Zürichsee

Über eine Tonne Müll pro Jahr: «Diese Art von Littering wird irgendwann Konsequenzen haben.»

Bei einer Ausfahrt zeigt der Berufsfischer Samuel Weidmann, welches Ungut in seinen Netzen landet.

Bei einer Ausfahrt zeigt der Berufsfischer Samuel Weidmann, welches Ungut in seinen Netzen landet.

Samuel Weidmann lebt vom Fischen im Zürichsee. Doch hängt in seinen Netzen auch zunehmend Abfall. Die Sorge darüber hat der gelernte Modellschreiner kürzlich in einem Video kundgetan – die Reaktionen waren positiv.

Ein einziges Geräusch durchbricht die Stille der klaren Nacht. Es ist der Motor des weiss-blauen Fischerboots, das umgeben von Schilf auf dem ruhigen Wasser driftet. Sonst scheint am Ufer des Zürichsees um fünf Uhr morgens fast alles noch im Tiefschlaf. Einer ist jedoch hellwach: Samuel Weidmann. Er schleppt gerade die letzten Kisten ins Boot, dann gehts von der Anlegestelle der Fischerei los. In der einen Hand hält er das Ruder, in der anderen die Thermosflasche, gefüllt mit Kaffee. Die Strecke: einmal Stäfa–Wädenswil. Mit einem heftigen Ruck nimmt das Boot Fahrt auf, nach wenigen Minuten ist Weidmann bei seinen am Vortag im See platzierten Netzen angekommen.

Weidmann ist ein bekannter Name unter den örtlichen Fischern. Die Fischerei an der Grenze zwischen Stäfa und Männedorf ist ein traditionsreicher Familienbetrieb, Samuel Weidmann führt sie in der vierten Generation. Der 40-Jährige, ursprünglich gelernter technischer Modellschreiner, ist seit fast zwei Jahrzehnten Berufsfischer, hat somit bereits viel erlebt in seinem vom See geprägten Alltag. Und etwas ist ihm in den letzten Jahren immer häufiger aufgefallen: «Der Plastikabfall im Wasser hat zugenommen.» In einem kürzlich veröffentlichten Video zu einer Bachelorarbeit äussert sich Weidmann zum Thema Littering, sprich: zur Vermüllung der Natur. Die Botschaft des Videos, das auf den Social Media viel positive Resonanz erhielt, ist deutlich und ernst. Der Männedörfler sagt darin, dass er täglich Müll rausfische. «Diese Art von Littering wird irgendwann Konsequenzen haben.»

Kunststoff und Plastik

Die letzten Sterne am Himmel schwinden langsam, die Farbe geht über vom nächtlichen, tiefblauen Schlund im Westen in einen gelb-orange-roten Anstrich hinter den Bergsilhouetten im Osten. Die Lampe des Fischerboots brennt aber noch, während Weidmann einige Dutzend Meter vor dem Wädenswiler Ufer das erste Netz über eine Rolle einholt. Es sind Bodennetze, gelegt in 10 bis 20 Metern Tiefe, in denen Felchen und Albeli hängen bleiben sollen. Weidmann zieht das Netz Zug um Zug hoch, und es dauert nur einige Sekunden, da sind die ersten Felchen zu sehen. Müll hat er noch keinen rausgefischt.

«Im Verhältnis zur Fangmenge ist der Anteil von Abfall und Ungut in den Netzen auch nicht wahnsinnig gross», relativiert Weidmann. Trotzdem sei es immer wieder erstaunlich, was manchmal alles in den Netzen lande. Einmal, vor einigen Jahren, hat Weidmann mit seinem Vater vor der Fischerei alles gesammelt, was sie aus dem See geholt haben, darunter gar ein Velo. Man hätte mit dem angehäuften Ungut einen Flohmarkt eröffnen können.

Weidmann betont aber, dass diese Art Müll seltener zu finden sei. Es ist eine andere Sorte, die ihm mehr Sorgen bereitet: «Das Problem ist der kleine Abfall aus Plastik und Kunststoff, also Verpackungen, Becher, Zigaretten, Feuchttücher.» Solches Ungut hänge regelmässig in seinen Netzen. Es seien kleine Mengen, die sich mit der Zeit summierten. «Wöchentlich landen zwischen 1 und 20 Kilogramm im Netz, am Ende des Jahres kommen wir so auf eine halbe bis eine ganze Tonne.»

