Dietikon

Über die Gleichstellung der Frau in der Kirche: «Priester sind wie alleinerziehende Väter»

Sie hat die Gabe des Predigens und darf sie in der Messe nicht entfalten: Pastoralassistentin Pia Maria Hirsiger als Lektorin in der Dietiker Kirche St. Josef.

Sie hat die Gabe des Predigens und darf sie in der Messe nicht entfalten: Pastoralassistentin Pia Maria Hirsiger als Lektorin in der Dietiker Kirche St. Josef.

Pastoralassistentin Pia Maria Hirsiger leidet an ihrer Kirche und würde sie doch nie hängen lassen.

Obwohl sie heute einen freien Tag hat, ist Pia Maria Hirsiger in das katholische Pfarrzentrum von St. Josef in der Urdorferstrasse in Dietikon gekommen. Man merkt ihr die Freude über das Gespräch an. Darin geht es um ihr Menschen- und Gottesbild, ihre Glaubensvisionen und ihr theologisches Lebensthema: die Gleichstellung der Frau in der Kirche. Ohne Zweifel hat man eine Kämpferin vor sich, die zwar mit sanfter Stimme spricht, die sich gleichwohl aber nicht beirren lässt. Das Frauenthema stellt sich für sie schon mit der Frage nach ihrer Berufsbezeichnung.

Was stört Sie an «Pastoralassistentin»?

Pia Maria Hirsiger: Wir Pastoralassistenten haben dieselbe Ausbildung wie die Priester. Wenn die Kirche in der Gesellschaft ernst genommen werden will, sollten die kirchlichen Berufsbezeichnungen auch die Kompetenzen zum Ausdruck bringen, die Frauen und Männer in der pastoralen Arbeit haben. Lebenslang als «Assistentin» tituliert zu werden, erachte ich vor diesem Hintergrund als unangemessen, es schadet dem Image der Kirche und ist kein attraktives Berufsbild.

Sie plädieren dafür, die Frauen vollumfänglich in die Kirche einzubinden?

Es geht darum, dass die Frau mit ihrem anderen Zugang zum Leben und zu Gott Raum bekommt und mitentscheiden kann. Im kirchlichen Alltag hat sich wegen Kapazitätsengpässen schon vieles verändert. Es gibt bereits Pastoralassistenten, die auch in unserem Bistum Chur die Gemeindeleitung innehaben. Mit Ausnahme des Spendens von Sakramenten können sie alles machen, was auch die Priester machen. Und sogar bei den Sakramenten gibt es Ausnahmen, etwa bei Taufen. Eine aus der Not geborene grosse Aufweichung.

Von aussen sieht man das nicht. Frauen haben es noch immer schwer in der katholischen Kirche.

Papst Johannes Paul II. hat vom «Genius der Frau» gesprochen. Er meinte damit, dass die Frau heute gerufen ist, ihre weibliche Sicht vom Leben, auch vom Leben des Glaubens zur Sprache zu bringen, denn die Einseitigkeit des Männlichen wird dem Menschen nicht gerecht. Es ist wichtig, dass die Kirchenmänner die negativen Folgen dieser Einseitigkeit ermessen und Frauen miteinbeziehen.

Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung?

Es ist an der Zeit, und ich glaube an Wunder. Natürlich dauert das. Aber wir befinden uns in einer Zeit der gesellschaftlichen Umwälzungen. Der Umbruch ist viel grösser als etwa zu Zeiten Galileis. Ich nenne als Stichpunkte nur die Quantenphysik und die künstliche Intelligenz. Es gibt bereits eine künstliche Gebärmutter, die Menschen produzieren kann. All das verändert unser Menschenbild tiefgreifend und stellt uns vor fundamentale Fragen.

Welche Fragen?

Warum sind wir so, wie wir sind? Wo holen wir unsere Referenzpunkte? Welches Menschen- und Gottesbild haben wir? Wenn ich glaube, ist Gott die für mich zuständige Referenz.

Warum sollte die Kirche handeln?

Man kann beobachten, wie die Kirche in der Schweiz total zerfällt. Es ist eine grosse Banalisierung im Gang.

Was meinen Sie mit Banalisierung?

Die volkskirchliche Schicht, die jeden Sonntag in die Kirche geht und ihren Glauben lebt, stirbt aus. Dennoch wird die althergebrachte Art der Glaubensvermittlung fortgeführt. Die Leute leben aber nicht mehr in diesem Glauben. Sie wissen nichts mehr davon. Viele Schüler können mit dem Begriff «Auferstehung» nichts mehr anfangen. Ausser der Hochzeit in Weiss vor dem Altar zählt nicht mehr viel.

