Porträt
Traumfrau oder Kloster – für diesen Mann ist beides denkbar

Ein Sozialpädagoge sucht seinen Weg: Ein neuer Job und eine Familie wären attraktiv. Aber auch der Eintritt in den Kapuzinerorden sieht er als eine Option an.

Gabriele Spiller
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«Ich wurde so erzogen, dass ich gegenüber Gott gehorsam bin, aber niemals gegenüber Menschen», sagt John Andrew. Donato Caspari

«Ich wurde so erzogen, dass ich gegenüber Gott gehorsam bin, aber niemals gegenüber Menschen», sagt John Andrew. Donato Caspari

Das hätte sich John Andrew* als junger Mann nicht träumen lassen: dass er sich einmal, mit Anfang fünfzig, ernsthaft Gedanken über den Eintritt in ein Kloster machen würde. Schöne Erlebnisse in der Gemeinschaft, vor allem in der Jugendarbeit, haben ihn geprägt, aber auch Zurückweisungen. «Ich habe mehrfach wegen meiner Hautfarbe Absagen auf Bewerbungen bekommen», ist er überzeugt, «auch im Kanton Zürich.»

Am unverständlichsten fand er das in einer Gemeinde mit hohem Ausländeranteil. «Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben sich lieber mir als einem Schweizer anvertraut. Sie hatten das Gefühl, dass ich sie besser verstehe.» Es mache vielleicht Angst, räumt er ein, wenn jemand etwas anders ist als der Herr Müller von nebenan. Er wisse, dass inzwischen auch afrikanische und indische Pfarrer eingestellt würden, «aber nur, weil sie niemand anders bekommen».

Inserat kam zur rechten Zeit

John Andrew ist gross, schlank, gepflegt. Seine Haut ist milchkaffeefarben und sein Haar ist kurz. Er kommt aus einer multikulturellen Familie: die Mutter eine katholische Donauschwäbin aus Ungarn; der Vater ein schwarzer US-Amerikaner und Baptist, den sie nach ihrer Übersiedlung im Deutschland der Nachkriegszeit kennen lernte.

Im Jahr 2001 kam Andrew als Internatsleiter am Thurgauer Schloss Kefikon in die Schweiz. Zuletzt war er Fachlehrer für Allgemeinbildung in einer Zürcher Motivationsklasse mit südamerikanischen Jugendlichen. Die Arbeit habe ihm viel Freude gemacht, erzählt er, das Projekt sei aber leider beendet. Da erinnerte ihn das Stellenangebot des Kapuzinerordens vor gut einem Jahr an den alten Gedanken, sein Leben einem geistlichen Orden zu verschreiben. «Als ich das Inserat sah, hat es klick gemacht.» Die Kapuziner, die Gemeinschaft des heiligen Franziskus, hätten ihm erst einmal nicht so viel gesagt. Doch als er las, dass sie gerade auch Lehrer suchten, fühlte er sich angesprochen. Andrew traf sich mit Willi Anderau in Zürich und sie tauschten Gedanken per Mail aus.

Der Gehorsam ist das Problem

«Ich kann sehr viele Gelübde erfüllen, aber nicht das des Gehorsams», lacht Andrew und spielt auf seine Eigenwilligkeit an. Er hoffe, dass ihm diese Aussage bei der Bewerbung nicht schade, aber an seinem Individualismus seien schon andere Beziehungen gescheitert. «Ich wurde so erzogen, dass ich gegenüber Gott gehorsam bin, aber niemals gegenüber Menschen.» Die bestehenden Hierarchien innerhalb der Katholischen Kirche und ihr konservatives Image sieht er auch als Grund, warum sich nicht mehr Männer für die Berufung interessierten. «Es gibt so viele junge Leute, die das Spirituelle suchen; warum gehen sie nicht diesen Weg?» Dieser Weg besteht nicht nur aus Beten und Arbeiten, auch Taschengeld zur persönlichen Verfügung und gemeinsame Pizzaessen gehören dazu.

Andrew würde sich von seinem Taschengeld CD’s kaufen. Musik gehört zu seinem Leben, da könne er nicht darauf verzichten. Auf Sex hingegen schon. Falls ihm aber in den nächsten Monaten doch noch seine Herzensfrau über den Weg laufen sollte, wird er an der Kreuzung, an der er gerade steht, eine andere Abbiegung nehmen als die ins Kloster. Die Auserwählte sollte mit ihm weiterwachsen wollen, ein Seminarhaus aufbauen oder sogar auswandern. Und ihm «Freiheit» lassen.

*Name auf Wunsch des Porträtierten geändert