Eigentlich klingt es nach einem ganz normalen Teenagerleben: Manuel Eschle wohnt mitten in Uster mit seinen drei Brüdern und seinem Vater. Vor einem Jahr hat er die Matur gemacht und befindet sich jetzt in einem Zwischenjahr. Er hat eine Freundin und macht gerne Musik. Dieses Leben war mit vielen Hürden und Umwegen verbunden: Eschle wurde nämlich im Körper eines Mädchens geboren.

Dass er eigentlich ein Junge ist, realisierte Eschle, als er 16 Jahre alt war. «In diesem Alter kommt es oft vor, dass man sich in einer pubertären Krise von der Aussenwelt abschottet, aber ich habe gemerkt, bei mir ist irgendetwas falsch.» Zunächst dachte Eschle, es habe mit seiner sexuellen Orientierung zu tun. «Ich stehe auf Frauen. Deshalb bezeichnete ich mich als lesbisch.» Doch trotz dieser Erkenntnis kam Eschle nicht zur Ruhe. Er begann sich im Internet umzuschauen und tauschte sich in LGTBQ-Communitys aus.

Dies ist die englische Abkürzung für Gemeinschaften von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern. Dort bespricht man Themen wie etwa Homosexualität oder eben Transgender – im falschen Körper geboren zu sein. «Ich versuchte mich selber zu finden und fand mich als Junge im Körper eines Mädchens», sagt Eschle und lacht über seine Formulierung.

Die Krux mit der Namensänderung

«Mich als Transgender zu outen fiel mir nicht schwer. Den ersten grossen Schritt habe ich bereits gemacht, als ich mich als lesbisch outete. Zu sagen, dass ich Trans bin, war ein weiterer Schritt in einem noch immer andauernden Prozess», sagt Eschle. Von da an traute er sich, Kleider in der Herrenabteilung zu kaufen, orientierte sich am Verhalten anderer Männer – wie sie gehen, worüber sie sprechen – und er begann Hormone zu nehmen. «Viele haben am Anfang gesagt, das sei ein ‹pubertärer Furz› und ‹Warte einfach mal ab›.» Aber ich habe mir gesagt: «Mach es einfach, und mittlerweile ist es für alle völlig klar.»

Seine Freundin lernte Eschle kennen, bevor er äusserlich zum Mann wurde. Sie waren bereits vier Jahre in derselben Klasse. «Ich verliebte mich als Mann in eine junge Frau und sie sich in den Mann in mir.» Mit der Geschlechtsangleichung habe dann plötzlich alles Sinn gemacht. «Ich weiss, es klingt kitschig, aber sie hat sich in mich als Menschen verliebt.»

Auch Eschles Familie und Freundeskreis standen immer hinter ihm. «Ich bin irgendwann vor meine Klasse gestanden und habe gesagt: Übrigens, ich heisse jetzt Manuel.» Das habe gut funktioniert. Natürlich sei es am Anfang auch ungewohnt für ihn gewesen. Oft nannte man ihn noch beim alten Namen oder er fühlte sich nicht angesprochen. Als ihn das erste Mal eine Kassiererin wie selbstverständlich als jungen Mann ansprach, habe ihn das überglücklich gemacht.

Unangenehmer sei es gewesen, als er seinen Namen habe ändern wollen, erzählt Eschle. Immer wieder müsse er wildfremden Personen seine ganze Lebensgeschichte erzählen, damit man ihm glaube, dass er es ernst meine.

Die gesetzlichen Anforderungen für eine Geschlechtsangleichung sind hoch. Für die Änderung des Vornamens und des offiziellen Geschlechts braucht es ein medizinisches und psychiatrisches Gutachten. So ist nun Eschles Name geändert, aber auf seinem Pass steht unter Geschlecht immer noch weiblich. «Mit diesem Pass muss ich auf die Bank und sie sehen das. Dann ist es ihnen peinlich, weil sie nachfragen müssen, und ich muss wieder meine Lebensgeschichte erzählen.»

Vorschriften und Hürden

Eschle möchte mit jeder Faser seines Körpers ein Mann sein. Eine Hormontherapie reicht ihm deshalb nicht. Er will sich in den nächsten Jahren auch verschiedenen Operationen unterziehen. Während die Umwandlung von Penis zu Vagina chirurgisch gut umgesetzt werden kann, ist es umgekehrt schwierig, ein funktionierendes Glied zu schaffen. Gerade in der Schweiz ist die Phallo-Plastik noch nicht sehr weit entwickelt. «Mir ist es wichtig, dass ich körperlich ganz ein Mann werde. Da gehören die Operationen dazu.»

Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Zwar war der erste Operationstermin, nämlich für eine Brustentfernung, die sogenannte Mastektomie, für Eschle bereits vor einem Jahr angesetzt worden. «Doch das Thema Geschlechtsangleichung ist bei manchen Krankenkassen noch nicht ganz angekommen», sagt er. Vorschriften – wie zum Beispiel jene, gemäss der eine Operation erst durchgeführt werden kann, wenn der Patient schon für zwei Jahre Hormone nimmt – mussten eingehalten werden. Eschles Vertrauensarzt beachtete diese Vorschriften zuerst nicht und musste nachher seine Zusage einen Tag vor der geplanten Operation zurückziehen.

Eschle fiel in ein Loch. «Da ging es mir echt schlecht. Diese Operation war das Licht am Ende eines sehr langen Tunnel.» Jedes Mal, wenn er dusche, werde er daran erinnert, dass sein Körper immer noch der einer Frau sei. Er binde sich zwar den Busen ab, doch besonders bequem sei das nicht. Nach weiteren langen Abklärungen sei nun ein neuer Termin festgelegt worden. «Und in einem Jahr kann ich dann endlich in die Badi», freut er sich.

Natürlich könne man nicht erwarten, dass sich alle Probleme in Luft auflösen, sobald man wisse, dass man im falschen Körper geboren worden sei. «Die Probleme sind halt einfach anders», sagt Eschle. «Als ich die Hormontherapie startete, habe ich erst angefangen richtig zu leben. Ich begann richtig zu fühlen – und hatte Höhen und Tiefen.» So freute es ihn, als sich seine Stimme änderte und tiefer wurde, doch es macht ihn traurig, dass gewisse Dinge für ihn nie möglich sein werden. «Ich werde zum Beispiel nie biologisch eigene Kinder haben können.» Auch werde er immer Hormone nehmen müssen und werde nie eine Kindheit als «sich selbst» gehabt haben. «Das fühlt sich manchmal so an, als hätte ich 16 Jahre meines Lebens verschwendet.»

Eschle wünscht sich, dass es zukünftige Generationen einfacher haben und dass Transsein nichts Spezielles mehr ist. «Manche haben das Glück, dass äusseres und inneres Geschlecht von Geburt an übereinstimmen, andere müssen sich dieses Glück erkämpfen. Gesellschaft und Gesetzgeber sollten diesen Weg erleichtern.»