Altstetten

Tram-Umleitung: High Noon am Westrand der Stadt Zürich

Dereinst soll das 2er-Tram am Bahnhof Altstetten halten und nicht mehr am Lindenplatz. Das ist zu viel für die Alteingesessenen.

Dereinst soll das 2er-Tram am Bahnhof Altstetten halten und nicht mehr am Lindenplatz. Das ist zu viel für die Alteingesessenen.

In Zürichs Westen tobt zurzeit ein Konflikt, bei dem es um viel mehr geht, als es den Anschein macht. Es geht nicht bloss um eine Tramlinie, sondern um Zürichs Zukunft.

Altstetten bekommt alles ab, wofür sonst nirgends mehr Platz ist: Sexboxen, Asylbewerber und Zehntausende Pendler. Das Quartier, in dem die Zukunft der Stadt liegt, geht in den Widerstand.

Am Westrand der Stadt Zürich tobt zurzeit ein Konflikt, bei dem es um viel mehr geht, als es den Anschein macht. Es geht nicht bloss um eine Tramlinie, sondern um Zürichs Zukunft.

Die Verkehrsbetriebe wollen das 2er-Tram umleiten zum Bahnhof Altstetten, weil sie dort bald mehr Passagiere erwarten als an den Bahnhöfen von Genf oder St. Gallen: 65 000 pro Tag. Die Umleitung wäre aber das Aus für die Haltestelle am Lindenplatz, und der ist nicht einfach irgendein Platz, sondern das Herz von Altstetten. Ein Platz, an dem sich der biedere Charme der Schweizer Nachkriegszeit überlagert mit dem Migranten-Multikulti und dem Schlipsträgertum späterer Jahre. Dieses relativ entspannte Nebeneinander ist charakteristisch fürs Quartier. Im Kampf der Anwohner um die Anbindung dieses Platzes (siehe Kasten) manifestiert sich also die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität.

Und für diese gibt es gute Gründe. Die Stadt Zürich ist im Prinzip eine grosse Badewanne, mit dem Limmattal als Überlauf. Topografie, Ökonomie und Sozialpolitik fallen in dieser Logik zusammen. Alles, was in der City keinen Platz mehr findet, wird dorthin gespült, nach Altstetten.

Jahrelang gering geschätzt

Zurzeit scheint das Quartier Zürichs Standardantwort auf fast alle brennenden Fragen zu sein: Wo siedelt man das Containerdorf für die Kreativwirtschaft an? Wo kommen die Sexboxen hin, die den Strassenstrich ersetzen? Wo ist Platz für eine Eishockeyarena? Wo kommt das provisorische Bundeszentrum für Asylbewerber hin, bis der Bauplatz in Zürich West bereit ist? Von wo lotst man lärmende Fussballfans ins Stadion?

Gerade die urbaneren Zürcher haben das Verständnis von Altstetten als Überlaufgefäss verinnerlicht und das Quartier deshalb jahrelang links liegen liessen. Ein Ort zum dran Vorbeifahren, mit dem Zug oder Richtung Autobahn.

Paradoxerweise hat die gleiche Sicht der Dinge inzwischen einen Perspektivenwechsel bewirkt. Gerade weil Altstetten ein Überlaufgefäss ist, ist es für viele Zürcher interessant geworden. Denn die Ausgangslage hat sich verändert. In Zeiten ungebremster Zuwanderung und steigender Mietpreise muss jeder Normalverdiener damit rechnen, dereinst zu jenem sozialen Treibgut zu gehören, das westwärts gespült wird.

Das Quartier spüre den Siedlungsdruck aus der City schon jetzt, sagt Margreth Dürst von der Quartierkoordination, einer städtischen Anlaufstelle für alle möglichen Sorgen und Anliegen. Altstetten verstädtere zusehends – auch wenn dieser Wandel in den Köpfen der Bewohner noch nicht angekommen ist. So sagen sie etwa weiterhin, sie gingen «ins Dorf» zum Einkaufen.