Was, wenn sich die Kirche Erneuerungsbestrebungen weiter verschliesst?

Es gibt keinen anderen Weg, denn die Lage ist prekär. Es gibt immer weniger Priester, und diese wenigen stehen vor vielfältigen Aufgaben. Für nur noch fünf Prozent der Gläubigen, die in die Kirche kommen, muss trotzdem der ganze Betrieb vollumfänglich aufrechterhalten werden.

Was kann man tun?

Wir müssen ganz neue Formen der Glaubensvermittlung finden, damit die Leute das Wesentliche des Christlichen verstehen. In den letzten 30 Jahren hat eine riesige Abkehr vom Glauben stattgefunden, und die Kirche hat geschlafen und statt zu handeln, Nabelschau betrieben. Die grosse Frage ist nun, wie man die Menschen dazu bringen kann, in der Kirche noch etwas anderes zu erkennen als die vielkritisierten alten Strukturen der Institution Kirche.

Was halten Sie von Papst Franziskus?

Er macht ganz viele Dinge, die nicht wahrgenommen werden. Er verunmöglicht auch viel Negatives. Seine oberste Aufgabe aber ist es, die Einheit zu wahren.

Aber in der Frauenfrage hat sich durch ihn nicht wirklich viel getan.

In der Kirche herrschen immer noch die monarchischen Leitungsstrukturen des Mittelalters: an der Spitze der Papst und dann die Treppe runter die Bischöfe, die Priester. Das war die eigentliche Kirche. Und dann kamen zuunterst noch die Getauften. Das 2. Vatikanische Konzil hat ein anderes Bild von Kirche ins Zentrum gestellt: Die Kirche ist das Volk Gottes. Es muss ganz neu verstanden werden, wie das Priestertum und geistliche Leitung im Verhältnis zu kompetenten Glaubenden sein kann, die genauso oder in vielen Bereichen sogar besser ausgebildet sind. Für mich wirken viele Priester wie alleinerziehende Väter. Es gibt zwar viel Hilfspersonal, aber keine «Mütter», Frauen, die mit ihm auf Augenhöhe «geistige Mutterschaft» leben und mitwirken am Aufbau des Volkes Gottes.

Sie leiden darunter, dass Sie in der Pfarrei Dietikon in der Messe nicht predigen dürfen. Warum?

Weil ich es anders kenne, und weil diese Regelung Ausdruck eines Kirchenbildes ist, das nicht dasjenige des Konzils ist. Nach der aktuellen Regelung ist es der Priester als Vorsteher der Eucharistie, der das Wort Gottes verkünden, also predigen soll. Ich finde, der Priester verliert nichts von seiner geistlichen Führungsmacht, wenn er auch andere zum Zuge kommen lässt, die die Gabe der Verkündigung haben. Besonders wichtig ist mir aber auch, dass die Stimme der Frau gehört wird und zwar eben auch im Herzen des kirchlichen Lebens, in der Eucharistie.

Sie predigen gern?

Ja, leidenschaftlich gern. In der Zürcher Kirche Liebfrauen habe ich abwechselnd mit drei Priestern gepredigt. Für die Leute war es spannend, und es hat uns gegenseitig inspiriert.

Anderswo ist das Predigen in der Messe für Laientheologen also möglich?

Offiziell sollen im Bistum Chur die Pastoralassistenten nicht predigen. Wie das gehandhabt wird, hängt vom Pfarrer und der konkreten Situation ab. In den Bistümern Basel und St. Gallen ist es üblich, dass sie predigen. Unser Pfarradministrator Adrian Sutter hält sich an die Vorgaben des Bischofs.

Sie arbeiten seit neun Monaten mit Adrian Sutter zusammen. Hat er für Ihre Anliegen ein offenes Ohr?

Mich interessiert vor allem sein Verhältnis zu mir als Frau. Ich setze ihm da recht zu. (lacht) Er ist bemüht, und er will mir auch Raum geben; das schätze ich sehr. Aber die gute Beziehung zum Churer Bischof Vitus Huonder ist ihm kostbar. Er will im Gehorsam leben, und das respektiere ich.

Wie gehen Sie mit Frust, mit Vergeblichkeit um?

Es gibt Tage, da habe ich Verzweiflungsanfälle, dass nichts vorwärtsgeht. Da kommen dann auch Gedanken daran, dass ich schon einmal Chefin war, ein Kloster geführt habe, und jetzt «Assistentin» bin. Dennoch versuche ich, jeden Tag von Neuem als Frau das Geheimnis des Glaubens in der Einheit mit Gott zu leben. Letztlich muss ich es ihm überlassen, mein Wirken fruchtbar werden zu lassen.

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