Der Securitas-Mann starrt konzentriert auf die Zuschauerränge. Morgens um neun ist der Letzigrund noch fast leer. Die ersten Fans entrollen ihre Transparente. Morgensonne taucht das Stadion in grelles Licht. Fanfaren erklingen: Auftakt zur Leichtathletik-Europameisterschaft in Zürich. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch bahnt sich an.

Um 10.10 Uhr wird es still, obwohl inzwischen schon einige tausend Zuschauer aus prallvollen Trams eingetroffen sind: Der Startschuss zum ersten Rennen, dem 100-Meter-Lauf der Zehnkämpfer, erfolgt mit unschweizerischer Verspätung von sechs Minuten. Sekunden später brandet Applaus durchs Oval: Die ersten Läufer sind am Ziel.

Und dann fliegen Speere. Das Unsportliche am Speerwurf: Kleine Elektroautos, die aussehen wie Riesenspielzeug, fahren die Speere nach dem Wurf zurück zu den Athleten, damit diese sich nicht unnötig verausgaben oder in die Schusslinie geraten. Später transportieren die gelben Autos auch die Scheiben der Diskuswerfer.

Szenenwechsel: Im Untergrund des Stadions befindet sich die Mixed Zone. Sie riecht nach Schweiss und ist eigentlich eine Tiefgarage. Noch leicht ausser Atem geben die Sportler den Journalisten hier unmittelbar nach den Wettkämpfen Interviews. Gleichzeitig ist die Mixed Zone ein Raum für verstohlene Flirts: Um eine gut aussehende holländische Läuferin schart sich ein halbes Dutzend speckbäuchiger Reporter, während der soeben ausgeschiedene Schweizer Hürdenläufer Jonathan Puemi charmant einer Radiojournalistin zuzwinkert.

Gediegener ist die Atmosphäre im European Athletics Club: violetter Teppichboden, langstielige Weingläser auf Tischen, die aus einem Jachtklub stammen. Hier speisen die Sponsoren. Für die Athleten gibts in ihren jeweiligen Teamhotels zu essen, wie von einer Helferin zu erfahren ist - es sei denn, sie hätten private Verabredungen.

Dynamischer Kuhschweizer

Nach dem letzten Rennen vor der Mittagspause hat noch einmal der Hampelmann dieser EM einen Auftritt: Cooly, das Maskottchen von «Zürich 2014», tanzt vor der Südkurve über die legendäre, für die EM eigens mit einem neuen Belag versehene «Piste magique» des Letzigrunds. Der plüschverkleidete Mensch stellt den Kuhschweizer dynamisch und gelenkig dar. Seine Premiere hatte das Maskottchen bereits an der Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 in Kloten und Bern. Doch wer unter der Plüschkuhverkleidung steckt, blieb bislang trotz 220 Medienberichten, in denen Cooly vorkam, ungeklärt.

Gestern lüfteten die EM-Veranstalter das Geheimnis nun ein Stück weit: Es sind drei Animatoren, die abwechslungsweise in Coolys sieben Kilogramm schweres Kostüm schlüpfen. Einer davon ist Schweizer. Und: Cooly trinkt täglich sechs bis acht Liter Wasser. Für «Zürich 2014» ist das Maskottchen seit zwei Jahren unterwegs und hat dabei rund 180 Einsätze im Zeichen der Leichtathletik absolviert.

Die lange Mittagspause vor dem Abendprogramm ist die Zeit für Personalinstruktionen: Der Bereichsleiter Programmheftverkauf instruiert die Verkäuferinnen und Verkäufer, offensiver zu verkaufen; ein Feuerwehrtrupp inspiziert potenziell Brandherde im Stadion; und ein Securitas-Chef weist seine Leute nochmals darauf hin, von welchen Bereichen das Publikum fernzuhalten ist.

Unverständliche Politiker

Nach Büroschluss ist dann auch die hohe Politik da: Stadtpräsidentin Corine Mauch und Regierungsrat Ernst Stocker richten Grussworte ans Publikum, die durch die Stadionlautsprecher aber kaum zu verstehen sind. Und um 17.49, gut siebeneinhalb Stunden nach dem ersten Startschuss, erklärt Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Leichtathletik-Europameisterschaft in Zürich 2014 offiziell für eröffnet. Zusammen mit freiwilligen Helfern enthüllen die Politiker eine violette Plattform mit dem EM-Slogan, dessen tieferer Sinn nun erst sichtbar wird: «Woow Zürich 2014» steht darauf. Die drei O von Wooow bilden ein dreistufiges Podest.