Kanton Zürich
Über 1000 Informatiker sind arbeitslos - steckt eine Altersdiskriminierung dahinter?

Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Informatikerinnen und Informatikern ist gross. Dennoch sind im Kanton Zürich immer mehr IT-Fachkräfte arbeitslos. Fachleute und Betroffene vermuten eine versteckte Altersdiskriminierung.

Thomas Münzel
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Viele arbeitslose Informatiker sind sich sicher, dass sie wegen ihres offenbar zu hohen Alters durch das Raster fallen.

Viele arbeitslose Informatiker sind sich sicher, dass sie wegen ihres offenbar zu hohen Alters durch das Raster fallen.

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Roger F.* ist ein hochqualifizierter Informatiker mit aktuellen Zertifikaten und besten Referenzen – dennoch ist er seit einigen Monaten ausgesteuert. Und das trotz Informatikermangel. Wie passt das zusammen? «Ich bin 56. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gerade in unserer Branche das Alter nicht selten ein Killerkriterium ist», sagt Roger F. «Wenn ein Unternehmen für sich entscheidet, nur noch IT-Leute einzustellen, die unter 45 Jahre alt sind, kannst du so gut sein, wie du willst, es nützt nichts mehr.»

Obschon er vom Naturell her eher eine Frohnatur ist, gut reflektiert und pragmatisch handelt, gehen die unzähligen Absagen nicht spurlos an ihm vorbei. «Ich musste auch schon psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um das alles so einordnen zu können, dass es mich nicht völlig zerfrisst», sagt Roger F. offen und spricht auch über seine akuten Existenzängste. Noch hat er zwar ein Dach über dem Kopf. Und noch hat er etwas Geldreserven. «Doch was ist, wenn ich kein Geld mehr auf dem Konto habe, springe ich dann von der Brücke?»

Ende letzter Woche besuchte Roger F. in Zürich im Rahmen der kantonalen Informatiktage ein Podiumsgespräch, das die Beschäftigungssituation von älteren Berufsleuten im Bereich Informatik thematisierte. Er war nicht allein. Unter den rund 40 meist männlichen Zuhörern befanden sich viele Schicksalsgenossen. Zum Beispiel auch Bernd G.*, 51, Informatikingenieur und seit über einem Jahr arbeitslos.

Er erzählte in der offenen Diskussionsrunde über seine erste Begegnung mit einer Mitarbeiterin beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum RAV. «Machen Sie sich einen Plan B», habe sie zu ihm gesagt, als sie sein Alter erfahren hatte. «Probieren Sie es doch als Pizzakurier.» Dabei habe er ja nicht einmal einen Führerschein.

«Es ist eindeutig, dass es hier eine Altersdiskriminierung gibt.»

Rebekka Risi, Verein Modell F

Über 150 Bewerbungen hat Bernd G. bis heute geschrieben. Ohne Erfolg. Er besitzt einen dicken Ordner von praktisch gleichlautenden Standardabsagen. «Leider entspricht ihr Profil nicht ganz unseren aktuellen Anforderungen», heisse es jeweils. Obwohl das ja gar nicht stimme. Von manchen Firmen gebe es aber nicht einmal eine Antwort.

Der Computer sagt «Nein»

«Nicht selten ist es so, dass ich bereits fünf Minuten, nachdem ich meine Online-Bewerbung abgeschickt habe, eine Standardabsage erhalte», erzählt Roger F. an der Podiumsveranstaltung. Ähnliches war auch von anderen arbeitslosen Informatikern zu hören. Denn bekannt ist, dass in der Schweiz vor allem grössere Unternehmen seit einiger Zeit dazu tendieren, die Bewerbungsdossiers in einer ersten Runde von einem Computer durchleuchten zu lassen. Anstelle eines Menschen übernimmt eine Filter-Software, die auch die Daten der Lebensläufe analysiert, die Vorselektion von Job-Bewerbern. Viele arbeitslose Informatiker sind sich sicher, dass sie nicht wegen mangelnden Qualifikationen, sondern wegen ihres offenbar zu hohen Alters durch das (Computer-)Raster fallen.

«Es ist eindeutig, dass es hier eine Altersdiskriminierung gibt», sagt Rebekka Risi vom Verein Modell F, der unter anderem Fachkräften in der Informatikbranche zu einer verbesserten Qualifikation verhilft. Edgar Spieler, Bereichsleiter Arbeitsmarkt beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), will allerdings nicht explizit von Altersdiskriminierung sprechen.

Dennoch stellt auch er fest, dass laut einer Studie über 45-jährige Informatiker im Kanton Zürich ein höheres Risiko haben, arbeitslos zu werden, als Arbeitnehmer anderer Branchen. Allein zwischen 2008 und 2014 hat sich die Zahl der arbeitslosen Informatiker im Kanton verdoppelt. Ende Mai dieses Jahres waren 1037 Personen aus der Informatikbranche arbeitslos gemeldet. Tendenz steigend. Rund zwei Drittel von ihnen verfügen über einen Hochschulabschluss.

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Auf der einen Seite klagt die Informatik-Branche seit Jahren über einen Fachkräftemangel und prognostiziert, dass 2024 in der Schweiz etwa 25 000 Informatiker fehlen werden. Auf der anderen Seite scheinen es sich dennoch viele Unternehmen leisten zu können, auf ältere Informatiker zu verzichten. Fachleute mutmassen, dass sich gewisse Vorurteile gegenüber der Altersgruppe 45 plus, – wie beispielsweise «zu wenig lernfähig», «zu wenig belastbar» oder «zu wenig qualifiziert», – hartnäckig halten.

Gerade vor diesem Hintergrund kommt laut AWA der Nutzung des eigenen Netzwerks Priorität zu. Dies sei «ein erfolgversprechender Weg», heisst es. Zudem verweist man auf eine spezielle Dienstleistung des AWA: «Bei Bedarf bieten wir älteren und hochqualifizierten Stellensuchenden auch Mentoren aus unserem Mentoringprogramm an.»

*Namen geändert