Zürich

Trauriger Rekord: Das Kinderspital bearbeitete so viele Kindsmisshandlungen wie noch nie

Im Jahr 2017 bearbeitete die Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich 551 Fälle von Kindsmisshandlungen. (Symbolbild)

Im Jahr 2017 bearbeitete die Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich 551 Fälle von Kindsmisshandlungen. (Symbolbild)

Noch nie seit der Gründung wurden der Kinderschutzgruppe Zürich so viele Fälle gemeldet wie im vergangenen Jahr. Unklar ist, ob die gesellschaftlichen Sensibilisierung eine Rolle spielt.

551 Fälle hat die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle am Kinderspital Zürich 2017 bearbeitet. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Anstieg von 12 Prozent. Damit verzeichnet die Gruppe die höchste Fallzahl seit ihrer Gründung 1963. Die Ursachen für diese Zunahme zu nennen, ist schwierig: «Man schaut beim Kinderschutz sicher genauer hin, man kennt unsere Organisation mittlerweile besser und man ruft häufiger für eine Beratung an», sagt Georg Staubli, Leiter der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle.

Zudem stelle man fest, dass psychische Misshandlungen deutlich gestiegen seien. Der Anstieg um 4,8 Prozent bei diesen Fällen erklärt Staubli so: «1963 wurden 13 Fälle von Kindsmisshandlung abgeklärt. In den letzten Jahren sind es immer zwischen 400 und 500 Fällen.» Fraglich sei, ob die Zunahme zwischen 2016 und 2017 mit der Sensibilisierung für den Kinderschutz begründbar sei. «Ein Vergleich mit der gesamtschweizerischen Statistik ist wichtig. Zudem müssen wir schauen, wie sich diese Zahlen in den kommenden Jahren entwickeln», so Staubli.

Grundsätzlich glaube die Kinderschutzgruppe nicht, dass es zu einer Verschlechterung des Kindswohls gekommen sei. Hinweis dazu liefern die Fälle von sexueller Ausbeutung, die im Vergleich zum Vorjahr kaum zugenommen haben und die Fälle von körperlichen Misshandlung, die sogar um 6,4 Prozent gesunken sind. Die Fälle vernachlässigter Kinder sind um 2,7 Prozent gestiegen. Neben all den Veränderungen jedoch gibt es auch Aspekte, die gleich geblieben sind. Nach wie vor sind die am häufigsten misshandelten Kinder zwischen einem bis sieben Jahre alt. Mädchen werden häufiger Opfer von sexueller Gewalt während Knaben öfter körperlich misshandelt werden.

Das Kindeswohl schützen

Insgesamt stellte die Kinderschutzgruppe bei 390 der 551 bearbeiteten Fälle eine Misshandlung fest. In der Folge leitete die Kinderschutzgruppe Massnahmen oder Unterstützungsangebote für Kinder und Angehörige in die Wege. «Wir arbeiten nicht wie eine Kesb, insbesondere da wir den Familien keine Massnahmen aufzwingen können. Es geht darum, dass wir das Kindswohl schützen und entsprechende Einschätzungen machen, wie wir das am besten tun könnten», sagt Staubli. Wenn das Kindswohl nicht mehr geschützt sei, dann spreche man von einer Gefährdung oder Misshandlung.

rstere liege dann vor, wenn das Wohl des Kindes leiden könnte. «Klar aber ist: Wenn die Entwicklung eines Kindes behindert ist, es körperliche oder seelische Schäden hat, dann greifen wir ein», sagt Staubli. Körperliche Misshandlungen seien denn auch einfacher einzuordnen, weil sie sichtbar sind. Anders verhalte es sich bei psychischer Misshandlung. «Wenn das Kind über wiederkehrende Symptome wie Bauchschmerzen, Verstopfungen oder Kopfweh klagt, sich aggressiv verhält oder sich zurückzieht, dann schauen wir genauer hin», sagt Staubli.

Von Aussenstehenden darauf aufmerksam gemacht

Während bei sechs Prozent der Fälle eine Misshandlung ausgeschlossen werden konnte, war es bei knapp einem Viertel der Fälle unklar, ob eine Misshandlung vorliegt. Dann sorgt die Kinderschutzgruppe dafür, dass andere Personen oder Institutionen das Kind und seine Familie weiter begleiten.

Auf zwei Drittel der Verdachtsfälle wird die Gruppe des Kinderspitals Zürich von aussenstehenden Personen wie Nachbaren, Freunden von Familien oder Lehrpersonen aufmerksam gemacht. Bei den restlichen Fällen handelt es sich um Kinder, die die Ärzte auf dem Notfall sehen oder stationär in der Bettenstation behandeln.

Die Eltern konfrontieren

Die Kinderschutzgruppe setzt sich aus Fachpersonal wie Kinderchirurgen, Kinderärzten, Psychologen, Psychiatern, Kindergynäkologinnen, Pflegenden und Sozialarbeitenden des Spitals zusammen. «Sobald wir eine Gefährdung sehen, sprechen wir die Eltern an. Bei der Konfrontation geht es darum, die Stressfaktoren der Eltern kennenzulernen und entsprechende Hilfe sowie Unterstützung anzubieten», sagt Staubli.

Ziel dabei sei, nicht zu bestrafen, sondern dafür zu sorgen, dass Kinder in einem guten sozialen Umfeld aufwachsen können. «Wenn wir die Misshandlung feststellen, sind wir eigentlich schon zu spät. Deshalb ist die Sensibilisierung der Gesellschaft für den Kinderschutz wichtig. Man muss eingreifen, bevor etwas passiert», sagt Staubli.

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