Konkurrenz für Taxis
Uber, Fluch und Segen für Zürcher Taxifahrer

Auch ausserhalb der Stadt Zürich kann die Fahrervermittlung Uber nützlich sein, aber nur in bestimmten Fällen. Eine Fahrt mit dem Uber-Chauffeur Darwish, dessen Urteil zwiespältig ausfällt.

Jigme Garne
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Der amerikanische Taxi-App-Dienst Uber konkurrenziert Taxiunternehmer. Die Bestellung eines Taxis ist kinderleicht, mit einer Stecknadel kann der Zielort eingegeben werden.

Der amerikanische Taxi-App-Dienst Uber konkurrenziert Taxiunternehmer. Die Bestellung eines Taxis ist kinderleicht, mit einer Stecknadel kann der Zielort eingegeben werden.

Keystone

Darwish hält das Steuer fest, als könnte er es verlieren. Er weiss nicht, wie lange er noch mitmacht: bei Uber, und überhaupt im Zürcher Taxigewerbe, in dem mit immer härteren Bandagen gekämpft wird. Nicht zuletzt wegen Uber. Darwish, heute mein Uber-Chaffeur, heisst eigentlich anders, er will seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. In der Branche sind Fahrer wie er nicht beliebt.

Seit der Einführung eines Limousinendienstes im Juli 2013 hat das US-amerikanische Unternehmen Uber in der Stadt Zürich stetig ausgebaut. Das wichtigste Angebot ist «UberX»: Der Kunde bestellt via Smartphone-App ein gewöhnliches Taxi, bezahlt aber einen tieferen Preis. Seit einer Woche erprobt das Unternehmen nun «Uber Pop», bei dem Private ihre Fahrdienste anbieten. Der Preis ist noch tiefer. Zum Ungemach der professionellen Fahrer.

Unter jungen Stadtzürchern ist Uber mittlerweile bekannt. Das Arbeitsgebiet umfasst angeblich aber viel mehr als die Stadt, laut Anbieter wird ein Grossteil des Kantons Zürich abgedeckt. Tatsächlich?

Zielort mit Stecknadel eingeben

Wir testen Uber mit einer Fahrt vom Einkaufszentrum Sihlcity nach Rümlang; vollbepackt mit Weihnachtseinkäufen wäre das schliesslich ein bequemer Weg, um dem Pendlerstrom im Zug auszuweichen und sich ausnahmsweise nach Hause chauffieren zu lassen. Die Anmeldung via Uber-App ist nach wenigen Schritten abgeschlossen. Das einzige Zahlungsmittel ist die Kreditkarte, deren Informationen hinterlegt werden müssen. Der Zielort Rümlang ist mittels Adresseingabe oder Setzen der Stecknadel auf der Karte gewählt. Kinderleicht.

Wow, mit «Uber Pop» kostet die 30-Kilometer-Strecke nur zwischen 28 und 37 Franken. Das zeigt die App in der Kostenschätzung an. Die Ernüchterung folgt mit der Meldung: «Kein Auto verfügbar». Klar, das Angebot mit privaten Fahrern ist noch neu, und wer sich etwas dazuverdienen will, fängt damit nicht an einem gewöhnlichen Wochentag an, sondern am Wochenende, wenn die Nachfrage dank des Zürcher Nachtlebens hoch ist.

Dann eben «UberX». Zwischen 43 und 57 Franken soll die Strecke kosten. Nach der Bestellung zeigt die App sofort den nächsten verfügbaren Fahrer mit Namen, Bewertung, Profilbild und Fahrzeugmodell an, ausserdem kann ich ihn anrufen oder ein SMS senden. Ich schreibe ihm: «Hallo, Sihlcity ist gross. Wo soll ich warten?» Keine zehn Sekunden später ruft Darwish an, um einen Ort zu vereinbaren.

Süss: Auf der digitalen Karte der App fährt ein kleines Auto, das den momentanen Standort des bestellten Taxis abbildet. Nur fünf Minuten nach der Bestellung sitze ich im Auto. Darwish erklärt: Für eine kurze Fahrt in der Region, sagen wir von Oberglatt nach Bachenbülach, hätte er sich nicht herbemüht. Solche Gemeinden lohnten sich für ihn nur, wenn die Fahrt in die Stadt Zürich oder aus dieser heraus führe. Eine Ausnahme ist der Flughafen, wo immer viele Taxis stehen, darunter auch solche, die bei Uber angemeldet sind.

Darwish fährt seit zwei Monaten für Uber, mit Einverständnis des Taxiunternehmens, bei dem er angestellt ist und welches für das Auto sowie für Benzin aufkommt. Er weiss nicht, was er von Uber halten soll.

