Kommentar

Unispital-Affäre: Es geht um Zivilcourage, Kontrolle von Klinikdirektoren und politische Leitplanken

Die Unispital-Affäre ist noch nicht auskuriert. (Archivbild)

Die Unispital-Affäre ist noch nicht auskuriert. (Archivbild)

Kaum scheint die Coronakrise abzuflauen, sorgt eine nächste Krise für Unruhe am Universitätsspital Zürich (USZ). Diesmal geht es nicht um eine Pandemie, die aus dem fernen China kam, sondern um Hausgemachtes.

Es geht erstens um drei Klinikdirektoren, die den Verdacht erweckten, Reichtum und Ruhm sei ihnen bisweilen wichtiger als das Patientenwohl; und zweitens um einen Whistleblower, der Missstände anprangerte – und vom USZ entlassen wurde; und drittens um Politiker, die nun versuchen, ihre Lehren daraus zu ziehen.

Am Anfang standen Medienberichte, bald folgten Massnahmen: Das USZ beurlaubte Ende Mai Francesco Maisano, Direktor der Klinik für Herzchirurgie, für drei Wochen. Zudem ordnete der USZ-Spitalrat an, dass Martin Rücker, Direktor der Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie, ab sofort nur noch am USZ ­Patientinnen und Patienten behandelt. Ausserdem teilte das USZ mit, dass Daniel Fink, Klinikdirektor Gynäkologie, das Spital nach über 30-jähriger Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen verlasse.

Herzspezialist Maisano hatte Operationsberichte geschönt, wie eine vom USZ veranlasste Untersuchung laut Recherchen des «Tages-Anzeigers» bestätigte. Bei den Operationen setzte er auch Implantate von Firmen ein, an denen er selbst beteiligt war. Eine der Firmen wurde für einen dreistelligen Millionenbetrag verkauft.

Kurz zuvor hatten das USZ und Maisano nach einer Implantation von einer Weltpremiere geschwärmt – und dabei verschwiegen, dass es der 74-jährigen Herzpatientin nach der Operation gar nicht besser ging. Maisano kassierte beim Firmenverkauf mit.

Zahnmediziner Rücker liess sich vom USZ Patienten an seine Privatpraxis zuweisen, wie die «NZZ am Sonntag» enthüllte. Frauenarzt Fink wiederum liess sich teils in Operationsplänen für mehrere Eingriffe gleichzeitig eintragen. So konnten Rücker und Fink entsprechend viele Honorare verbuchen.

Die drei Fälle zeigen: Das Millionengeschäft Medizin kann hochrangige Ärzte an einem öffentlichen Spital zu fragwürdigen Machenschaften verleiten. Dabei wird auch mal gegen interne Regeln verstossen. Die Fälle zeigen auch: Die internen Kontrollen der Spitalleitung haben teilweise versagt.

Klinikdirektoren konnten in ihren kleinen Königreichen offenbar zu lange schalten und walten, wie sie wollten. Und wenn, wie im Fall Maisano, ein anderer leitender Arzt die Missstände anprangerte, kam es, wie es oft kommt, wenn Whistleblower aktiv werden: Er wurde entlassen, während das USZ Maisano vorerst nur für drei Wochen beurlaubte.

Nun geloben alle Besserung: Martin Waser, Präsident des USZ-Spitalrats und vormals Zürcher SP-Stadtrat, stellt eine niederschwellige, externe Anlaufstelle für Whistleblower in Aussicht. Zudem will das USZ interne Kontrollmechanismen verstärken. Waser sprach sich auch für eine Revision des kantonalen Zusatzhonorargesetzes aus. Dieses erlaubt es Kaderärzten an den kantonalen Spitälern bislang noch, zusätzlich zu ihrem Fixlohn 50 Prozent der Honorareinnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten für sich zu behalten.

Eine Änderung dieser Regel hatten FDP und SVP im Kantonsrat unlängst abgeblockt. Seit den Wahlen 2019 haben sich die Machtverhältnisse im Parlament jedoch geändert. Neue Mehrheiten sind möglich.

Auch Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) will nun auf das Gesetz zurückkommen, wie sie gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagte: Sie werde dem Regierungsrat eine Gesetzesreform vorschlagen. Der Fixlohnanteil solle höher und der variable Lohnanteil tiefer werden. «Dass die Klinikdirektoren in die eigene Tasche arbeiten können, ist ein Missstand, den man beheben muss», sagte Rickli.

Der Reformbedarf scheint erkannt, sowohl von Waser als auch von Rickli. Jetzt geht es darum, die Reformen tatkräftig umzusetzen – sowohl auf Gesetzesebene als auch in der Spitalführung. Erst dann wäre die USZ-Affäre auskuriert.

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