Wohnungsnot
Trotz Wohnungsnot in Zürich: Trendquartier sucht Bewohner

Die Bilder von Schlange stehenden Interessenten bei Wohnungsbesichtigung in der Stadt Zürich gehören zum Alltag. Seit Jahren bewegt sich die Zahl der leerstehenden Wohnungen um die 0,1 Prozent. Die Nachfrage nach teuren Wohnungen sinkt jedoch.

Adrian Portmann
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Die Skyline von Zürich West: Noch fehlen dem neu entstehenden Quartier die Bewohner.

Die Skyline von Zürich West: Noch fehlen dem neu entstehenden Quartier die Bewohner.

Keystone

Während in den 90er-Jahren viele aus der Stadt wegzogen, sieht die Situation heute, rund 20 Jahre später, wieder ganz anders aus. Gemäss der letzten Zählung standen im Sommer des vergangenen Jahres in der Stadt gerade einmal 242 Wohnungen leer. Erfasst werden diejenigen Wohnungen, die während einiger Zeit zwar ausgeschrieben sind, aber nicht vermietet oder verkauft werden können. Unbewohnte aber bereits vergebene Wohnungen werden in der jährlichen Erhebung nicht einbezogen.

Teure Gebiete weniger begehrt

Allerdings sind nicht alle Wohnungen gleich begehrt. Laut Statistik ist die Nachfrage in den teuren Wohngebieten tiefer als anderswo. Das bestätigt ein Blick auf die Angebote in den einschlägigen Immobilienportalen im Internet. Vor allem Immobilien im Hochpreissegment warten auf neue Mieter oder Käufer. Die Sprache in den Ausschreibungen ist blumig, die Preise aber sind gesalzen: «Das Objekt als sanfter Kristall glitzernd und sanft, im Spiel von Kontrasten und Harmonien, öffnet sich die Schale auf der Vorderseite – und wie bei einem aufgeschnittenen Stein, der innen liegend Kristalle aufweist – zeigt sich das Innere des Gebäudes.» Die Rede ist von einer 3,5-Zimmer-Attikawohnung mit 125 Quadratmeter Wohnfläche, Baujahr 2012, irgendwo am Zürichberg. Mietpreis pro Monat: 12 000 Franken.

Wohnen in Zürich West

Ein anderes Beispiel ist der Mobimo-Tower in Zürich West. Fertiggestellt 2011, müssten alle Wohnungen längst verkauft sein. Doch davon ist man weit entfernt. Standen im vergangenen Sommer noch 15 der 53 Wohnungen zum Verkauf sind es heute immer noch deren acht. Eine 200 Quadratmeter grosse Wohnung im 19. Stock kostete bei der Fertigstellung etwa 3 Millionen Franken. Das Geschäft mit den Luxusappartements läuft so schlecht, dass die Immobilienholding Mobimo AG entschieden hat, sich künftig auf das mittlere Preissegment zu konzentrieren.

Der Mobimo-Tower ist kein Einzelfall. Zwar hat sich der Kreis 5, der früher Industriequartier war und lange Zeit nicht zu den bevorzugten Wohnorten in der Stadt zählte, in den letzten Jahren stark verändert. Im «Wilden Westen» von Zürich wird gebaut, was das Zeug hält. Die Hochhäuser schiessen wie Pilze aus dem Boden, und das ehemalige Arbeiterquartier hat sich längst zum Trendquartier gemausert. Die qualmenden Schornsteine sind modernen Glasbauten gewichen. Es gibt unzählige Bars und Boutiquen – und viele Wohnungen, die leer stehen.

Da wäre das Hochhaus auf dem Löwenbräu-Areal, aber auch die sich noch im Bau befindenden «Escherterrassen» beim Escher-Wyss-Platz, das Hochhaus «Toni-Areal» und die Überbauung «Am Pfingstweidpark». Für ein bis zwei Drittel dieser Wohnungen werden noch Käufer oder Mieter gesucht. «Das Luxussegment in Zürich West wurde in den letzten Jahren durch verschiedene Angebote abgedeckt, und die ohnehin kleine Gruppe potenzieller Käufer ist mit den steigenden Preisen weiter geschrumpft», sagt Bruno Fritschi, Immobilienexperte bei Wüest und Partner. Mit der Erholung der Aktienmärkte seien ausserdem auch andere Anlagemöglichkeiten vorhanden.

Doch inmitten der halb leer stehenden Türme gibt es eine Ausnahme: der 77-Meter hohe Zölly-Turm, der im zweiten Semester dieses Jahres bezugsbereit sein soll. Auf 21 von insgesamt 23 Stockwerken entstehen 128 Wohnungen. «Wir haben alle angebotenen Wohnungen verkauft», bestätigt Michael Blaser von Wüst und Wüst. Einzig zwei Attikawohnungen seien noch zu vergeben. Diese wurden bisher aber noch nicht zum Verkauf ausgeschrieben. Grund für den Verkaufserfolg im Zölly-Hochhaus dürfte die Grösse der Wohnungen sein. Im Vergleich mit anderen Objekten sind sie kleiner und dementsprechend auch günstiger zu haben. Die 2,5-, 3,5- und 4,5-Zimmer-Wohnungen sind zwischen 55 und 125 Quadratmeter gross. Also deutlich kompakter als beispielsweise die Wohnungen im Mobimo-Tower. Die Quadratmeterpreise seien jedoch vergleichbar mit den anderen Neubauten in Zürich West, sagt Blaser.

Belastetes Quartier

Grund für den schleppenden Verkauf der Luxuswohnungen in Zürich West dürfte auch das Quartier selbst sein. «Geprägt von den Bahngleisen, den Verkehrsachsen und dem Autobahnzubringer ist es noch ein langer Weg bis zum attraktiven Wohnquartier», sagt Immobilienexperte Bruno Fritschi. Zudem gebe es im Kreis 5 vergleichsweise wenige Grün- und Freiflächen. In der Wohnform des Hochhauses sieht Fritschi «einen Versuch, die Qualität in der Höhe zu finden, wenn sie am Boden nicht vorhanden ist».

Mit dem Pfingstweidpark und der Hochschule auf dem Toni-Areal geht es für Zürich West einen Schritt weiter hin zum Mischquartier. Die neue Skyline könnte künftig nicht nur eindrucksvoll anzusehen sein, sondern obendrein Leben in die bisher nach Arbeitsschluss leeren Quartierstrassen bringen.