Swiss
Transatlantikgefühle nach Hannover – jeder zweite Flug bleibt im europäischen Streckennetz

Die Boeing 777 der Swiss soll Zürich mit Hongkong, San Francisco oder Bangkok verbinden. Im Moment aber werden die brandneuen Maschinen mindestens so oft nach Prag, Hannover oder Genf eingesetzt. Grund: Das Cockpit-Personal soll ausreichend viele Starts und Landungen absolvieren können.

Florian Schär
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Die Boeing 777-300ER der Swiss einmal gross (hinten) und vorne klein als Modell im Hangar des Flughafens Zürich. KEYSTONE

Die Boeing 777-300ER der Swiss einmal gross (hinten) und vorne klein als Modell im Hangar des Flughafens Zürich. KEYSTONE

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Die Swiss preist ihre neuen zweistrahligen Grossraumjets als eigentliche «Flaggschiffe» der Flotte an. Hersteller Boeing hat die 777-3DE/ER für die Lang- und die Ultralangstrecke konzipiert; ein Indiz dafür sind die Lettern «ER» am Ende der Typenbezeichnung, die für «extended range» stehen, zu Deutsch etwa: erweiterte Reichweite. Kommt eine «normale» 777-300 gut 11 000 Kilometer weit, schafft die «ER»-Variante knapp 15 000 Kilometer nonstopp. Zum Vergleich: Die Flugdistanz zwischen Zürich und San Francisco beläuft sich auf rund 9400 Kilometer.

Wie die Swiss mitteilte, will sie die grossen Vögel primär auf Strecken nach Hongkong, Bangkok, Los Angeles, San Francisco oder São Paulo einsetzen, Flüge von 11 oder 12 Stunden Dauer. Doch als die HB-JNC gestern um 7.35 Uhr in Kloten auf die Startbahn rollte, trug sie Flugnummer LX814, Destination Hannover, Flugdauer rund 80 Minuten, Distanz 560 Kilometer.

Mehr Flüge in kürzerer Zeit

Tatsächlich war das nicht etwa eine Ausnahme: Fast jeder zweite Flug einer Swiss-777 ist in diesen Tagen ein Einsatz auf dem europäischen Kurzstreckennetz. Statt über den grossen Teich gehts nach Hannover, Prag, Wien oder sogar nur bis nach Genf und zurück. Hinter der unerwartet kurzen «extended range» stehen gemäss Swiss «flugbetriebliche Gründe». Konkret geht es darum, dass den Besatzungen, die auf diesem Flugzeugtyp geschult worden sind, genügend Starts und Landungen ermöglicht werden. «Die Piloten haben eine vordefinierte Anzahl Linienflüge unter Aufsicht eines Instruktors durchzuführen», sagt Swiss-Mediensprecherin Meike Fuhlrott dazu. Und weil diese Zahl an Flügen auf dem Europanetz in wesentlich kürzerer Zeit absolviert werden kann, werden die grossen Jets abwechslungsweise auf der Kurz- und auf der Langstrecke eingesetzt.

Diese Einflottungsphase soll gemäss Fuhlrott noch voraussichtlich bis im Frühjahr 2017 andauern. Derzeit übernimmt die Swiss etwa eine Triple-Seven pro Monat. Die HB-JNA kam Mitte Dezember 2015 in die Schweiz, die «JNB» folgte im März, die «JNC» im April, die «JND» Ende Mai – und der jüngste Flieger setzte erst am vergangenen Mittwochmorgen in Zürich auf.

Sehr gross und sehr leer

Für die Ausbildung des 777-Personals mag Zürich–Hannover interessant sein, ökonomisch ist die Strecke für den Riesenvogel wohl eher weniger. Normalerweise wird der Morgenflug in die niedersächsische Landeshauptstadt mit deutlich kleinerem Fluggerät bewältigt, zumeist mit dem Avro RJ100 («Jumbolino»), der über 97 Sitzplätze verfügt. Nun mag sich der Wirtschaftsstudent ausrechnen, dass, wenn es nach Hannover plötzlich 340 statt 97 Plätze gibt, die Tickets viel günstiger zu haben sein müssten. Auf der Website der Airline springt dem Nutzer aber nirgends eine Werbung à la «Hannover für praktisch nix» entgegen, die Flüge kosten gleich viel wie andere Europadestinationen auch. «Da der Einsatz der Boeing 777 auf Europastrecken rein interne Gründe hat, führen wir dazu keine besonderen Vermarktungsaktivitäten durch», sagt Meike Fuhlrott. «Dies vor allem auch vor dem Hintergrund, dass es immer dazu kommen kann, dass ein Fluggerät umdisponiert wird.» Man könne den Einsatz eines bestimmten Flugzeugtyps auf einer bestimmten Strecke eben nicht garantieren. Damit ist klar, dass die Swiss letztlich nur so viele Tickets nach Hannover verkaufen kann, wie es Sitzplätze in einem RJ100 (oder allenfalls in einem A319/A320/A321) hat ¬– auch wenn damit jeder Passagier mehr als drei Sitze für sich alleine hat. Und dann wäre da noch die Tatsache, dass eine 777 im Unterschied zum Jumbolino auch über acht First-Class-Sitze verfügt, die für Kurzstrecken gar nicht buchbar sind.

Auch wenn es keine Garantien gibt: Wer in Kürze einen Städtetripp plant, hat je nach Destination gute Chancen auf Luxus-Platzverhältnisse im Flugzeug. Allerdings muss man den Flugplan genau studieren: So steht für den Morgenflug nach Hannover von morgen Sonntag die 777 im Plan – nicht aber für die späteren drei Flüge, und auch nicht für denselben Flug am Montag.