Gentrifizierung, Phase 2

Ein zuverlässiger Indikator für innerstädtische Umwälzungen sind oft die Kreativen und die Alternativen. Stadtsoziologen haben festgestellt, dass sie oft die ersten sind, die neue Stadträume erschliessen oder wiederentdecken. Sie sind ungewollte Triebfedern jener Aufwertungs- und Verdrängungseffekte, für die sich das Schlagwort der Gentrifizierung eingebürgert hat.

In Altstetten haben sie sich schon vor Jahren niedergelassen. Ihre Zeit läuft hier zum Teil schon wieder ab. Auf dem Areal der ehemaligen Labitzke-Farbenfabrik etwa muss ein buntscheckiges Konglomerat von Künstler-Ateliers, Besetzerlokalen und Ausländerklubs noch dieses Jahr Platz machen für Neubauten der Investmentgesellschaft Mobimo. Die Gentrifizierung hat damit Phase zwei erreicht. «Hier entsteht nichts», sagt eine enttäuschte junge Frau, die seit langem auf dem Areal lebt.

«Hier geht etwas kaputt.»

Man kann es natürlich auch anders sehen. Überall im Quartier werden derzeit Häuser saniert und ganze Siedlungen abgerissen und neu gebaut.

Grösser, moderner, dichter, teurer. Dabei entstehen allerdings nicht nur Luxuswohnungen, sondern auch solche für Familien, wie sie sich in Zürich viele wünschen.

Ganz anders als Zürich West

Das Amt für Städtebau trägt seinen Teil zum Umbruch bei: Es will Altstetten zu einem dritten Stadtzentrum entwickeln, neben der City und Oerlikon. Einen wesentlichen Impuls geben sollen die verlängerten Tramlinien und die Limmattalbahn, die 2020 bis in den Aargau fahren soll, als Gegenstück zur Glattalbahn. Zehntausende zusätzliche Pendler werden erwartet. «Das ist ein sehr kontroverses Thema im Quartier», sagt Margreth Dürst.

Egal, mit wem man über die Zukunft Altstettens spricht: Alle betonen einen wesentlichen Unterschied zum letzten Entwicklungsschub der Stadt, der aus den verwaisten Arealen des Industriegebiets das trendige, aber teure Zürich West machte. Altstetten könne nicht am Reissbrett entworfen und aus dem Boden gestampft werden, weil es schon da sei, Wohnbevölkerung inklusive.

Stephan Bleuel vom Amt für Städtebau findet die heutige Vielfalt des Quartiers eine Qualität. «Wir wollen hier auf dem Bestehenden aufbauen», sagt er. Das heisst: Verdichten, aber mit Mass.

Diese Zurückhaltung gilt für den Siedlungskern zwischen Bahnhof und Lindenplatz, nicht aber für das Gebiet nördlich davon. Dieses ist heute von Büro- und Gewerbegebäuden geprägt und liegt, abgeschnitten vom Rest, zwischen einem breiten Gleisfeld und dem Autobahnzubringer. Hier darf es laut Bleuel «deutlich dichter und urbaner» werden. Dazu müsse man aber die Verkehrsbarrieren durchlässiger machen, mit breiteren Unterführungen und womöglich einer neuen Überführung.

Isoliert und unbelebt

Tatsächlich wirkt dieser Teil heute isoliert und eher unbelebt. Die neu angesiedelten Kreativen, die hier im sogenannten «Basislager» zwischen einem Asylheim und den entstehenden Sexboxen arbeiten, bekommen von Altstetten nicht viel mit. «Die Stadt verkauft das als neues Trendquartier», sagt eine Künstlerin, die hier eingemietet ist, «aber man hat den Eindruck, dass sie einfach alles hierher abschiebt, was sonst nirgendwo erwünscht ist.» Anders sieht es ein Designer, der früher in Zürich West arbeitete. Dort sei es vor 15 Jahren auch verschlafen gewesen. «Gut möglich, dass Altstetten eine ähnliche Entwicklung nimmt.»

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