Ein giftiger Cocktail droht 

Die Sonne küsst den Horizont, die Fauna des Sees erwacht.  Erste Möwen begleiten das Fischerboot, kommentieren mit ihrem Gekreische die Arbeit des Fischers, ein Reiher segelt derweil über den Bug. Nach einer halben Stunde, Weidmann rollt bereits das dritte Netz auf, ist zu sehen, was der Berufsfischer meint. Neben einem Felchen hängt eine PET-Flasche im Netz, einige Züge darauf folgt ein Feueranzünder, halb zersetzt und übersät mit Muscheln und Schnecken. Bei Ufernähe seien solche Müllspuren oft sichtbar, insbesondere nach Veranstaltungen oder sonnigen und warmen Tagen. «Leute gehen dann den Seeuferweg entlang, trinken oder rauchen etwas und wissen nicht, wo sie den Müll entsorgen sollen.» Dann liessen sie ihn liegen, und der Wind wehe den Abfall in den See. «Oder sie schmeissen ihn einfach ins Wasser.»

Als Weidmann das sechste Netz hochzieht und sich die gefangenen Felchen und Albeli im Boot stapeln – fischiger Geruch breitet sich aus –, blickt er Richtung Sonnenaufgang. «An einem schönen Tag wie heute sammelt sich der Müll nicht so an. Anders sieht es bei schlechtem Wetter aus.» Wenn bei starkem Regen die Rückhaltebecken der Meteorschächte voll seien, fliesse das Abwasser in den See. Darunter befinde sich nicht nur Ungut, das in der Toilette landet – «wir haben schon Damenbinden herausgefischt» –, sondern auch der Dreck der Strasse, sprich Abriebe von Autopneus.

Nun treibe diese Kombination von verschiedenen Stoffen im Wasser und lagere sich auf dem Grund und im Sediment ab. Kunststoffe setzten im Wasser Bestandteile frei, zersetzten sich und würden so unter anderem von Fischen und Fischnährtieren aufgenommen, erklärt Weidmann. Die Folgen können verheerend sein: «Es entstehen chemische Verbindungen, die wir teils gar nicht kennen. Irgendwann haben wir einen giftigen Cocktail.» Die Belastung sei schon heute mess- oder nachweisbar, jedoch so gering, dass weder das Wasser noch die gefangenen Fische zurzeit gesundheitsschädigend seien. Doch können sie es in Wechselwirkung mit anderen Rückständen werden, ist Weidmann überzeugt: «Wenn das so weitergeht, werden unsere Urenkel die Folgen spüren.»

Corona schob Klimadebatte in den Hintergrund

Nur: Wie will man das Littering-Problem lösen? Für Weidmann ist das eine politische Angelegenheit: «Die Thematik würde gut in die Klimadiskussion des letzten Jahres passen. Diese scheint aber wegen der Corona-Krise wieder ein wenig verstummt.» Letzten Endes reiche es schon, wenn jeder Einzelne seinen Abfall mitnehmen oder korrekt entsorgen würde. «Aber das kann man leider nicht von jedem erwarten.»

Mittlerweile schlägt der Wädenswiler Glockenturm siebenmal, die Sonne steht bereits deutlich über dem Horizont, ein lauer Sommerwind streift über das Boot. Weidmann hat seine zehn Netze eingeholt und startet den Motor zur Rückfahrt nach Männedorf. Zwei Möwen nehmen das Tempo des Bootes auf, eine schnappt sich gar – rotzfrech – im Tiefflug eine gefangene Felche aus der Kiste. «Das ist halb so schlimm», sagt Weidmann, «heute habe ich einen guten Fang gemacht.» Knapp 100 Kilogramm Felchen und Albeli, verteilt in sieben Kisten, stapeln sich aufeinander. Und daneben steht ein verhältnismässig winziger Kessel mit gefangenem See-Güsel. Weidmann meint dazu: «Wie gesagt: Das ist nur die Spitze des Eisbergs.»

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