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Tösstaler «Hasch-Jesus» steht erneut vor Gericht

Er hielt sich für «Jesus» und wurde wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Nun steht der Mann erneut vor Gericht – wegen Fehlern im ersten Urteil.

Oliver Graf
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Bezirksgericht Winterthur

Bezirksgericht Winterthur

Zur Verfügung gestellt

Es sind eigentlich Details, die das Kassationsgericht dazu veranlassten, das vor seiner Auflösung letzte Urteil des Zürcher Geschworenengerichts aufzuheben: Ein Sonnenbrand, ein Barfusslaufen sowie fünf weitere ähnliche Punkte führen nun dazu, dass der Fall des in den Boulevardmedien als «irrer Hasch-Jesus von Wila» genannten Angeklagten nun auch noch ans Bezirksgericht Winterthur gelangt.

Denn mit diesen Details ist laut des (nicht einstimmig gefällten) Entscheids des Kassationsgerichts ein elementarer Justizgrundsatz missachtetet worden: das Anklageprinzip. Doch der Reihe nach.

Am 10. Mai 2006 starb im Kinderspital in Zürich ein Mädchen. Schnell war klar: Die fast Fünfjährige hatte sich nicht bei einem Treppensturz verletzt, wie dies deren Vater und die beiden bei ihm in Wila in einer sektenähnlichen Gemeinschaft wohnenden Frauen erklärt hatten. Vielmehr zeigte sich, dass das Mädchen über Monate hinweg misshandelt worden war.

Der behandelnde Arzt sprach später am Geschworenengericht davon, dass er in seiner 28-jährigen Karriere «noch nie so etwas Schlimmes gesehen» habe. So wog das Mädchen lediglich zwölf Kilogramm. Die tödlichen Verletzungen zog sich das geschwächte Mädchen zu, als es von einer der beiden WG-Mitbewohnerinnen geschüttelt worden war.

Urteil des Geschworenengerichts

Der religiös-fanatische Mann wurde vom Geschworenengericht im Dezember 2010 zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt. Er habe mit einem «tyrannischen, grausamen und erniedrigenden Erziehungs- und Bestrafungssystem» eine schwere Körperverletzung seiner beiden Töchter in Kauf genommen. Auch die beiden Mittäterinnen wurden vom Geschworenengericht beziehungsweise vom Bezirksgericht Pfäffikon zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Das Anklageprinzip

Jeder Angeklagte hat das Recht, genau zu wissen, was ihm eigentlich vorgeworfen wird. Nur so kann er sich auf seine Verteidigung vorbereiten. Im vorliegenden Fall wurde dieser Grundsatz missachtet, hielt das Kassationsgericht fest. Denn das Obergericht ging in seinem Urteil auf zwei Zeugenaussagen ein, in denen Vorwürfe geäussert wurden, die in der Anklageschrift gar nicht enthalten waren.

Laut diesen Zeugen habe das verstorbene Mädchen einmal einen Mittag lang in der prallen Sonne liegen müssen. Einmal habe es als Strafe unter Schmerzen ohne Schuhe über Kieselsteine laufen müssen. Weder der Sonnenbrand- noch der Barfusslauf-Vorwurf sei in der Anklageschrift umschrieben, befand das Kassationsgericht.

Und sie fielen auch nicht unter die darin enthaltenen allgemeinen Beschreibungen eines «folterähnlichen Erziehungs- und Strafsystems» oder eines «Erziehungsregimes mit körperlichen Strafen, Züchtigungen, massiven seelischen Misshandlungen und Nahrungsentzug».

Fünf weitere Details, die das Geschworenengericht in seinem Urteil als Fakten ansah, strich das Kassationsgericht wegen fehlender Ausführungen in der Anklageschrift ebenfalls - etwa den Vorwurf, dass einem Mädchen die Haare aus Gründen der Disziplinierung kurz geschnitten wurden.

Auf eine weitere Rüge wegen «willkürlicher Beweiswürdigung» trat das Kassationsgericht nicht ein. Denn es hat das Urteil des Geschworenengerichts wegen der festgestellten Verletzung des Anklageprinzips vollumfänglich aufgehoben und ans Bezirksgericht zurückgewiesen.

Dieses habe nun «eine neue (umfassende) Beweiswürdigung vorzunehmen». Da die eigentlich für Wila zuständigen Pfäffiker Richter sich bereits einmal mit dem Fall befasst und deshalb ein Ausstandsbegehren gestellt hatten, ist er nun den Winterthurer Kollegen zugeteilt worden.

Erneuter Prozess

Ab Donnerstag, 5. September, wird der Fall des britischen Staatsbürgers, der vor sieben Jahren im Tösstal in Wila seine Anhänger um sich geschart hatte, erneut aufgerollt.
Eine grundsätzlich neue Wendung dürfte er nicht nehmen.

An den Schuldsprüchen wird sich wohl nichts ändern (schwere Körperverletzung), allenfalls an der Strafzumessung (Haftdauer). Denn mit den vom Kassationsgericht bemängelten Details sind weder die Hauptanklagepunkte betroffen noch ändert sich etwas an der Einschätzung des grundsätzlich «tyrannischen Erziehungs- und Bestrafungssystems».

Die unbestrittenen, weil in der Anklageschrift erwähnten, Vorwürfe an den Mann reichen unter anderem vom Nahrungsentzug über stundenlanges Stehen an einer Wand bis hin zu Schlägen.