125 Jahre Grossstadt
«Unermessliche Reichtümer an Gold und Silber»: Wie die Zürcher Bahnhofstrasse zur Flaniermeile wurde

Wie sich das Stadtzürcher Konsumverhalten in den letzten 125 Jahren verändert hat.

Lina Giusto
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Vergangene Zeiten: die alte Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse.
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Der Wochenmarkt auf der Gemüsebrücke im Jahr 1895.
Vom Gemüsemarkt bis zur Bahnhofstrasse: Geschichte des Stadtzürcher Konsumverhaltens

Vergangene Zeiten: die alte Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse.

Baugeschichtliches Archiv Zürich

Während der Adventszeit klingeln die Kassen der Warenhäuser und der Spielwarengeschäfte. Passend zur Jahreszeit veröffentlichte die Stadt Zürich den letzten Teil der Rückblende zum Leben, Arbeiten und Handeln in der Stadt, die in diesem Jahr den 125. Geburtstag ihrer Vereinigung zur Grossstadt feiert. 1893 fand die erste Eingemeindung statt, endgültig wurde ihre Ausdehnung mit der zweiten Eingemeindung im Jahr 1934 besiegelt.

Bis zur ersten Eingemeindung sorgten Wochenmärkte und spezialisierte Warenbezugsorte für den Konsum und die Versorgung der städtischen Wohnbevölkerung. Übliche Bezugsorte waren Verkaufslokale von Bäckereien, Metzgern, Krämern und Händlern. Das Konsumangebot ergänzten Wochen- und Jahrmärkte. Diese lockten denn auch Auswärtige zum Einkaufen in die Stadt.

Die Wochenmärkte waren dort angesiedelt, wo etwas mehr Platz für Waren und Menschen vorhanden war. Also an den Quais am oberen Teil der Limmat, an der Bahnhofstrasse sowie im Seilergraben. Der Gemüsemarkt auf der Rathausbrücke gehört seit dem 14. Jahrhundert zu den wöchentlichen Einkaufsmöglichkeiten in Zürich. Der grosse Jahrmarkt fand jeweils am Martini-Tag im November am Seiler- und Hirschengraben nahe des Zürcher Niederdorfs statt.

Mit der ersten Eingemeindung begann sich auch das Konsumverhalten zu verändern. Es war so etwas wie die Geburtsstunde Zürichs als Konsumparadies. Eine zentrale Rolle dabei spielen die entstehenden Warenhäuser entlang der heute weltweit bekannten Bahnhofstrasse, die vom Zürcher Hauptbahnhof bis zum Seebecken führt.

Zürich – eine Zeitreise in Bildern:

