Zürich ist eine mehrfach geteilte Stadt: Es gibt das rotgrüne und das bürgerliche Zürich, das wohlhabende und das arme, das coole und das bünzlige Zürich – und es gibt den GC und den FC Zürich. Die Territorien der beiden grossen Fussballklubs waren jahrzehntelang klar voneinander abgegrenzt: Südlich der Gleise, die vom Hauptbahnhof aus in Richtung Bern führen, liegt der Letzigrund, also FCZ-Land. Nördlich der Gleise ist das Hardturmareal; es war bis zur Schliessung des Hardturmstadions im Jahr 2007 Heimat der Grasshoppers – und ist dies für viele noch immer.

Jetzt sollen beide Klubs eine neue, gemeinsame Heimat erhalten: Am 25. November entscheidet das Stadtzürcher Stimmvolk über den Bau eines Fussballstadions für FCZ und GC auf dem Hardturmareal, ergänzt durch eine Siedlung mit Genossenschaftswohnungen und zwei profitorientierte Hochhäuser.

Das Projekt ist aus mehreren Gründen umstritten. Da ist zum einen die politische Ebene: Die SP sagt, die privaten Investoren, die das Stadion mit zwei Hochhäusern querfinanzieren wollen und dafür bei einem Volks-Ja von der Stadt Bauland zu einem günstigen Baurechtszins erhielten, kämen finanziell zu gut weg. Die Grünen fürchten vor allem den Verlust der Grünflächen der Stadionbrache. Und vereinzelte namhafte Höngger Freisinnige lehnen das Projekt ab, da die 137-Meter-Hochhäuser ihnen den Blick Richtung Alpen verstellen und ohnehin nicht ins Stadtbild passen würden.

2018: So soll das neue Stadion auf dem Hardturmareal aussehen.

  

Dass Zürich das Stadion jetzt trotzdem bauen sollte, weil die Vorlage ausgewogen ist, wurde hier schon dargelegt (Ausgabe vom 26. Oktober). Noch einmal kurz zusammengefasst: Ein Ja brächte günstige Wohnungen, ein Stadion – und die zwei Hochhäuser würden im zunehmend grosstädtischen Zürich-West drinliegen.

Die Alternative wäre eine rein kommerzielle Nutzung des Areals, da sich die Grossbank Credit Suisse vertraglich ein Rückkaufrecht gesichert hat, falls dort kein Stadion entsteht. Genossenschaftswohnungen würde die CS sicher nicht bauen.

Emotionen für den Letzigrund

Doch neben der politischen gibts da noch eine emotionale Ebene. Sie könnte bei der Abstimmung am 25. November mit entscheidend sein. Für GC-Fans ist sie vorwiegend positiv besetzt: Es geht um die Hoffnung auf eine Rückkehr in den Hardturm nach über zehnjährigem, sportlich ziemlich erfolglosem Exil im Letzigrund. Lediglich einen Cupsieg aus dem Jahr 2013 verbuchte GC in den Jahren des Exils – für den Rekordmeister mit insgesamt 27 Schweizer Meistertiteln und 19 Cupsiegen eine magere Bilanz.

Der FCZ hingegen errang fast alle seiner grossen Erfolge mit dem Letzigrund als Heimatstadion. Entsprechend zwiespältig sehen seine Fans den bei einem Volks-Ja anstehenden Umzug über die Gleise. Stellvertretend sei hier Luca Maggi zitiert, der kürzlich im FCZ-Fanmagazin «Daleó» schrieb: «Der Letzigrund ist die Heimat des FCZ. Es ist nicht zwingend das aktuelle Letzigrund-Stadion, welches diese Heimat ausmacht, es ist der Ort und unser damit verbundenes Ritual.» Hier treffe man sich.

«Es gleicht dem sonntäglichen Gang in die Kirche», so Maggi weiter im Heft der Letzigrund-Südkurve. Und: «Es sind emotionale Gefühle, die dafür sprechen, weshalb der FCZ auch in Zukunft im Letzigrund spielen soll.»

Canepas Hardturm-Sympathien

Im gleichen Heft plädiert FCZ-Präsident Ancillo Canepa für den Bau einer neuen FCZ-Heimat auf dem Hardturmareal. Er führt vor allem wirtschaftliche Gründe dafür an: Mit einem eigenen Stadion könnten die Fussballklubs mehr Einnahmen erzielen, auch aus dem Bratwurst- und Bierverkauf sowie der Vergabe des Namensrechts für das Stadion.