Uber vermittelt ihm zwar etwa dreimal so viele Kunden wie die normale Zentrale, doch er verdient dabei im Verhältnis einiges weniger. Erstens schrumpft sein Anteil am Kuchen: 20 Prozent der Einnahmen gehen an Uber, den Rest teilt er wie üblich zu gleichen Teilen mit seinem Chef. Und zweitens bezahlen Uber-Kunden weniger: Die Strecke Sihlcity–Rümlang kostet mich 52 Franken; bei einer normalen Taxifahrt wären es «sicher 90 Franken» gewesen, wie Darwish sagt. Demnach hätte er normal also 45 Franken an mir verdient, zu Uber-Konditionen sind es aber nur knapp 21 Franken. Anzufügen ist, dass grössere Taxiunternehmen für diese Strecke einen Preis von rund 60 Franken angeben.

Rechnung gehe nicht auf

Am Ende bleibt eine Mischrechnung. Führt Uber dank Tiefpreisen zu so viel mehr Kunden, dass sich das Fahren zu tieferen Preisen lohnt? Oder schnappt Uber die vorhandenen Kunden weg? Dolores Zanini von der Branchenvertretung Taxi Sektion Zürich ist sich sicher, dass die Rechnung nicht aufgeht. Die Kosten für Auto, Versicherung und Bewilligung einberechnet, sei es ein Verlustgeschäft. «Wer für Uber fährt, macht das erfahrungsgemäss nicht lange mit.» Uber indes hält die Fahrer regelmässig mit Prämien bei der Stange.

Beispielsweise werden an einzelnen Tagen pro getätigte Fahrt 10 Franken zusätzlich ausbezahlt. Das kann sich das Unternehmen leisten, das zu den reichsten Start-ups weltweit zählt und allein in der letzten Finanzierungsrunde 1,2 Milliarden Dollar bei Investoren geholt hat. Weitere 1 bis 2 Milliarden sollen laut Medienberichten folgen. Mit einer solchen Kriegskasse kann es kein Taxiunternehmen der Welt aufnehmen. Für erfahrene Taxifahrer wie Zanini ist klar: Uber ruiniert mit Dumpingpreisen das Gewerbe, und langfristig wird Uber die Preise erhöhen müssen. Fraglich sei nur, ob es die heimischen Firmen bis dahin noch gibt oder ob dann alle Fahrer in den Diensten von Uber stehen.

Die Taxi-Fachgruppe des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands Astag kündigte mittlerweile rechtliche Schritte gegen Uber an. Die Anklagepunkte sind aber noch nicht bekannt; ein Beispiel ist, dass mehrere «UberX»-Fahrer illegalerweise ohne Fahrtenschreiber Kunden chauffieren würden. Ausserdem dürfte – für die sogenannte «Sharing Economy» typisch – prüfenswert sein, ob der Erwerb durch Private bei «Uber Pop» möglicherweise gesetzliche Regulierungen unterläuft. Die Problemstellung ist ähnlich wie bei der beliebten Zimmervermittlung AirBnb, wo sich Fragen zu Kurtaxen, Versteuerung der Einnahmen oder zum Diskriminierungsverbot aufdrängen.

Die Taxi Sektion Zürich wartet nun die Klage des Landesverbands gegen Uber ab – ungeduldig. «Die Chaffeure sind sehr frustriert. Da werden wir ausgeblutet und die Stadt Zürich schaut einfach nur zu», sagt Zanini. Demonstrationen seien schon thematisiert worden. Ebenso unredliche Aktionen, gerichtet gegen Uber-Fahrer wie Darwish. Sie versuche, den Zorn in der Branche zu bändigen. «Aber wie lange geht das noch gut? Irgendwann ‹chlöpfts›.»

Ohne Uber gar keine Kunden

Mein Fahrer Darwish bleibt vorerst unschlüssig. Er sagt: «Uber ist für den Kunden perfekt, aber 20 Prozent Abgaben sind einfach zu viel.» Wie Zanini kennt er Fahrer, die mittlerweile mit Uber wieder aufgehört haben. Auch er denkt manchmal daran. Bis jetzt aber riss er sich in solchen Momenten zusammen und sagte sich: «Solange ich nicht stillstehen muss, lohnt es sich für mich. Sonst habe ich gar keine Kunden.» Nach Halbzeit seiner heutigen Schicht bin ich schon sein sechster Uber-Kunde. Aus der Taxizentrale hingegen kam noch keine einzige Bestellung.