Bezirksgericht Dielsdorf
Tunesischer Kindesentführer erneut vor Gericht

Bezirksgericht Dielsdorf Vor fünf Jahren hat ein Tunesier seine Söhne entführt. Dafür sitzt er im Gefängnis.Weil die Kinder immer noch in Tunesien sind, wird der Fall nochmals verhandelt

Katrin Oller
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Der tunesische Vater entführte seine Kinder im Jahr 2011.

Der tunesische Vater entführte seine Kinder im Jahr 2011.

Keystone

Heute lebt Janine Schoch alleine in Winterthur und arbeitet 100 Prozent. Das war nicht ihre erste Wahl: «Ich war Hausfrau und Mami, bis mein Leben komplett zerstört wurde.» Im August 2010 brachte ihr Ehemann, ein heute 38-jähriger Tunesier, die zwei Söhne nicht zurück zur Mutter, welche die Obhut innehatte. Stattdessen reiste er mit ihnen nach Tunesien zu seinen Eltern.

Für die Entführung war der Vater vom Winterthurer Bezirksgericht zu acht Jahren, vom Obergericht zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Auch das Bundesgericht hat das Urteil bestätigt. Seit Oktober 2010 ist er in Haft. Momentan sitzt er seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies ab.

«Ich denke jeden Tag an meine Buben», sagte Janine Schoch gestern unter Tränen vor dem Bezirksgericht Dielsdorf. Die 33-Jährige telefoniere alle zwei Monate kurz mit den Kindern, die heute 11 und 9 Jahre alt sind. Unterdessen sprechen sie kaum noch deutsch. Die Kommunikation sei schwierig. Nach der Entführung reiste Janine Schoch alle paar Monate nach Tunesien zu Besuch und versuchte das Sorgerecht zu erstreiten. Dort wurde das Anliegen von mehreren Instanzen beurteilt, zuletzt zu ihren Gunsten. Die oberste Instanz hat dieses Urteil aber wieder aufgehoben.

Im Sommer 2013 hat Schoch ihre Kinder das letzte Mal gesehen. Nach einer Auseinandersetzung mit der Grossmutter wurde sie angezeigt. Jetzt getraut sie sich nicht mehr ins Land, da die Gefahr besteht, dass in Tunesien ein Haftbefehl gegen sie vorliegt. Sie wisse aber, dass es den Kindern gut gehe. Die Grosseltern gäben ihr Bestes. Sie mache sich aber Sorgen um die Zukunft der Buben. Ihren Ehemann hasse sie dafür, dass er ihr die Kinder weggenommen habe. «Ich habe ihn sehr geliebt, und er mich. Ich kann mir nicht erklären, wie er so geworden ist.» Die beiden sind zurzeit in Scheidung. Da der Ehemann den Entscheid aber weitergezogen hat, ist er noch hängig.

Schochs Noch-Ehemann schob die Schuld gestern von sich: Er habe vom Gefängnis aus keine Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Der Grossvater der Kinder sei das Familienoberhaupt. Er wolle nicht, dass die Enkel das Land verlassen, bevor der Sohn aus dem Gefängnis kommt.

Das glaubte ihm der Staatsanwalt nicht. Der Angeklagte telefoniere mehrmals pro Woche mit seiner Familie und den Kindern und könne leicht bewirken, dass diese in die Schweiz zurückkehren. Der Staatsanwalt beantragte fünf Jahre Freiheitsstrafe. «Die Straftat dauert an: Die Kinder sind ohne Eltern in Tunesien, und die Mutter ist ohne Hoffnung.» Dem Beschuldigten warf er verwerfliches Verhalten vor. Dennoch schlug er vor, das Verfahren zu sistieren, um dem Ehepaar ein klärendes Gespräch zu ermöglichen. So sollen sie eine Lösung finden. Voraussetzung wäre die Rückkehr der Buben in die Schweiz.

In Falle getappt

Der Verteidiger argumentierte, dass die Verhaftung 2010 in Marokko völkerrechtswidrig gewesen sei. Somit sei die Anklage aufzuheben und sein Mandant aus der Haft zu entlassen. Janine Schoch lockte ihren Mann nach Marokko für ein persönliches Gespräch. Sie erschien aber nicht, worauf er verhaftet wurde. Als Ausländer habe er in der Schweiz keine Chance auf Fairness, sagte der Beschuldigte: «Sie wird als Heilige angesehen. Dabei wurde ich in Marokko entführt.»

Die Argumentation sei kalter Kaffee, sagte der Anwalt der Klägerin. Der Beschuldigte habe damit rechnen müssen, dass er in eine Falle tappt. Zudem sei dieses Thema bereits bei den ersten Verhandlungen beurteilt worden. Sogar das Bundesgericht sei nicht darauf eingegangen. Der Anwalt forderte acht Jahre Freiheitsstrafe und eine Genugtuung von 70 000 Franken für Janine Schoch. «Abgesehen davon, dass der aktuelle Zustand einem das Herz zerreisst, muss das Gericht dem Beschuldigten und seinem Umfeld zeigen, dass es so nicht geht.» Das Bezirksgericht hat noch kein Urteil gesprochen.