Mythos Gotthard

Tullio Zanovello: Bei ihm ist Helvetia auch Sennentuntschi

Dokumentation: Die bisherige Produktion von «Réduit»

Dokumentation: Die bisherige Produktion von «Réduit»

Der Künstler Tullio Zanovello hat prominente Unterstützung für sein Bildmaschinen-Projekt gefunden. Noch eineinhalb Jahre bleiben Zanovello, um es zu vollenden, dann wird es auf dem Gotthardpass, im Museum der Stiftung Sasso San Gottardo, ausgestellt.

Noch macht sie einen ziemlichen profanen Eindruck, die Helvetia, wie sie da so zwischen Regalen, Bretterstapeln und Werkbänken in Tullio Zanovellos Atelier in Zürich Altstetten steht. Auf den Spitzen ihres Strahlenkranzes stecken Styroporklötzchen, damit sich im Vorbeigehen niemand verletzt, an ihrer ausgestreckten Hand ist ein Zettel mit praktischen Instruktionen angebracht.

Es braucht noch einiges an Fantasie, sich die eineinhalb Meter grosse Figur als Herzstück eines Kraftakts von Kunstwerk vorzustellen, in dem Malerei, Musik, Sprache und Bewegung vereint werden. Noch eineinhalb Jahre bleiben Zanovello, um es zu vollenden, dann wird es auf dem Gotthardpass, im Museum der Stiftung Sasso San Gottardo, ausgestellt.

Dort, mehr als 2000 Meter über Meer, in dieser nutzlos gewordenen Alpenfestung, wird das multimediale Werk «Réduit» ab Juni 2018 für mindestens zwei Jahre zu besichtigen sein. Am Eröffnungstag wird Zanovello, begleitet von Gesängen der Basler Madrigalisten, die vollautomatische «Bildmaschine» in Gang setzen, ein Monstrum von Werk, vier mal sieben Meter gross; 15 Minuten wird es dauern, bis sich die übereinandergefaltenen, bemalten Steinfurnierplatten wie eine Art dreidimensionaler Comicstrip alle geöffnet haben und im Bauch des Tresorraums die hell erleuchtete Helvetia preisgeben.

Doch die Nationalfigur, wie sie da rein und erhaben mit verbundenen Augen – eine Leihe der Justitia – in ihrer «Krypta» steht, ist nicht, was sie scheint; als sie sich langsam dreht, offenbart sie eine zweite Seite: Aus ihrem Rücken quillt eine Strohfigur mit Gämshörnern und umgehängter rostiger Treichel – es ist das Sennentuntschi aus der Alpensage.

Aggressiv ist gut

Zanovellos Helvetia hat wenig mit dem gängigen Denkmal- und Postkartenmotiv zu tun – «dieser Matrone, die Schild und Speer vielleicht höchstens noch putzen würde, und als Symbol einer wehrhaften Schweiz nur bedingt taugt». Mit dem Sennentuntschi im Rücken bekommt sie nun eine archaische, wilde, animalische Seite – auch eine aggressive, was der Künstler aus Oerlikon nicht als negative Eigenschaft erachtet: Eine gewaltige Getriebenheit sei schliesslich der Ursprung alles Kunstschaffens, erklärt der 54-Jährige und schlägt, wie zur Illustration, mit der geballten Faust auf die ausgestreckte Handfläche.

Dass die zentrale Figur von «Réduit» eine Frau sein muss, darauf ist Zanovello auf der Gotthardbaustelle gekommen. 2007 malte er dort, in dieser unwirtlichen Umgebung – «es war unglaublich heiss und feucht und überall dieser Gestank nach Staub und Abgasen» – erste Skizzen auf Karton. Im Stollenlabyrinth begegnete ihm hin und wieder die heilige Barbara in einem ihrer zahlreichen Schreine.

Die Schutzpatronin der Tunnelbauer, die der Legende nach für ihre christliche Standhaftigkeit schauerlich zu Tode gequält wurde, war als weibliche Präsenz die Ausnahme in dieser «seit eh und je eminent männlichen Angelegenheit Gotthard».

Vom Böcklein zur Bestie

Nicht vereinbare Gegensätze, wie sie in der zwiegespaltenen Helvetia zum Ausdruck kommen, durchdringen das ganze Werk: In der Form der Maschine, die ans kirchliche Triptychon anlehnt, zugleich aber deren ordnende Struktur durcheinanderbringt; in den Gemälden auf den Steinplatten, auf denen die Ziege der Teufelsbrücken-Legende sich Bild um Bild vom niedlichen Böcklein zur bedrohlichen Bestie wandelt.

Es geht um den Kampf zwischen Gut und Böse, Chaos und Ordnung, Natur und Kultur, Freiheit und Gefangenschaft, Leben und Tod. Der Gotthard, dieses mythisch schwer beladene Alpenmassiv, bietet dafür eine dankbare Kulisse.

Er bietet dem italienisch-schweizerischen Doppelbürger auch die Gelegenheit, sich mit seiner Heimat auseinanderzusetzen. Er, der schon als Kind oft mit seiner Familie durch den Gotthard fuhr, um Verwandte zu besuchen, habe sich lange ganz selbstverständlich als Schweizer gefühlt, auch wenn der rote Pass erst viel später kam.

Den Moment, in dem er realisierte, dass er in einem Land lebte, «in der Italiener verachtet wurden», etwa zur Zeit der Schwarzenbach-Initiative war das, erlebte er das als Verletzung, die er lange nicht überwinden konnte. Das entsprach nicht seinem Idealbild der Schweiz, die sich auf ihre humanitäre Tradition beruft und immer wieder Menschen hervorgebracht hat, die dieses Prinzip in die Welt hinaustrugen. Heute sieht er solche Grundwerte durch einen wachsenden Populismus erneut bedroht, nicht nur, aber auch hier in der Schweiz.

Malen in General Guisans Villa

Auch die Geschichte, welche die elf Steinplatten erzählen, setzt zu einem Zeitpunkt an, an dem diese Werte infrage gestellt waren. Das erste Bild, das kleinste der Serie, zeigt einen Soldaten des Zweiten Weltkriegs am Tunneleingang.

Am 9. April – General Guisans Geburtstag – wird Zanovello in dessen alter Residenz am Genfersee mit dem Bemalen der fertig gebauten Maschine beginnen. Einen passenden Ort, an dem er das gewaltige Ding danach aufstellen kann, um es fertig zu bemalen, sucht er noch, wie auch weitere finanzielle Unterstützung für das Projekt; von dem «niederen sechsstelligen Betrag», den die Produktion verschlingen wird, hat Zanovello nämlich erst einen kleinen Teil zusammen.

Dafür hat er eine Reihe namhafter Unterstützer für «Réduit» gewinnen können: Im schon fast kompletten Patronatskomitee finden sich alt Bundesrat Adolf Ogi, der ehemalige Fundation-Beyeler-Direktor Christoph Vitali, die Sopranistin Noëmi Nadelmann, die Ständeräte Filippo Lombardi (CVP, TI) und Joseph Dittli (FDP, UR) und Alfred Markwalder, der ehemalige Rüstungschef und heutige Sasso-San-Gottardo-Stiftungspräsident. Die erste Enthüllung der Bildmaschine soll in Zürich stattfinden – wo genau, ist ebenfalls noch nicht klar, doch es liefen bereits Gespräche mit «namhaften Institutionen».

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