Bezirksgericht Uster
Trotz lebensgefährlicher Messerattacke sind sie wieder ein Paar

Eine junge Frau hat in Dübendorf versucht, ihren Freund zu erstechen. Dennoch glauben Täter und Opfer an ein Zusammenleben.

Ernst Hilfiker
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Das Bezirksgericht Uster behandelte gestern einen nicht alltäglichen Fall. (Themenbild)

Das Bezirksgericht Uster behandelte gestern einen nicht alltäglichen Fall. (Themenbild)

Keystone

«Stabil» sei ihr gesundheitlicher Zustand heute, sagte die 31-Jährige, die gestern vor dem Bezirksgericht Uster stand. Ganz anders zumute war ihr eines Morgens Mitte November 2016. An jenem Tag «wollte und musste ich die Wohnung verlassen». In der Wohnung in Dübendorf lebte sie mit ihrem damals 34-jährigen Freund. Nachdem er sie zwei Wochen zuvor massiv geschlagen hatte, fühlte sie sich von ihm bedroht. Sie sei unter grosser seelischer Belastung gestanden, stark verängstigt gewesen und hatte einmal mehr zu viel getrunken – «und dann griff ich zum Messer und stach einfach zu».

In der Anklage ist von einem 20 Zentimeter langen Messer als Tatwaffe die Rede. Damit stach die Frau dem «ahnungslos im Bett liegenden» Freund in den Bauch. Laut Anklage sagte sie später, dass sie ihn sogar hätte enthaupten wollen. Durch den Stich wurde der Mann so schwer verletzte, dass er, hätte er nicht selbst den Rettungsdienst alarmiert, «ohne sofortige ärztliche Intervention gestorben wäre».

«Unheilvolle Dynamik»

«Ich wollte ihn zu keinem Zeitpunkt töten», beteuerte die Frau vor Gericht. Weshalb sie dennoch zum Messer gegriffen habe, könne sie sich nicht erklären. Heute habe sie ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Sie und ausdrücklich auch er wollen ihre Beziehung weiterführen. Dass das nicht klappen könnte, dafür «sehe ich keine Hindernisse».

«Ich wollte ihn zu keinem Zeitpunkt töten.»

Angeklagte

«Ein wahrlich nicht alltäglicher Fall», fand auch der Verteidiger der 31-Jährigen. Heute seien die Frau und der Mann wieder ein Paar, damals aber sei «eine unheilvolle Dynamik» in die Beziehung gekommen. Diese Dynamik führte zur Tat, mit der die Frau aber niemals den Tod ihres Partners erreichen wollte, denn sonst hätte sie sicher nicht nur einmal zugestochen und nicht an einen Ort wie dem Bauch, sondern etwa dem Hals.

Auch wegen des Alkoholkonsums – zur Tatzeit hatte die Frau etwa drei Promille intus – sei von «einer deutlich verminderten Steuerungsfähigkeit» an jenem Morgen auszugehen. Eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung und eine Bestrafung von zehn Monaten bedingt und die Anordnung einer ambulanten Therapie seien deshalb angemessen.

"Reine Schutzbehauptung"

Über diese Ausführungen konnte der Staatsanwalt nur den Kopf schütteln. Für ihn war die Tat eine klar vorsätzlich begangene versuchte Tötung. Dass die Frau sich von ihrem Freund bedroht gefühlt habe, «das ist eine reine Schutzbehauptung». Es habe keinen Grund gegeben, ins Schlafzimmer zu gehen und auf den Mann einzustechen. Der Staatsanwalt forderte eine Strafe von achteinhalb Jahren, die zugunsten einer stationären Massnahme aufzuschieben sei.

Das Gericht folgte dem Antrag der Anklage, wählte aber eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Diese wird aufgeschoben zugunsten einer stationären psychiatrischen und Sucht-Therapie. Eine Behandlung, die unumgänglich sei und welche die Frau nach mehreren gescheiterten Therapien unbedingt «als Chance» sehen solle.