Blick vom Hauptbahnhof in Richtung Bahnhofbrücke und Central im Jahre 1864 vor der Brückenerweiterung, welche im Jahre 1871 stattgefunden hat.
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Um 1880: Zürich mit dem früheren Kratzquartier kurz vor dem Bau der Seeanlagen. Der heutige Kreis 7 ist noch beinahe unbebaut. Der Brauch, beim Sechseläuten den Böögg zu verbrennen, soll auf Bewohner des Kratzquartiers zurückgehen. Buben aus dem Quartier verbrannten seit Jahrhunderten mehrere Strohpuppen auf verschiedenen «Richtplätzen».
Der heutige Bürkliplatz hiess früher Stadthausplatz. Bei genauem Betrachten erkennt man linkerhand des Stadthauses das angebaute Ravelin. Aufnahme von zwischen 1877 und 1886.
Blick auf den Hauptbahnhof und die Bahnhofbrücke um zirka 1883.
Historische Bilder Zürich
Limmatquai um zirka 1890.
Das Grossmünster 1893. Der südlichste Teil des Limmatquais, der vom Grossmünster bis zum Bellevue reicht, hiess früher (bis 1933) «Sonnenquai».
Um 1893: Ein Stück vom alten Zürich, als das alte Kornhaus noch stand. Dieses musste der Fraumünsterpost und dem neuen Stadthaus weichen.
Das Gebiet um die Bahnnhofbrücke war früher stärker bebaut. Das Bild entstand zwischen 1870 und 1900.
"Hardthurm" um 1894.
Trams gibt es in Zürich bereits seit 1882, auch wenn sie anfänglich noch von Pferden gezogen wurden. Zwölf Jahre später wurden die ersten elektrisch betriebenen Tramlinien in Betrieb genommen.
Neumühle-Quai zwischen Central und Walcheplatz vor 1900. Zürich erlebte im Industriezeitalter den Aufstieg zur heutigen Wirtschaftsmetropole der Schweiz. Heute ist nur noch wenig Industrie inmitten der Stadt ansässig.
Der «Glaspalast» von Jelmoli wurde nach Pariser Vorbild entworfen und zwischen 1898 und 1899 gebaut. Bild: 1900.
Limmatquai 1890 bis 1900.
Der Kreuzplatz 1905. Rechts die Zollikerstrasse, rechts hinten die Neumünsterkirche.
Ruder- statt Motorboote auf der Limmat um 1905. Im Bild von links nach rechts: Post, Stadthaus, Fraumünster, Peterskirche, Grossmünster.
Das Limmatquai bei der alten Uraniabrücke um zirka 1905.
Die Drahtseilbahn zum Polytechnikum wurde 1889 eröffnet und ist das Überbleibsel eines gross angelegten Projekts. Ende des 19. Jahrhunderts sollte der Zürichberg mit einer Seilbahn erschlossen werden. Postkarte von zwischen 1900-1910.
Der Limmatraum zwischen Urania, Bahnhof und Central um 1910.
Was wäre Zürich ohne das traditionelle Sächsilüüte? Der Böögg wird seit 1902 auf einem grossen Scheiterhaufen in der Mitte des Sechseläutenplatzes verbrennt. Postkarte datiert vor 1916.
Blick auf den Bahnhofplatz um 1910. Das heutige Aussehen erhielt der Bahnhofplatz mit den Bauarbeiten, die 1970 ihren Abschluss fanden. Seither ist er stark vom Verkehr geprägt.
In aller Ruhe über den Bahnhofplatz spazieren, wie auf dem Foto um zirka 1910, ist heute nicht mehr möglich.
Uraniaplatz. Das Bild entstand zwischen 1900 und 1922.
Blick über Zürich vom Polytechnikum aus. Bild um 1911.
Mittelrisalit des ETH-Hauptgebäudes im Baugerüst um zirka 1918. Die ETH Zürich wurde 1855 unter dem Namen "Polytechnikum" gegründet. Die neue Bildungsstätte sollte ein eigenes Gebäude erhalten, dessen Bau zwischen 1858 und 1864 erfolgte. Damals waren Uni und ETH noch im selben Gebäude untergebracht. Nach dem Auszug der Universität wurde das Hauptgebäude umgebaut.
Die Südfassade blieb unverändert. Gegen die Rämistrasse wurde die Gesalt durch eine neue Schaufassade und die heute charakteristische Kuppel ergänzt.
Seit 1223 fror der Zürichsee insgesamt 25 Mal ganz zu. Im Bild: Die Seegfrörni von 1929.
Seit 1843 bieten Unternehmen kommerzielle Schiffstransporte auf dem Zürichsee an. Im Bild: Ein Schraubendampfer beim Zürichhorn vor 1931.
Eine Luftaufnahme der Swissair zeigt das Hochschulviertel, das Hauptgebäude, das Chemiegebäude und die Sternwarte im Jahr 1931.
Die sogenannte «Neue Kantonsschule» an der Rämistrasse beherbergte die Industrie- und Handelsschule sowie die Naturwissenschaftsräume der ganzen Kantonsschule. Bild von 1931.
Schon früher war das Niederdorf Zentrum des gesellschaftlichen Lebens mit verschiedenen Restaurants und Bars. Im Bild: Niederdorfstrasse und rechts die Köngengasse.
Blick auf die Bahnhofbrücke nach 1951. Das Gebäude, das erst das Warenhaus Globus und heute den Coop beherbergt, wurde 1960 gebaut.
Blick auf das Rennwegquartier 1957.
Das Strandbad Tiefenbrunnen entstand 1954 (im Bild 1957). Das gesamte Areal liegt auf einer künstlichen Seeauffüllung.
Der Löwenplatz von 1957.
Luftbild von 1958: Internationale Ballon-Freundschaftsfahrt anlässlich der Eröffnung der grossen Haupttribüne im Letzigrund.
Die letzte volle Seegfrörni war 1963.
Blick über die Kreise 4 und 5 im Jahr 1967. Im Bild zu sehen: Käferbergtunnel, Hardturm und das Gebiet um den Güterbahnhof.
Infrarot-Aufnahme von 1970; von links nach rechts: Grossmünster, Predigerkirche, Fraumünster, Peterskirche.

Blick vom Hauptbahnhof in Richtung Bahnhofbrücke und Central im Jahre 1864 vor der Brückenerweiterung, welche im Jahre 1871 stattgefunden hat.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Unbekannt

Die Schaufenster sind für alle

Um die Jahrhundertwende zogen besonders die Geschäfte mit gehobenem Standard vom alten Geschäftszentrum rechts der Limmat an die Bahnhofstrasse. Aber auch ihr Anfang war bescheiden. So beschäftigte das Seidenhaus Grieder vor der ersten Eingemeindung lediglich eine Verkäuferin, einen Laufburschen und zwei Mustermacherinnen, das Spielwarengeschäft Weber wurde in den Anfangsjahren gar von den beiden Inhabern alleine geführt. Die Geschäfte aber dehnten sich in den folgenden Jahren stark aus und kauften Immobilien dazu. Es folgte die Zeit der grossen Schaufenster. Damit wurde bereits eine erste Wertsteigerung des heutigen Stadtzürcher Kreis 1 vorangetrieben. Zudem war die Bahnhofstrasse eine der wenigen Strassen Zürichs, die asphaltiert war. Zusätzlich wurde sie in dieser Zeit durch die Einführung des Rösslitrams aufgewertet.

