulen leisten die Polizei und andere in der Medienbildung tätige Fachleute inzwischen viel Präventionsarbeit, wie Violi sagt. Flächendeckend sei das Angebot aber nicht, so der kantonale Beauftragte «Gewalt im schulischen Umfeld». Doch der Trend sei klar: Entsprechende Angebote würden von den Schulen immer stärker nachgefragt. Mehr Aufklärung über den Umgang mit Pornografie und deren rechtliche Grenzen verspricht sich Violi auch vom Lehrplan 21, der im Kanton Zürich ab diesem Sommer eingeführt wird. Die Förderung der Medienkompetenz werde schliesslich mit dem neuen Lehrplan gestärkt.

Rechtslage: Wann ist Pornografie illegal?

Pornografie ist durch das Internet nahezu allgegenwärtig verfügbar geworden. Doch längst nicht alles Verfügbare ist legal. So verbietet es der Schweizer Jugendschutzartikel, unter 16-Jährigen Pornografie anzubieten. Generell verboten sind Pornos, die Sex mit Minderjährigen, Tieren oder sexuelle Gewalt zeigen. Das Strafmass bei Zuwiderhandlungen reicht bis zu drei, im Falle von Kinderpornografie bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe.

Wobei auch schon das Foto, das eine 15-Jährige in eindeutiger sexy Pose für ihren Freund aufgenommen hat, als Kinderpornografie beurteilt werden kann, wie es in einem Merkblatt der Polizei heisst. Ebenso machen sich Jugendliche unter 16 Jahren strafbar, die einander pornografisches Material weiterleiten. (mts)