Es ist heiss im Bürogebäude an der Zürcher Kurvenstrasse. «Unsere Klimaanlage ist ausgestiegen», klagt Markus Baumgartner. Was andernorts kurzzeitig für etwas dicke Luft sorgt, kommt im Zentrum für forensische Haaranalytik einer Arbeitsniederlegung gleich. Die hochsensiblen Massenspektrometer und Chromatografen verweigern korrekte Resultate, wenn das Klima nicht stimmt.

Baumgartner ist einer der wenigen «forensischen Toxikologen» der Schweiz. Er leitet den Bereich, der Teil des Instituts für Rechtsmedizin ist. Doch keine Leichen liegen herum, keine menschlichen Knochen und keine Röntgenbilder zieren die Räume.

Stattdessen: Haare, nichts als Haare. 10000 Haarproben befinden sich im Archiv. Eine davon liegt auf Baumgartners Schreibtisch. «Das Opfer wurde vermutlich unter Einfluss von K.-o.-Tropfen vergewaltigt», so Baumgartner. Wir untersuchen im Auftrag der Staatsanwaltschaft, ob wir Spuren von Schlafmitteln oder GHB finden.

Wenn der mutmassliche Täter dem Opfer tatsächlich ein Mittel verabreicht hat, wird das Zentrum es nachweisen können. «Stunden nach einer Tat wäre das im Blut oder im Urin am besten möglich.

Wurde dieses Zeitfenster verpasst, kann die Haaranalytik etwa nach drei bis vier Wochen allenfalls Klarheit schaffen», sagt Baumgartner. Die Abbauprodukte bleiben erhalten.

«Haare sind wie ein Fahrtenschreiber. Sie vergessen nicht», sagt der Toxikologe. «Auch nach einem Jahr können sie nachgewiesen werden.» Vorausgesetzt, die Haare sind bis dahin nicht auf dem Boden eines Coiffeursalons gelandet.

Der berühmte Fussballtrainer

Das Foto des Ex-Fussballers Christoph Daum erscheint auf dem Bildschirm. «Das ist unser PR-Verantwortlicher», scherzt Baumgartner. Der designierte deutsche Fussball-Bundestrainer Daum war im Jahr 2000 in die Schlagzeilen geraten, weil in seinen Haaren Spuren von Kokain gefunden wurden. Über Nacht wurde nicht nur er in ganz Europa berühmt, sondern auch die forensische Haaranalytik.

Die meisten Fälle kommen vom Strassenverkehrsamt. Lenkern, denen wegen Alkohol- oder Rauschmittelkonsums der Führerausweis entzogen wurde, müssen zur Wiedererlangung nachweisen, dass sie abstinent sind.

Baumgartner spricht den grossen Vorteil der Methode an: «Früher musste man alle zwei Wochen zur Urinprobe erscheinen. Heute können wir mit einer Haarprobe die letzten sechs Monate untersuchen.»

Aufträge erteilen manchmal auch Firmen, deren Mitarbeiter sich einer Haaranalyse unterziehen. «Allerdings nur, wenn sie freiwillig mitmachen», so Baumgartner.

Untersuchungen ohne die Einwilligung der oder des Haarspenders macht das Zentrum nicht: «Gelegentlich rufen gut situierte Herren an, die uns Haare ihrer jungen Freundin vorbeibringen wollen», doch dabei macht Baumgartner nicht mit.

Widerspenstige Büschel

Im Labor hat sich das Klima mittlerweile abgekühlt, die Lüftung arbeitet wieder. Eine Mitarbeiterin geht Röhrchen schüttelnd durch den Raum. «Haare waschen», kommentiert Baumgartner.

Derweil kämpft ein junger Laborant mit der Pinzette gegen ein besonders widerspenstiges Haarbüschel, das vom Kopf eines mutmasslichen Drogenkonsumenten stammt. Er schneidet einen Teil weg, was übrig bleibt, entspricht dem Zeitraum der letzten vier Monate.

Die gekürzte Probe wird dreimal gewaschen, zerkleinert und pulverisiert. Am Ende verbleibt ein Extrakt, der durch die eingangs erwähnten Maschinen untersucht wird.

Auf dem Bildschirm erscheint dann die Konsumgeschichte der Haarbesitzer. «Der hier hat viel Kokain konsumiert. Der hier weniger», erklärt Baumgartner.

Feststellen lassen sich so ziemlich alle gängigen Substanzen. Ob einer viel oder wenig Alkohol konsumiert, ob sein Heroin von der Strasse oder aus der kontrollierten Abgabe stammt. Und ob die Rückstände von Partydrogen oder – wie eine Angeschuldigte behauptet hat – von Abbauprodukten ihres Appetithemmers stammen.

Und auch das kommt vor: In einem Sorgerechtsstreit bleibt nach der Haaruntersuchung die Frage im Raum, ob ein Kind beim kokainsüchtigen Vater oder bei der Mutter bleiben soll, die Ecstasy nimmt – «den Entscheid fällen nicht wir. Wir liefern nur die Fakten», sagt Markus Baumgartner.