Zürich

Uni-Leben mal anders: Der Bunker wird zum Studienraum

Vierzehn Studierende der ETH wohnen derzeit in einem Luftschutzkeller. Sie haben mit dem Wohnungsmangel in Zürich zu kämpfen.

Durch eine Tiefgarage führt der Weg zur Eingangstüre des Bunkers. Danach steigt man in einem schmalen Gang einige Treppen abwärts, bis man in den Aufenthaltsraum gelangt. Dem Neuankömmling steigt ein etwas biederer Geruch nach alten Schuhen und Kartoffelchips in die Nase, an den man sich jedoch schnell gewöhnt. Drei Studenten sitzen an einem Tisch und tippen auf ihren Laptoptastaturen herum. Wahrscheinlich durchforsten sie die Internetportale für freie Zimmer oder Wohnungen in Zürich.

Befristet auf 5 Wochen

Denn die momentane Situation ist bloss eine Übergangslösung. Das ist allen Studenten klar, die momentan in Ermangelung einer Wohnung in dem Luftschutzkeller nahe des ETH Hauptgebäudes untergebracht sind. Zwei Wochen vor Studienbeginn stellte die ETH den Massenschlag Studenten und Studentinnen zur Verfügung, die noch auf der Suche nach einem Zimmer waren. Für zehn Franken pro Nacht bekommen diese ein Bett, dürfen gemeinsam eine grosse Küche nutzen und haben freien Internetzugang. Zwei Duschzellen befinden sich in der Küche. Für die Wertsachen hat jeder einen kleinen Spind. Zur Zeit wohnen 14 Personen im Bunker. Aus der Schweiz ist keiner dabei. Sie kommen aus Mexico, Italien, China Deutschland oder Russland. Nur eine junge Frau ist unter ihnen. Maximal drei Wochen nach Studienbeginn müssen alle wieder raus. «Für uns war es wichtig, eine Deadline zu setzen», sagt Dieter Wüest, Leiter des Rektorats der ETH. «Wir wollen damit signalisieren, dass die Zivilschutzanlage keine Lösung für ein ganzes Semester sein soll.»

Der eine oder andere Student wurde mittlerweile auch fündig auf dem Wohnungsmarkt. Der Chinese Xavier Yang etwa konnte sich über die Zimmer- und Wohnungsvermittlung der Universität Zürich und der ETH ein Zimmer ergattern. Nach über zehn Nächten im Bunker freut sich der Student der Elektrotechnik nun auf etwas mehr Privatsphäre und Ruhe. Ein Problem bereitete ihm vor allem das Fehlen von Tageslicht im Bunker. Da er durch die lange Reise von China in die Schweiz ohnehin noch unter Jetlag litt, hatte er Mühe, früh aufzustehen. «Wenn es immer dunkel ist, weiss man nicht, ob es erst vier Uhr oder schon zehn Uhr morgens ist. Man verliert das Gefühl für den Tagesrhythmus.» Seiner Mutter gegenüber habe er nichts von dem Bunker erzählt. «Sie darf das nicht sehen», sagt er und lächelt verlegen. In der neuen Wohnung darf er sich auf Fenster, vielleicht sogar auf Morgensonne im Zimmer freuen.

Glücklos bei Wohnungssuche

Nicht so schöne Aussichten wie der 20-jährige Chinese hat der Russe Alexey Kustov. Er studiert Informatik, und weiss sich punkto Wohnung nicht mehr zu helfen. Er warte momentan auf Antworten von über 60 Anfragen, die er per Mail verschickt habe. Auch die Studentische Wohngenossenschaft Woko, die in Zürich rund 2000 Zimmer ausschliesslich an Studierende vermietet, konnte ihm bisher nicht weiterhelfen. Schon bevor er in die Schweiz einreiste, wollte sich Kustov eigentlich um ein Zimmer in Zürich kümmern. Er bekam aber sein Einreisevisum erst fünf Tage vor Abflug und so konnte er erst vor Ort mit der Wohnungssuche beginnen. In rund zwei Wochen ist seine Zeit im Bunker abgelaufen. Spätestens dann muss er sich eine neue Unterkunft organisiert haben. Die Optionen, die den Studenten ohne Dach über dem Kopf dann bleiben, sind teurer. «Wenn es nicht gelingt, bei einem Kollegen unterzukommen, bleiben die Jugendherberge oder ein Hotel», so Wüest. «Es gab auch schon Studierende, die auf dem Campingplatz übernachtet haben.»

Durch die gemeinsame Zeit im Luftschutzkeller konnten manche Studenten zumindest schon Kollegschaften schliessen. Mattia Seregni aus Mailand suchte gemeinsam mit anderen nach Wohnungen. Man teilte das Essen miteinander oder ging auf einen Spaziergang an der frischen Luft. Der 24-jährige Italiener möchte in den nächsten zwei Jahren seinen Master in Materialwissenschaft abschliessen. Auch er ist froh, mittlerweile ein Zimmer in Aussicht zu haben. «Es ist hier unmöglich, sich zu konzentrieren und zu lernen. Seit das Studium begonnen hat, habe ich Mühe, hier zu wohnen», sagt er.

Auch Vororte sind eine Option

Täglich kommt ein von der ETH angestellter Schweizer Student im Bunker vorbei, um den Wohnungssuchenden Tipps zu geben. Zum Beispiel, dass man auch in den Agglomerationen nach billigeren Unterkünften suchen könne. «Viele Leute aus dem Ausland wissen vielleicht nicht, dass durch den öffentlichen Verkehr in der Schweiz auch die Vororte gut erschlossen sind», sagt Wüest. Es herrsche die falsche Idealvorstellung, dass man im Zentrum wohnen müsse. Dennoch ist Wüest zuversichtlich: «Nicht jeder bekommt am Ende was er will, aber jeder kommt zuletzt irgendwo unter.» Indem die Studierenden mit der Zeit ihr Netzwerk vergrössern, tun sich neue Optionen auf, sagt Wüest.

Für eine Entschärfung des Wohnungsmangels setzen sich Zürcher Hochschulen im Rahmen von mehreren Projekten ein. Am Hönggerberg beginnt man zum Beispiel bald mit dem Bau von zwei Studentenhäusern mit rund 1 000 Zimmern. Auch die Woko hat kürzlich ihren Bestand um 1 000 Wohneinheiten erhöht.

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