Zürich
Unser tägliches Brot gibt uns Swissmill

Die einstige Zürcher Stadtmühle hat sich zu einem riesigen Hightech-Betrieb entwickelt und füttert die Bevölkerung mit Brot.

Matthias Scharrer
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Swissmill
9 Bilder
Müller kontrolliert die Schüttelmaschinen zum Sieben
Güterzüge bringen das Getreide
Am Schluss laufen die Kilo-Päckchen übers Förderband ins Lager
Röhrensystem verteilt Getreidesorten in die 60 Silo-Zellen
Die Mahlwerke werden von Hand eingestellt
So soll der 118-Meter-Silo aussehen
Mahlmaschine reiht sich an Mahlmaschine
Müller überprüft die Mehlsiebe

Swissmill

«Eine Mühle kann man nicht wie ein Büro zügeln», sagt Romeo Sciaranetti. Der smarte Betriebswirt aus Basel leitet seit eineinhalb Jahren Swissmill, die grösste Getreidemühle der Schweiz. Nun soll deren grösstes Silo von 40 auf 118Meter aufgestockt werden.

Das Volk entscheidet am 13.Februar darüber, nachdem Vertreter des Quartiers und der Alternativen Liste das Referendum ergriffen haben. Es geht ihnen um den Schattenwurf auf das Flussbad Unterer Letten, um die Frage, ob mitten in Zürich ausserhalb der Hochhaus-Zone ein 118-Meter-Silo entstehen darf – und letztlich auch um die Frage, ob ein verkehrsintensiver Industriebetrieb wie Swissmill überhaupt noch Platz hat in der Stadt.

Drei bis vier Güterzüge pro Tag

Ein Viertel des Brotgetreides in der Schweiz und fast die Hälfte des Hartweizens, der hierzulande zu Teigwaren verarbeitet wird, stammen aus der Mühle an der Limmat. Der gesamte Jahresabsatz lag 2010 bei 220000Tonnen. Es mag blasphemisch klingen, ist aber vor diesem Hintergrund nicht abwegig zu sagen: Unser tägliches Brot gibt uns Swissmill. Doch wer ist Swissmill? Wie wird dort heute Getreide verarbeitet? Und warum braucht die Mühle künftig ein 118-Meter-Silo?

Täglich rollen drei bis vier Güterzüge via Industriegleis zur Coop-Tochter Swissmill. Sie bringen das Getreide. Ein Grossteil davon kam früher aus Übersee per Schiff ins Zwischenlager nach Basel und von dort per Bahn nach Zürich. Doch das Lager in Basel ist inzwischen dem Novartis-Campus gewichen. Da das Getreide heute vermehrt aus Europa kommt, macht es laut Sciaranetti auch mehr Sinn, es direkt per Bahn nach Zürich zu bringen und dort zu lagern, wo es verarbeitet wird.

Von Weiss- bis Vollkornmehl

Ein Blick in das bestehende 40-Meter-Silo macht deutlich: Es ist nicht nur Lagerraum, sondern integraler Bestandteil der Produktionsabläufe. Zahlreiche Rohre in der obersten Silo-Etage füllen die verschiedenen Getreidesorten in 60 senkrechte Zellen, die sich fast über die ganze Gebäudehöhe erstrecken. So lassen sich Mischungen aller Art in konstanter Qualität erzeugen: konventionell oder bio, Weiss-, Halbweiss-, Ruch- oder Vollkornmehl, Hart- oder Weichweizen, Haferflocken, -flöckli, -griess, Dinkel sowie Mais in verschiedenen Feinheiten für Polenta oder als Mehl – «die Produktevielfalt hat in den letzten Jahren um ein x-faches zugenommen», sagt Sciaranetti.

Vom Silo gelangt das Getreide wiederum durch Rohre direkt in die Mahlwerke der Mühle. Hightech-Industrie hat Einzug gehalten in den über 150-jährigen Betrieb. Maschine reiht sich an Maschine in einer riesigen Halle. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Vom Computerraum hinter der Glasscheibe aus lässt sich kontrollieren, was wo gemahlen wird. Bis zu zwölf Mahlvorgänge braucht es, ehe sich das Mehl gänzlich vom Rest des Korns gelöst hat, erklärt der gelernte Müller Hans Schmid, der uns durch die Mühle führt.

Das Korn wurde vorgängig gereinigt. Dabei kamen Magnete zum Einsatz, aber auch Kameras, die schwarze Körner erkennen, worauf diese mittels Luftstrahl aussortiert werden. Die Walzen der Mahlwerke werden von Hand eingestellt. «Da brauchts das Feingefühl des Müllers», sagt Schmid. Täglich läuft er durch die Produktionshallen, um zu überprüfen, ob alles richtig läuft. «Da kommen einige Kilometer zusammen. Abends muss ich dafür keinen Sport mehr machen», so der 39-jährige Müller aus Weinfelden. Von den 75Swissmill-Mitarbeitern sind ein Drittel Müller, der Rest querbeet durch die Berufsgattungen, vom Mechaniker über Laboranten und Bäcker bis hin zu Büroangestellten.

25 Millionen soll der Bau kosten

Am Ende des Produktionsablaufs steht das Abfüllen. Von der 500-Gramm-Packung bis zum Lastwagentank reichen die Dimensionen. Ein Viertel der Waren verlässt die Fabrik in den Bahnwagen, die die Rohstoffe geliefert haben: Getreidereste, die zu Tierfutter verarbeitet werden. Alles andere wird per Lastwagen verteilt.

«Unser Ziel ist, die Auslieferung zu 50Prozent auf die Schiene zu bringen», sagt Sciaranetti. Die Strassen seien ohnehin überfüllt. Er hebt hervor, wie umweltgerecht sein Betrieb ist: Die Anlieferung erfolgt ausschliesslich per Bahn. Zwei Solaranlagen sind in Betrieb, eine weitere ist am Kornhaus geplant. Mit dem Neubau entstände zudem ein neuer Uferweg an der Limmat. 25Millionen Franken würde das 118-Meter-Silo kosten. In knapp zwei Jahren könnte es stehen. Und wenn das Volk Nein sagt? Dann bräuchte Swissmill laut Sciaranetti ökologisch und ökonomisch unsinnige Aussenlager sowie einen schnelleren Umschlag und damit mehr Fahrten. Denn – der Chef der Mühle sagt es noch einmal: «Man kann so einen Betrieb nicht einfach zügeln.» Neben MAN Turbo ist Swissmill der letzte Industriebetrieb im Zürcher Industriequartier.

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