Als pflichtbewusster Demokrat musste einem vergangenen Sonntag die Schamröte ins Gesicht steigen: Im Kanton Zürich hatte der Bezirk Dietikon bei den Nationalratswahlen die tiefste Wahlbeteiligung, nur 41,2 Prozent der Bevölkerung gingen an die Urne. Auf dem gesamten Kantonsgebiet waren es rund 47,3 Prozent der Stimmberechtigten. Der Bezirk Meilen zeigte, dass es auch anders geht. Dort beteiligten sich fast 57 Prozent an der Wahl. Das Limmattal beweist bei politischen Entscheidungsfindungen schon seit Jahren ein ausgeprägtes Desinteresse. Wie kommt das?

Laut dem statistischen Amt des Kantons Zürich sind die Gründe in der Bevölkerungsstruktur zu suchen. Die Daten der vergangenen Wahlen sind noch nicht im Detail ausgewertet. Doch Chefanalytiker Peter Moser nennt auf Anfrage drei Faktoren, die erwiesenermassen die demokratische Disziplin einer Gesellschaft beeinflussen. «Sie dürften sich im Bezirk Dietikon stark bemerkbar machen. Was auch den latent tiefen Wahlbeteiligungen in diesem Teil des Kantons entsprechen würde», so Moser.

Faktor Verstädterung: In Bezug auf ihren politischen Mitbestimmungswillen besteht laut Moser ein grosser Unterschied zwischen Stadt- und Landbevölkerung. «In ländlichen Gegenden ist der Gemeinsinn und damit auch der demokratische Geist viel stärker», sagt er. Dagegen würden die individualisierte Lebensweise und die Anonymität der Städte auch die Bedeutung der Bürgerpflichten abschwächen.

In diesem Zusammenhang dürften sich die vielen Neuzuzüger und das damit verbundene Bevölkerungswachstum der letzten Jahre wohl negativ auf das Wahlverhalten im Limmattal ausgewirkt haben. Seit 2005 ist hier die Bevölkerung nach den Bezirken Bülach (1,9 Prozent pro Jahr) und Dielsdorf (1,8 Prozent pro Jahr) verhältnismässig am meisten gewachsen, nämlich jährlich um rund 1,6 Prozent. Dies hatte – zumindest in den urbanisierten Gemeinden Schlieren und Dietikon – sicher auch einen Einfluss auf die Anonymität der Bewohner und der Beziehung des Einzelnen zur Stadtgemeinschaft.

Faktor Ausländeranteil: Die Wahlbeteiligung kann auch als prozentualer Anteil der wählenden Bürger an der Gesamtheit der stimmberechtigten Bevölkerung umschrieben werden. Immigranten ohne Schweizer Pass sind in diesen Zahlen daher in den meisten Kantonen gar nicht erfasst (Ausnahmen bilden etwa einzelne Gemeinden im Kanton Appenzell Ausserrhoden, die ein Ausländerstimmrecht eingeführt haben). Doch wirkt sich der Ausländeranteil indirekt meist negativ auf die demokratische Disziplin einer Gemeinschaft aus, wie Moser erklärt: «Je mehr Leute man in der eigenen Umgebung hat, die an politischen Entscheidungsfindungsprozessen partizipieren, desto eher wird man selbst politisiert.» Die Bevölkerungsgruppe der schlecht ausgebildeten Ausländer sei am weitesten Weg vom politischen Diskurs in der Schweiz. «Wer also in einer Umgebung aufwächst, in der sie stark vertreten sind, bewegt sich in einem wenig politischen Klima. Dies fördert die Wahlfaulheit auch bei jenen, die stimmberechtigt sind», sagt er.

Sieht man also den Ausländeranteil als Gradmesser für einen negativen Effekt, so erstaunt die tiefe Wahlbeteiligung im Bezirk Dietikon kaum. Das Limmattal steht hier im kantonalen Vergleich seit sechs Jahren an der Spitze. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung stieg von 28,9 Prozent im Jahr 2005 auf 33,9 Prozent im Jahr 2014.

Faktor Wohlstand und Bildung: Je ungebildeter und je ärmer eine Gemeinschaft, desto weniger interessieren sich ihre Mitglieder für Politik. Etwa so lässt sich – stark überspitzt formuliert – der dritte Erklärungsansatz zusammenfassen, den Chefstatistiker Moser für den mangelnden Bürgersinn in der Limmattaler Bevölkerung anführt. Oder positiv ausgedrückt: «Dort wo die Leute besser ausgebildet sind und bessere Löhne beziehen, dort beteiligen sich auch mehr von ihnen an der politischen Entscheidungsfindung», wie er es selbst ausdrückt.

Für die Richtigkeit dieser Einschätzung spricht, dass in den Bezirken Affoltern und Meilen vergangenen Sonntag Wahlbeteiligungen von 52 und 57 Prozent registriert wurden: In den letzten zehn Jahren lebten dort von allen Zürcher Bezirken die meisten Mittelschüler – bei der letzten Erhebung 2013 im Bezirk Meilen 22,4 pro 1000 Einwohner. Im Limmattal waren es zur gleichen Zeit gerade einmal 8,6 auf 1000. In der jüngeren Vergangenheit wechselte die rote Laterne in dieser Statistik stets zwischen den Bezirken Bülach, Dietikon und Dielsdorf. Und seit den letzten Wahlen 2007 wies ihre Wohnbevölkerung abgesehen von jener der Stadt Zürich das tiefste steuerbare Vermögen auf. Vor diesem Hintergrund erstaunt es also kaum, dass diese Bezirke am vergangenen Sonntag auch was die Wahlbeteiligung angeht die letzten drei Plätze besetzten.