Unispital Zürich
Männerwahl am Frauenstreiktag sorgt für Kritik

Ein Männertrio zum Frauenstreiktag: Der Kantonsrat genehmigte die Wahl von André Zemp, Serge Gaillard und Jürgen Holm in den Zürcher Unispitalrat.

Matthias Scharrer
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André Zemp, designierter Präsident des Universitätsspital Zürich.

André Zemp, designierter Präsident des Universitätsspital Zürich.

Severin Bigler

Corinne Glanzmann 

Zvg

Serge Gaillard und Jürgen Holm, designierte USZ-Spitalratsmitglieder.

Corinne Glanzmann Zvg

Das Universitätsspital Zürich (USZ) hat turbulente Zeiten hinter sich – nicht nur wegen der Coronakrise. Missstände in mehreren Kliniken führten vergangenen November dazu, dass Spitalratspräsident Martin Waser (SP), sein Vize Urs Lauffer (FDP) und Spitalratsmitglied Annette Lenzlinger ihren Rücktritt erklärten. Nun hat der Kantonsrat die Wahl ihrer Nachfolger im USZ-Führungsgremium genehmigt: Neuer Präsident wird André Zemp, der derzeit noch die Zürcher Stadtspitäler Waid und Triemli leitet. Zudem gehören künftig Serge Gaillard, zuletzt Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung, und der Medizininformatiker Jürgen Holm dem Spitalrat an.

Dass ausgerechnet am Frauenstreiktag die Wahl dreier Männer in den Spitalrat zu genehmigen war, sorgte im Kantonsrat für Diskussionen. Die Wahl hatte der Regierungsrat unter Federführung von Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) getroffen, wobei die Headhunter-Firma Guido Schilling AG mitwirkte. Pikant: Die Firma macht jährlich mit dem Schillingreport über den Anteil von Frauen in den Chefetagen von Schweizer Unternehmen von sich reden.

«Wir glauben nicht, dass es keine geeignete Frau gab»

Nun kritisierte Bettina Balmer (FDP, Zürich): «Die Headhunterfirma Schilling hat ihre Arbeit nicht gut gemacht.» Sie habe 83 Männer und nur 12 Frauen für die Posten in der Unispital-Chefetage kontaktiert. Aus Protest wähle die FDP nur Zemp, nicht aber Gaillard und Holm. Ebenso hielt es die GLP: «Wir glauben nicht, dass es keine einzige geeignete Frau gegeben hätte», erklärte Claudia Hollenstein (GLP, Stäfa). Im Zürcher Unispital sei die Mehrheit der Angestellten weiblich, betonte Nora Bussmann (Grüne, Zürich). Daher sollten Frauen auch im strategischen Führungsgremium des Spitals in genügender Zahl vertreten sein. Von den sieben Spitalratsmitgliedern, die der Regierungsrat wählt, sind nach der jetzigen Wahl des Männertrios fünf männlichen Geschlechts.

Auch die SP sei nicht zufrieden, sagte Esther Staub (SP, Zürich). Allerdings stehe es in anderen Führungsgremien kantonsnaher Betriebe um den Frauenanteil noch schlechter. Die SP genehmige die Wahl dennoch, da das USZ jetzt dringend einen Spitalrat brauche. Dass SVP-Regierungsrätin Rickli mit Ex-Gewerkschafter Gaillard auch einen Linken vorgeschlagen habe, zeuge von der Qualität der Kandidaten.

Ähnlich argumentierte Lorenz Schmid (Die Mitte, Männedorf). Er kritisierte zwar die regierungsrätliche Auswahl mit scharfen Worten:

«Dieser Altherrenklub kann doch nicht ihr Ernst sein.»

Der Faktor Frau sei in Unternehmen erfolgsfördernd. Dennoch lehne die Mitte die Wahl nicht ab, denn: «Das Spital braucht ein funktionierendes Führungsorgan. Und die Kandidaten überzeugen», so Schmid.

«Unser Fokus lag auf fachlichen Kompetenzen»

Auch Regierungsrätin Rickli zeigte sich überzeugt von der getroffenen Wahl. Alle Stellen seien öffentlich ausgeschrieben gewesen. Zudem habe man die Top-Kandidaten einer externen Beurteilung unterzogen. «Unser Fokus lag ausschliesslich auf den fachlichen Kompetenzen», betonte die Gesundheitsdirektorin.

Zemp bringe über 25 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen mit. Gaillard sei ein ausgewiesener Finanzspezialist. Holm, der an der Berner Fachhochschule Professor für Medizininformatik ist, bringe ebenfalls wichtiges Wissen ein: «Digitalisierung wird einer der Megatrends im Gesundheitswesen sein», sagte Rickli. Trotz Kritik aus den Reihen mehrerer Fraktionen genehmigte der Kantonsrat die Wahl der drei Männer letztlich mit klarer Mehrheit. Drei abweichende Anträge blieben unter einem Drittel der Stimmen.

Frauenstreiktag im Kantonsrat

Nicht nur in der Debatte zur Wahl eines Männertrios in den Unispitalrat (siehe oben) spiegelten sich am Montag Anliegen der Frauenbewegung wieder. Anne-Claude Hensch (AL, Zürich) verlas eine gemeinsame Fraktionserklärung von AL, SP und Grünen unter dem Titel «Gleichstellung jetzt». Sie wies darauf hin, dass Frauen gerade in der Coronakrise viel unbezahlte Mehrarbeit übernommen hätten, etwa in der Kinderbetreuung, beim Homeschooling oder bei der Sorge für alte Eltern. Zudem gebe es immer noch eine diskriminierende Lohnlücke von 8,6 Prozent zwischen Mann und Frau. Und: «Die Pensionskassen-Renten der Frauen sind durchschnittlich nur halb so hoch wie diejenigen der Männer», sagte Hensch. «Elf Prozent der Schweizer Frauen müssen beim Rentenantritt umgehend Ergänzungsleistungen beziehen.» Als Zeichen des Protests forderte sie alle Frauen des Kantonsrats auf, um 11 Uhr im Ratsfoyer zu streiken. Der Aufruf stiess nicht nur links der Mitte auf Anklang.