Kanton Zürich
Überdurchschnittliche Pflegeheimquote: Viele sind jedoch nicht oder nur leicht pflegebedürftig

In Pflegeheimen im Kanton Zürich leben überdurchschnittlich viele ältere Menschen, die nicht oder nur leicht pflegebedürftig sind. Ein Ausbau der ambulanten Angebote könnte dazu beitragen, dass in den nächsten Jahren deutlich weniger Pflegebetten geschaffen werden müssen, als bisher angenommen.

Drucken
Teilen
Im Kanton Zürich leben acht Prozent mehr Senioren in einem Alters- und Pflegeheim als der Schweizer Durchschnitt.

Im Kanton Zürich leben acht Prozent mehr Senioren in einem Alters- und Pflegeheim als der Schweizer Durchschnitt.

Chris Iseli/AZ

Eine am Dienstag von der Gesundheitsdirektion präsentierte Studie prognostiziert bis zum Jahr 2035 kantonsweit einen moderaten Zusatzbedarf von heute 18'000 auf 21'000 stationäre Pflegeplätze. Ein Zuwachs von lediglich 15 Prozent ist allerdings nur möglich, wenn die Quote von nicht oder nur leicht Pflegebedürftigen in den Heimen um 50 Prozent reduziert wird.

Die Bedarfsprognose fällt für die einzelnen Regionen allerdings höchst unterschiedlich aus. So wird sich gemäss der Studie der Bedarf an stationären Pflegeplätzen in den Bezirken Andelfingen, Affoltern und Dielsdorf bis 2035 mehr als verdoppeln.

Hingegen verfügen die Bezirke Meilen und Hinwil bereits heute über eine ausreichende Zahl an Pflegebetten bis 2035. Die Stadt Zürich benötigt in den nächsten 20 Jahren gar 20 Prozent weniger Betten, weil für die Stadt nur eine geringe Zunahme von älteren Personen prognostiziert wird.

Die Studie wurde vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) erarbeitet. Zusätzlich hat die Gesundheitsdirektion bei den Gemeinden eine Umfrage zur aktuellen Situation rund um die Pflegeversorgung und Finanzierung durchgeführt.

Die Gemeinden sollen damit bei der Planung der Pflegeversorgung auf verlässliche Daten zugreifen können, wie Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) ausführte. Vor allem kleine Gemeinden seien in der Pflegeversorgung gefordert, teils sogar überfordert.

Zu viele nicht pflegebedürftige Heimbewohner

Gemäss Heiniger sind heute im Kanton Zürich 85'000 Menschen auf Pflege angewiesen. Dabei werden 59'000 ambulant und 26'000 stationär gepflegt. Von 100 Zürcherinnen und Zürchern über 80 Jahre leben 18 in einem der insgesamt 252 Alters- oder Pflegeheimen. Das sind 8 Prozent mehr als der Schweizer Durchschnitt.

Dafür gibt es laut der Obsan-Studie zwei Gründe. Erstens ist jede dritte Person in einer stationären Einrichtung nicht oder nur leicht pflegebedürftig. In den übrigen Kantonen trifft dies nur auf jede fünfte Person zu. In gewissen Kantonen macht der Anteil der nicht oder nur leicht Pflegebedürftigen sogar weniger als 5 Prozent aus.

Zu wenig ambulante Angebote

Der zweite Grund für die hohe Pflegeheimquote liegt bei den ambulanten Angeboten. So werden im Kanton Zürich deutlich weniger Spitexleistungen pro Kopf erbracht als im nationalen Vergleich. Vor allem in der Westschweiz seien die Spitex-Dienste in den letzten Jahren deutlich stärker gepusht worden, stellte Hansjörg Lehmann, Geschäftsfeldleiter Gesundheitsversorgung, fest.

Durch den Ausbau der Spitex könnten laut Lehmann vermehrt stationäre durch ambulante Leistungen ersetzt werden. Das sei nicht nur finanziell sinnvoll, sondern entspreche auch dem Wunsch vieler Betroffener, so lange wie möglich zu Hause bleiben zu können.

Gefördert werden soll jedoch nicht bloss das Spitex-Angebot. Auch pflegende Angehörige sollen unterstützt und entlastet werden. Auch brauche es mehr altersgerechte Wohnungen, betreute Wohnformen sowie Angebote für sozial isolierte ältere Menschen.

Kostenbewusstsein steigern

Gestützt auf die Studie hat die Gesundheitsdirektion gemeinsam mit dem Gemeindepräsidentenverband und den Branchenverbänden auch finanzielle Handlungsmöglichkeiten für die Gemeinden erarbeitet. So könnten die Gemeinden das betriebswirtschaftliche Denken in den Pflegeheimen und Spitex-Organisationen durch Kostenvergleiche vermehrt fördern und einfordern, sagte der Gesundheitsdirektor.

Die Umfrage bei den Gemeinden zur Umsetzung des Pflegegesetzes habe nämlich ergeben, dass die Gemeinden bei der Finanzierung der ambulanten und stationären Leistungen Kosten sparen könnten, wenn sie konsequent Preise verhandeln würden statt Defizite zu decken oder Durchschnittskosten zu vergüten. Eine weitere Option seien vermehrte Kooperationen unter den Gemeinden.