Aber das Hardturm-Stadionprojekt beschäftigt Canepa auch in emotioneller Hinsicht. Er erinnert an die Saison 2006/7. Damals trug der FCZ seine Heimspiele im Hardturm aus, weil gerade der bis heute ungeliebte neue Letzigrund gebaut wurde.

«Erinnern wir uns an die Saison 2006/7, als wir in einem richtigen Fussballstadion gespielt haben! Als wir eine Bombenstimmung erleben durften, als wir nicht zuletzt dank der spür- und hörbaren Unterstützung der Fankurven den Meistertitel im ‹Finalspiel› gegen GC gewannen.» Canepa weiter: «Dieses Feeling habe ich seither bei Heimspielen nicht mehr erlebt.»

2007: Der FCZ wird im Hardturm Meister.

  

Der als Leichtathletik-Stadion konzipierte luftige Letzigrund wird kaum je eine Hexenkessel-Atmosphäre entwickeln können, darüber sind sich Fussballfans weitgehend einig. Der neue Hardturm hingegen ist als reines Fussballstadion mit steilen Tribünen bis nahe zum Spielfeldrand geplant. Und mit einer Kapazität von 18 000 Zuschauern hätte er eine Grösse, die FC und GC besser füllen können als den deutlich grösseren Letzigrund.

Doch zurück zum Thema Heimat: Die Saison 2006/7 war nicht die erste, in der sich FCZ und GC ein Stadion teilten. Schon in den ersten Jahren nach ihrer Gründung bestritten die beiden Klubs ihre Heimspiele zeitweise auf dem gleichen Platz. Es handelte sich um den Innenraum der 1892 erbauten, bis 1911 betriebenen Velorennbahn Hardau. Hier errang der FCZ in der Saison 1901/2 seinen ersten Meistertitel. Und hier fand 1911 übrigens auch das erste Länderspiel der Schweizer Nationalmannschaft statt, als die Schweiz Ungarn mit 2:0 besiegte.

In der Zwischenkriegszeit erlebte die Schweiz dann eine erste Welle von Stadionbauten. Sie erfasste auch Zürich: 1925 wurde der vom FCZ erstellte Letzigrund eröffnet. Vier Jahre später zog GC mit dem Hardturm nach.

Die Eisenbahnlinie dazwischen wurde schon bald als Demarkationslinie zwischen den Lagern der beiden Klubs wahrgenommen, wie der Zürcher Historiker Christian Koller in einer 2008 veröffentlichten Abhandlung über Zürcher Stadionprojekte schrieb.

Dennoch blieb eine gemeinsame Heimspielstätte für GC und FCZ auch in den folgenden Jahrzehnten ein Thema. Der FCZ hatte den Letzigrund 1935 aus Geldnot für 110 000 Franken an die Stadt verkauft und war fortan Mieter.

In den 40er- und 50er-Jahren teilten sich FCZ und GC während mehreren Saisons das Hardturmstadion. Die beiden Klubs trugen dort in Absprache mit der Nationalliga ihre Heimspiele jeweils in Doppelveranstaltungen am Sonntagnachmittag aus.

Der Grund für das Zusammenspiel war schon damals finanzieller Natur: So liessen sich höhere Einnahmen erzielen. «Im Letzigrund erschienen durchschnittlich 5000 bis 6000 Besucher, im Hardturm aber 8000 bis 10 000», schreibt Michael Lütscher in seiner 2010 erschienen FCZ-Chronologie «Eine Stadt, ein Verein, eine Geschichte».

1967/8 wollte der FCZ erneut auf dieses Geschäftsmodell zurückgreifen. Doch die Stadt, die an den Einnahmen im Letzigrund beteiligt war, intervenierte. Der FCZ blieb fortan im Letzigrund, bis er 2006/7 wegen der Bauarbeiten vorübergehend über die Gleise musste.

Bleibt die Frage, was aus dem Letzigrund wird, falls nun der FCZ erneut auszieht. «Das Stadion kann dann – wie ursprünglich vorgesehen, flexibler für Konzerte und vermehrt für andere Events genutzt werden», schreibt der Zürcher Stadtrat in der Abstimmungszeitung.