Uiversität
Uni-Professor: «Junge nehmen Finanzkrise als Weckruf»

Die Finanzwelt schlittert von einer Krise in die nächste. Dennoch – oder gerade deshalb studieren immer mehr junge Leute an der Universität Zürich Banking & Finance. Das gleichnamige Institut verzeichnet von Jahr zu Jahr mehr Studierende.

Matthias Scharrer
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Gut besucht: Kurse in Finance an der Universität Zürich.mts

Gut besucht: Kurse in Finance an der Universität Zürich.mts

Waren 2007 noch 387 Studierende auf Bachelor-Stufe für Banking & Finance eingeschrieben, so waren es im Herbstsemester 2011 bereits 611. Ihr Anteil an den Bachelor-Studenten der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät stieg im gleichen Zeitraum von 24 auf 28 Prozent.

Neuere Zahlen sind nicht erhältlich. «Die Studentenzahlen nehmen in der gesamten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zu, auch beim Institut für Banking & Finance», sagt dessen Geschäftsführer Peter Lautenschlager.

Hintergründe verstehen

Warum das so ist? «Die oft geäusserte Vermutung, Studierende wählen Wirtschaft, weil sie nach dem Studium einfach viel Geld verdienen möchten, greift definitiv zu kurz. Gerade weil infolge der Finanzkrise die Banken täglich in den Schlagzeilen sind, interessieren sich immer mehr Studierende dafür. Sie wollen wissen, wie die Ökonomie funktioniert und weshalb es zur Krise gekommen ist und was wir daraus lernen können», so Lautenschlager weiter.

Institutsdirektor Thorsten Hens doppelt nach: «Viele junge Menschen nehmen die Finanzkrise als ‹Weckruf› auf und wollen nun vermehrt dabei helfen, das Finanzsystem zu reformieren. Das betrifft nicht nur die Occupy-Bewegung, sondern auch die Studierenden.»

«Ohne Banken keine Schweiz»

Ortstermin im Uni-Hörsaal. Kredit- und Einlagengeschäft stehen laut Vorlesungsverzeichnis auf dem Programm. Eine Juristin erklärt den Studierenden, was ein Banken-Vertrag ist. Der Hörsaal ist trotz sonnigem Frühlingswetter und eher trockener Materie gut gefüllt.

Eine der Studierenden ist Selma Bozalija. Sie arbeitet neben dem Studium bei einer Grossbank. «Banking gefällt mir, es ist vielfältig», erklärt sie ihre Motivation. «Und man kann auch Karriere machen. Frauen sind bei den Banken noch untervertreten.»

Dennoch: Die Finanzkrise liess sie auch zweifeln. «Ich wollte deswegen das Fach wechseln. Aber am Schluss überwog das Positive. Ohne Banken gibts keine Schweiz», ist sie überzeugt. «Als wir das Studienfach wählten, war die Krise erst am Anfang», erinnert sich Dominique Weber, der neben Marco Minini im Hörsaal sitzt. «Das Fach an sich ist sehr interessant», fährt Weber fort. «Nicht nur aufgrund der beruflichen Perspektiven, sondern wegen seiner Vielschichtigkeit.» Minini ergänzt: «Und man versteht damit viel von der Schuldenkrise.»

Thema Verantwortung

Die Krise verändert auch das Studienangebot. «Wir haben nun weniger Finanzmathematik, mehr Ökonomie und auch Finanzgeschichte ins Curriculum aufgenommen», sagt Institutsdirektor Hens. «Damit beabsichtigen wir, die Studierenden breiter als zuvor auszubilden.» Zudem sei in allen Lehrveranstaltungen das Thema Verantwortung dominanter vertreten. «Und wir haben ein ‹Center of Responsibility in Finance› gegründet, in dem wir die Ursachen und mögliche Konsequenzen der Finanzkrise studieren.»

Das neue Center ist dem Lehrstuhl von Marc Chesney angegliedert. Der Zürcher Bankenprofessor gehört zu den Mitverfassern des im November 2011 veröffentlichten «Basler Manifest zur Ökonomischen Aufklärung». Das Manifest kritisiert «die quasi-religiöse Überhöhung des Marktes durch die neoliberale Glaubenslehre» und fordert unter anderem eine Finanztransaktionssteuer.

Die Geldquellen sprudeln

Überraschende Töne aus dem Umfeld einer Institution, die neben dem Kanton Zürich auch die Finanzindustrie zu ihren Geldgebern zählt. Die Geldquellen für das Institut für Banking & Finance sprudeln ungeachtet der Finanzkrise weiter.

«Wir sehen keinen Rückgang», stellt Institutsdirektor Hens fest. «Im Gegenteil.» Aufgrund der steigenden Studentenzahlen erhalte das Institut zum einen von der Universität mehr Mittel. Zum anderen stelle auch die Finanzindustrie mehr Anfragen als zuvor. «Wir hoffen, all die spannenden Fragen schnell und doch fundiert beantworten zu können und freuen uns auf ruhigere Zeiten», so Hens.