Flughafen Zürich
Unglaublich, aber manche Schlepper reisen sogar im Flugzeug mit

Immer wieder werden sie im Kanton Zürich festgenommen, auch am Flughafen - die Schlepper. Die Kantonspolizei Zürich hat dafür seit einem Jahr einen eigenen Dienst eingerichtet, der die Schlepper jagd.

Ilda Özalp
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Ohne Papiere kommen Flüchtlinge an - und manchmal reist der Schlepper mit.

Ohne Papiere kommen Flüchtlinge an - und manchmal reist der Schlepper mit.

Keystone

Am Flughafen verhaftete die Kantonspolizei Ende September einen 38-jährigen Syrer aus Schweden. Der Mann hatte versucht, zwei Iraker von Wien über Zürich nach Kopenhagen zu schleusen. Im Februar ging der Polizei ein 34-jähriger, international gesuchter Schlepper in die Fänge. Der Mann verfügte über mehrere Identitäten. Im Januar wiederum verhaftete die Kapo einen 58-jährigen malaysischen Schlepper und einen 30-Jährigen aus Sri Lanka, der illegal einreisen wollte. Ende November 2014 nahm sie einen 31-jährigen Gambier mit Schweizer Aufenthaltsbewilligung fest, der einen auf einen anderen Namen lautenden italienischen Pass mit sich trug und einem 18-jährigen Landsmann, der keine Papiere auf sich hatte, bei der Reise von Malta nach Zürich behilflich war.

Von Januar bis Oktober wurden vier mutmassliche Schlepper registriert, die mit dem Flugzeug in die Schweiz gekommen sind. Weit mehr haben die Strasse (278) oder die Bahn (90) benutzt. In der Grenzwachtregion II, zu der das Zürcher Unterland gehört, wurden im genannten Zeitraum 66 mutmassliche Schlepper festgenommen.

«Schamlos Geld verdienen»

Dass die Schlepper am Flughafen festgenommen werden können, hängt damit zusammen, dass sie «teilweise mit den Schleppungswilligen mitreisen», erklärt Carmen Surber, Mediensprecherin der Kantonspolizei. «Es kann mannigfaltige Gründe dafür geben. Allenfalls ist der Geschleppte beispielsweise reiseungewohnt oder spricht keine Fremdsprachen», erklärt Surber. Auch sei es möglich, dass die Migranten allfälliges Beweismaterial wie gefälschte Reisedokumente, Buchungsunterlagen oder Reisepässe nicht auf sich tragen wollten.

Die «Schleppungsproblematik» gewichtet die Kantonspolizei laut Surber hoch. So wurde vor einem Jahr ein eigener Dienst «Menschenhandel/-schmuggel» innerhalb der Kriminalpolizei aufgebaut. Am Flughafen Zürich sei zudem neben dem neuen Dienst nach wie vor die Fachgruppe Ausländerrecht mit der Bekämpfung des Phänomens befasst. «Ein besonderes Schwergewicht der Ermittlung bildet die Identifizierung von professionellen Schleppern – solchen, welche die Notlage von tatsächlichen Flüchtlingen schamlos ausnützen und mit deren Elend Geld verdienen», sagt Surber. Da Schlepper und Migranten mit allen möglichen Verkehrsmitteln reisen, ermittelt die Kantonspolizei in sämtlichen Bereichen.

Zahl von 2014 fast erreicht

Insgesamt wurden in der Schweiz von Januar bis Ende Oktober 373 mutmassliche Schlepper verhaftet. Die Gesamtzahl des vergangenen Jahres ist damit fast schon erreicht: 2014 waren es 384 Verhaftungen. Im Jahr 2013 betrug die Zahl noch 211. In der Grenzwachtregion II waren es vor allem Eritreer (15) und Kosovaren (14), aber auch solche mit Schweizer Nationalität (11). An vierter Stelle kommen mit sieben Verhaftungen Syrer und an fünfter Stelle Somalier (4). In der ganzen Schweiz waren es vor allem Kosovaren (53) und Eritreer (47). Danach kommen mit 37 Fällen Syrer, mit 28 Schweizer und mit 21 Iraker.