Der Chronist Samuel Zurlinden schrieb über das «Erlebnis Bahnhofstrasse» im Jahr 1915: «Die Bahnhofstrasse strahlt besonders an den Abenden vor Weihnachten in märchenhaftem Glanze. Unermessliche Reichtümer an Gold und Silber, Samt und Seide sind in den lichtdurchfluteten Läden ausgebreitet.» Und «sogar bis tief in den Boden hinab» reichten die riesigen Schaufenster.

Die Bahnhofstrasse wurde zur Meile des Sehens und Gesehenwerdens, wie Heidi Witzig in einem Artikel über das Einkaufen in der Stadt Zürich schrieb. Der Beitrag wurde 1997 in der Zeitschrift der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte publiziert.

An keinem anderen Ort wurde der Unterschied der Bevölkerungsschichten deutlicher als an der Bahnhofstrasse. Denn die Mehrheit der Stadtbevölkerung kaufte ihre Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände nach wie vor in den umliegenden, kleinen Läden oder bei den Haus-zu-Haus-Verkäufern. Die Kaufkraft jener, die vermögend waren, wurde beim Seiden-Grieder, Franz Carl Weber, Jelmoli oder Sprüngli an der Bahnhofstrasse abgeschöpft.

Auf den Hund gekommen

Die Zeiten des Konsumaufschwungs um die Jahrhundertwende wurde durch eine mangelnde Vorsorge, Nahrungsmittelknappheit, steigende Preise und soziale Nöte abgelöst.

Die Schweiz war 1914 nicht auf einen längeren Krieg vorbereitet. All diese prekären Lebensumstände schlugen in eine unzufriedene Grundstimmung um. Diese gipfelte im November vor 100 Jahren im Landesstreik. Die Vorkommnisse veranlassten statistische Ämter, die Entwicklung der Lebenshaltungskosten zu verfolgen, und zwar auch rückwirkend. So wurden bis ins Jahr 1912 zurück Preisindizes sowie ein Warenkorb erarbeitet, der widerspiegelt, was das Volk typischerweise konsumiert. Und die Erhebung untermauerte die Unzufriedenheit erstmals mit verlässlichem Zahlenmaterial.

Aus den Erhebungen wird deutlich, dass in den Zeiten des Ersten Weltkrieges Lebensmittel- und Mietpreise stark anstiegen. Die Nahrungsmittelpreise sind bis heute deutlich zurückgegangen. Noch 1919 wurde für Lebensmittel rund die Hälfte der vorhandenen Mittel ausgegeben, heute machen Esswaren noch etwa zehn Prozent aus. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich über den gleichen Zeitraum bei den Ausgaben für Bekleidung.

Seit der Jahrhundertwende zugenommen haben hingegen bis heute die Ausgaben für Verkehr, Gesundheit, Wohnen und Energie. Seit den 1960er-Jahren werden auch die eingesetzten Mittel für Restaurants und Hotels angegeben. Sie bewegen sich mehr oder weniger stabil bei rund neun Prozent. Die statistischen Zeitreihen zur Einkommens- und Vermögensentwicklung zeigen seit 100 Jahren ein Wachstum. Entsprechend lebt die Bevölkerung in Zürich heute in grösserem Wohlstand als noch zur Jahrhundertwende.

Der Hund als Wohlstandszeichen

Eine Entwicklung, die diesen Trend bestätigt, ist die Zahl der gehaltenen Hunde in Zürich. Dieser Wert deutet nämlich auf einen gewissen Wohlstand der Bevölkerung hin, wollen die Tiere doch gefüttert, betreut und gepflegt werden. Hunde waren in Zürich im Übrigen nicht immer gerne gesehen. Deshalb wurde die Hundehaltung um die Jahrhundertwende auch besteuert. Damals gab es auf rund 200 000 Bewohner etwa 3000 Hunde. Bis 1960 verdreifachte sich die Zahl der Tiere. 1980 wurde die bislang höchste Hundezahl verzeichnet. Damals lebten 9700 Vierbeiner in Zürich. In der immer dichter werdenden Stadt ging dann die Zahl der Hunde langsam immer weiter zurück, ehe sie laut Statistik Stadt Zürich in den vergangenen Jahren wieder leicht anstieg.