Universität Zürich
Uni-Rektor Schaepman: «Wir hoffen, die optimale Mischung von Fern- und Präsenzunterricht zu finden»

Michael Schaepman, der neue Rektor der Uni Zürich, sucht nach der Universität der Zukunft. Dabei spielen auch die Corona-Erfahrungen eine Rolle, wie er im Gespräch nach seinen ersten 100 Tagen sagt.

Matthias Scharrer
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Michael Schaepman, Rektor der Universität Zürich.

Michael Schaepman, Rektor der Universität Zürich.

Keystone

Der Geograph Michael Schaepman ist es gewohnt, aus dem Weltall via Satellitenbilder auf der Erde zu blicken. Sein angestammtes Forschungsgebiet ist die Fernerkundung. Nun ist der schweizerisch-niederländische Doppelbürger seit 100 Tagen Rektor der Universität Zürich (UZH). Am Mittwoch lud er zu einem Mediengespräch via Zoom.

Was fällt ihm auf, wenn er aus dem Weltall auf die Uni Zürich blickt? «Ich sehe eine sehr verstreute Uni», sagt Schaepman. Aktuell verteile sie sich auf 260 Gebäude, von Schlieren über Oerlikon bis zum Balgrist. Der Rektor hält fest: «Wir wollen eine Stadt-Universität sein. Begegnungen sind ein Qualitätsmerkmal eines Studiums.» Daher plane man aktuell das neue Uni-Hauptgebäude namens Forum UZH im Hochschulquartier. Die Aussenstandorte sollen nach dessen Eröffnung, die für 2028 geplant ist, weitgehend wegfallen.

Zoomt Schaepman noch näher heran, sieht er auch: Die Uni ist derzeit wenig besucht; ihre Gebäude stehen momentan ziemlich leer. Zwar hat sie mit 27614 Studierenden im Herbstsemester einen neuen Höchststand erreicht; dies sei typisch für Krisenzeiten: «In einer wirtschaftlich unsicheren Lage entschliessen sich mehr Leute ein Studium zu beginnen – oder studieren länger», sagt Schaepman.

Auch fürs kommende Frühlingssemester wird Online-Unterricht geplant

Doch der Präsenzunterricht ist wegen der Coronapandemie weitgehend ausgesetzt. Fernstudium ist angesagt. Praktisch alle Lehrveranstaltungen finden dieses Semester online statt – abgesehen von einigen, für die Labors und dergleichen unabdingbar sind. Studierende dürfen aber die Arbeitsräume der Uni benützen, wenn sie zu Hause keinen geeigneten Arbeitsraum haben.

Fürs kommende Frühlingssemester müssen alle Dozierenden erneut Online-Unterricht planen. Sollte sich die epidemiologische Lage bis dann deutlich verbessern, könnten sie aber auch auf Präsenzunterricht umschalten: Die Hörsäle stünden bereit und wären zugeteilt, sagt Schaepman.

Schlange stehen für das Unterrichtsvideo

Wichtig sei nun, dass die Digitalisierung des Unterrichts nicht zu viel Forschungszeit wegfresse. Dozierende hätten ihre Vorlesungen oft mehrmals auf Video aufgezeichnet, bis sie mit dem Resultat zufrieden waren. Nicht alle verfügen zu Hause über die dafür nötigen technischen Einrichtungen; viele seien daher in die entsprechenden Räume der Uni gekommen: «Man musste Schlange stehen», sagt Schaepman.

Fürs kommende Frühlingssemester sei nun aber schon ein Erfahrungsschatz vorhanden. Der Uni-Rektor rechnet damit, dass der Aufwand für die Produktion digitaler Vorlesungen abnimmt. Gleichzeitig gelte es, herauszufinden, welche Arten des Online-Unterrichts am besten seien. Die Bandbreite reiche von Videoaufzeichnungen zu interaktiven Formaten.

Die Uni erforscht sich selbst

Eine Arbeitsgruppe sichte den dazu vorhandenen Forschungsstand. Gleichzeitig erforsche die Uni Zürich sich selbst, um die neuen Erfahrungen auszuwerten: «Wir schicken Fragebögen an alle Beteiligten.» Die Rückmeldungen der Studierenden sind dabei laut Schaepman besonders wichtig. «Wir hoffen, in Zukunft die optimale Mischung von Fern- und Präsenzunterricht zu finden», sagt der Rektor. Und hält fest: «Ich möchte so schnell wie möglich zurück zu normalen Unterrichtsformen.»

Eine spezielle Herausforderung stellen auch die Prüfungen dar, wenn sie online stattfinden müssen: Wie stellt man sicher, dass Prüflinge nicht schummeln? Im vergangenen Frühlingssemester gab es laut Schaepman 230 Fälle mit Verdacht auf unlauteres Verhalten, davon seien 50 noch hängig.

Kein Interesse an Überwachung mit künstlicher Intelligenz

In der Praxis schalten sich Prüfungsbegleiter stichprobenartig online ein, um zu schauen, was die Prüflinge gerade machen. «Wir haben kein Interesse, unsere Studierenden mit künstlicher Intelligenz zu überwachen», betont Schaepman. Wichtiger sei der Ehrenkodex, den sie unterschreiben müssen.

Auch zu Kritik wegen überlasteten Online-Plattformen der Universität nimmt Schaepman Stellung. Die «Schweizer Illustrierte» hatte ihm unlängst einen Kaktus verliehen, unter anderem, weil es für eine Online-Vorlesung zu wenige Lizenzen gab, so dass sich hunderte Studierende nicht einloggen konnten. «Täglich haben Studierende während rund 100000 Stunden an Lehrveranstaltungen teilgenommen. In einer Vorlesung gab es zu wenige Lizenzen. Es war weniger als ein Promille der Studierenden betroffen», sagt Schaepman. Der Kaktus gedeihe nicht gut bei ihm zu Hause.