Insgesamt wurden bis Oktober in der gesamten Schweiz 23 329 rechtswidrige Aufenthalte von Migranten verzeichnet. 18 844 von ihnen benutzten die Bahn, 3710 die Strasse und 767 Flugzeuge. In der Grenzwachtregion II waren es insgesamt 844 rechtswidrige Aufenthalte.

Laut Jasmine Blum von der Eidgenössischen Zollverwaltung ist die Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität – dazu gehöre auch die Schleuserkriminalität – seit jeher eine wichtige Aufgabe der Grenzwachtkorps. «Zurzeit sind Schlepper vor allem im Strassenverkehr aktiv», sagt Blum mit Verweis auf die Statistik. «Die meisten Migranten, die in die Schweiz einreisen wollen, benutzen jedoch vor allem die Bahn und in seltenen Fällen Linienbusse oder Cars.» Dies bedeute, dass Schlepper den Grenzübertritt meist nicht aktiv begleiteten. Die Grenzwachtkorps setzten laut Blum mit den vorhandenen Einsatzmitteln und personellen Ressourcen regionale Kontrollschwergewichte und könnten so die Kontrolldichte erhöhen.

Und so werden Schlepper bestraft

Für die Bestrafung der Schlepper kommt Artikel 116 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer zum Zug. Demnach wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft, wer einer Ausländerin oder einem Ausländer die rechtswidrige Ein- oder Ausreise oder den rechtswidrigen Aufenthalt in der Schweiz oder einem Schengen-Staat erleichtert oder vorbereiten hilft. Auch wird unter anderem bestraft, wer Ausländerinnen oder Ausländern eine Erwerbstätigkeit in der Schweiz ohne die dazu erforderliche Bewilligung verschafft. Laut dem Gesetz kann in leichten Fällen auf Busse erkannt werden. Bis zu fünf Jahren Gefängnis verbunden mit einer Geldstrafe kann erhalten, wer mit der Absicht handelt, sich oder einen anderen unrechtmässig zu bereichern oder für eine Vereinigung oder Gruppe handelt, die sich zur fortgesetzten Begehung dieser Tat zusammengefunden hat.
Laut dem Leiter der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Rolf Jäger, wurden die am Flughafen aufgegriffenen Schlepper (siehe Artikel oben) folgendermassen bestraft: Der 38-jährige Mann aus Syrien mit Wohnsitz in Schweden, den die Kantonspolizei am 23. September am Flughafen verhaftet hatte, erhielt bereits am folgenden Tag eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 30 Franken, also insgesamt 3600 Franken, und eine Probezeit von zwei Jahren. Er wurde verurteilt, weil er zwei Irakern bei der rechtswidrigen Einreise behilflich war. Er hatte ihnen die Bordkarte übergeben. Laut Jäger hätte der Mann für seine Dienste eine Belohnung von mehreren Tausend Euro erhalten.
Jäger erklärt die schnelle Abwicklung des Falls so: «Unsere Zweigstelle am Flughafen kann sehr effizient arbeiten, wenn der Fall ausreichend geklärt ist und ein Geständnis oder eindeutige Beweismittel vorliegen.» So müssten die Schlepper in flagranti ertappt werden. Länger gehe es, wenn Beschuldigte nicht geständig seien und noch Zeugen oder Auskunftspersonen befragt werden müssten.
Der malaysische Schlepper, der am 7. Januar dieses Jahres aufgegriffen wurde, erhielt ebenfalls am folgenden Tag einen Strafbefehl: Er wurde zu 60 Tagessätzen à 30 Franken Geldstrafe verurteilt, also insgesamt 1800 Franken. Auch ihm wurde eine Probezeit von zwei Jahren auferlegt. Laut Jäger hatte der Täter einem Mann aus Sri Lanka, der mit einem nicht ihm zustehenden Pass ohne Visum eingereist war, ein Flugticket gekauft.
Den 34-jährigen international ausgeschriebenen Mann, der am 30. Januar am Flughafen verhaftet wurde, hat die Schweiz nach Deutschland ausgeliefert. Den Fall des mutmasslichen Schleppers aus Gambia, den die Kantonspolizei am 23. November letzten Jahres festgenommen hatte, hat die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland an einen anderen Kanton abgetreten, weil dort bereits ein Verfahren gegen den Mann lief.