Das «Stedtli» im Zürcher Oberland ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder enthalten. Die enge Durchfahrtsstrasse wird täglich von rund 4000 Fahrzeugen befahren, weshalb die historische Bausubstanz stark unter den Emissionen leidet. Seit 2012 wurde deshalb nach einem Umfahrungsprojekt gesucht.

Am Dienstag nun stellte die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) den Architekten vor, welcher die Brücke über das Aabachtobel bauen soll. Es ist Santiago Calatrava. Sein Büro, die Callatrava Valls AG, wird das Umfahrungsprojekt für das historische Städtchen planen.

Es sei ihr ein grosses Anliegen, den seit Jahrzehnten unter dem Durchgangsverkehr leidenden Ortskern von Grüningen zu entlasten, sagte die Volkswirtschaftsdirektorin. Denn der Verkehr beeinträchtige sowohl die Aufenthaltsqualität im Ort als auch die Bausubstanz des geschützten «Stedtlis».

Der spanisch-schweizerische Architekt wurde von einer Fachjury als Sieger auserkoren. Der Kanton Zürich hatte drei renommierte Teams von Architekten und Brückeningenieuren zu einem Studienauftrag eingeladen. Mit Calatrava entschied sich die Jury für einen Altbekannten: Er entwarf bereits den Bahnhof Zürich-Stadelhofen.

Die vorgesehene Umfahrungsstrasse und das zugehörige Brückenbauwerk in Grüningen würden sich bestmöglichst in das landschaftliche und bauliche Umfeld einbetten, heisst es in der Mitteilung der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion. Die Fachjury habe deshalb entschieden, dieses Projekt weiterzuverfolgen.

Wenig Schattenwurf im Tal

Calatravas Idee überzeuge durch seine sorgfältige Analyse der lokalen Gegebenheiten, eine exzellente Gestaltung und überzeugende Einbettung der neuen Bauwerke in die Umgebung, begründete die Fachjury bestehend aus Vertretern des Kantons, der Gemeinde sowie Experten des Brückenbaus.

Der Architekt plant eine teilweise unterirdische Lösung, weil in der Vergangenheit oberirdische Pläne an der Engstelle zwischen dem Friedhof und dem kulturhistorisch wertvollen Haus «Wirz» gescheitert waren. Das Siegerprojekt will deshalb die Umfahrungsstrasse tiefer legen und durch eine rund 220 Meter lange Unterführung leiten.

Die Brücke quert das Aabachtobel aus der Unterführung kommend diagonal zur Talrichtung. Durch die Absenkung bleibe die Sicht auf das historische Städtchen von allen wesentlichen Standorten ungestört, schreibt die Volkswirtschaftsdirektion. Eine feingliedrige Ausbildung verleiht der Brücke ein elegantes Aussehen und reduziere den Schattenwurf im Tal.

Weil der Verkehr über die neue Umfahrung zirkuliert, kann das «Stedtli» zur autofreien Fussgängerzone umgestaltet werden. Dadurch fallen zahlreiche Parkplätze weg, welche aber durch eine unterirdische Garage beim Restaurant Bahnhöfli ersetzt werden. Auf deren Dach entsteht sogar eine Aussichtsplattform.

Fussgängerbrücke im gleichen Stil

Noch offen ist, was mit dem 1844 erstellten Strassendamm passiert, der nach Inbetriebnahme der Umfahrung seine Funktion verliert. Der Stararchitekt empfiehlt einen Rückbau und die Rekonstruktion des Geländes. Als Ersatz für den Damm würde er eine Fussgängerbrücke mit ähnlicher Gestaltung wie die Strassenbrücke vorschlagen.

Der Kanton Zürich prüft derzeit, ob diese Variante mit dem Denkmalschutz vereinbar ist. Das Siegerprojekt wird nun zur Erstellung eines Vorprojekts an das Tiefbauamt übergeben. Zudem soll die grobe Kostenschätzung konkretisiert werden. Derzeit geht der Kanton von 25 bis 30 Millionen Franken aus.

Der Kredit für das Projekt muss anschliessend durch den Kantonsrat - und im Falle eines Referendums durch die Zürcher Stimmbevölkerung genehmigt werden.