«Unsere Kinder werden sich in mehreren Realitäten bewegen»

Corona verändert unser Verhalten. Trendforscherin Karin Frick erklärt, was dies für unsere Beziehungen heisst.

Heinz Zürcher
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«Die Emotionalität nimmt eher zu als ab», sagt Karin Frick, Forschungsleiterin am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon.

«Die Emotionalität nimmt eher zu als ab», sagt Karin Frick, Forschungsleiterin am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon.

Bild: Keystone

Frau Frick, wie wird Social Distancing unser Verhalten verändern?

Karin Frick: Berührungsängste nehmen zu: kein Handschlag, keine Küsschen, keine Umarmung zur Begrüssung. Man ist vorsichtiger, aber die Muster der Interaktion bleiben gleich. Vermutlich findet eine ähnliche Entwicklung statt wie bei HIV. Menschen berühren sich weiterhin und haben Geschlechtsverkehr, doch in der Regel schützen sie sich besser.

Sie glauben nicht, dass wir vereinsamen oder emotional verkümmern?

Nein, ich denke, die Emotionalität nimmt eher zu als ab.

Was macht Sie da so sicher?

Menschen haben im Durchschnitt fünf bis zehn enge Bezugspersonen, die sie regelmässig persönlich treffen. Diese Beziehungen brechen während der Pandemie nicht ab. Wir treffen uns dafür mehr im Freien, auf einem Spaziergang oder einer Wanderung. Und wenn das nicht geht, chatten wir eben auf Whatsapp oder treffen uns auf einen Zoom-Apéro.

Aber ist das emotional gesehen nicht ein grosser Unterschied, ob ich jemanden physisch oder am Bildschirm treffe?

Es gibt viele Möglichkeiten, Gefühle auszudrücken, auch wenn man sich nicht direkt gegenübersteht: Bilder, Videos, Emojis, Musik – bei der Kommunikation in sozialen Medien geht es ja meistens nur um Gefühle und selten um Information. Die Menschen von heute haben viel mehr Wörter und Zeichen, um über Gefühle zu reden, als ihre Eltern und Grosseltern.

Wie lernen wir neue Leute kennen?

Das Angebot an Kontakt-Plattformen wächst rasant. Der Erfolg der Dating-Plattformen zeigt, dass es vielen Menschen sogar leichter fällt, online Partner oder Freunde zu suchen, als Unbekannte in einer Bar oder im Fitnessclub anzusprechen. Es gibt für fast jedes Bedürfnis eine App, mit der man einen Partner, Freunde oder Jobs finden kann.

Und wie erzeugen wir dabei Nähe?

Durch die Wahl der Worte und den Rhythmus der Interaktion. Wer emotionale Worte benutzt und schnell antwortet, signalisiert, dass der andere ihm wichtig ist. Es gibt inzwischen auch Apps wie SocialCompass, die messen können, wie nahe wir jemandem digital stehen und wie gerne wir ihn mögen.

Wie diskutieren wir?

Ohne Ende auf Social Media. Die Kunst besteht hier darin, ein Forum zu finden, in dem man nicht nur von Gleichdenkenden umgeben ist und auch auf neue Ideen stösst.

Wir können nicht mehr in Discos. Theateraufführungen und Konzerte werden abgesagt. Verschwinden die klassischen Kulturangebote?

Theater, Museen und Kinos werden nie ganz verschwinden. Aber sie werden noch härter um Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen müssen, weil das virtuelle Kultur- und Unterhaltungsangebot schnell wächst und jederzeit und überall bequem konsumiert werden kann.

Können Sie ein Beispiel nennen?

DJ Marshmello hat bereits letztes Jahr mitten im Computerspiel Fortnite zu einem Livekonzert eingeladen. Mehr als zehn Millionen Spieler waren dabei und haben online getanzt. Spannend sind auch die vielen dezentralen Formate, die während des Lockdown entstanden sind, wie zum Beispiel die Performance-­Plattform Kottke.

Also immer mehr online?

Das Kulturangebot im Internet war schon vor Corona sehr gross, es wird jetzt einfach häufiger und intensiver genutzt – auch von Leuten, die vorher analoge Vorführungen bevorzugten. Der Kulturkonsum ändert sich nach dem gleichen Muster wie der Warenkonsum. Wir kaufen mehr online ein und weniger in stationären Geschäften. Zudem wird im Kulturbereich die Interaktion und Partizipation des Publikums wichtiger – also nicht nur, was auf der Bühne passiert, sondern auch zwischen den Nutzern.

Was geschieht mit den Kinosälen und Clubs, wenn sie kaum noch besucht werden?

Für einen Teil dieser Räume werden – wie schon für Kirchen – neue Nutzungen gesucht werden müssen. Die grösste Herausforderung für die Immobilienbesitzer besteht darin, damit auch Rendite zu generieren.

Und Bars und Restaurants?

Zum Essen und Trinken werden wir uns auch in Zukunft vor Ort treffen. Vorläufig einfach im kleineren Kreis und in geschütztem Rahmen.

Was bedeutet dieser Wandel für künftige Generationen?

Sie werden kaum mehr zwischen physischer und virtueller Realität unterscheiden. Sie werden sich selbstverständlich in mehreren Realitäten bewegen, die ganz neue Erlebnismöglichkeiten eröffnen, etwa als Hologramm oder digitaler Doppelgänger in einer virtuellen Welt.

Man wird sich seltener direkt begegnen?

Nicht unbedingt. Die physische Welt wird nicht ersetzt, sondern erweitert.

Das Interview mit Karin Frick wurde schriftlich geführt.