Provisorium

Tonhalle-Orchester zieht vorübergehend aufs Maag-Areal

Ungewohnte Umgebung: Das Orchester hat mit dem Maag-Areal (hinten) seine provisorische Bleibe gefunden.

Ungewohnte Umgebung: Das Orchester hat mit dem Maag-Areal (hinten) seine provisorische Bleibe gefunden.

Konzerte und Proben finden während der Sanierung des Kongresshauses beim Prime Tower statt.

Dem Tonhalle-Orchester und seinem Publikum steht eine Art Kulturschock bevor: Ab Mitte 2017 finden sowohl die Proben als auch die Konzerte nicht mehr in der altehrwürdigen Tonhalle in der Zürcher Innenstadt statt, sondern in einer ehemaligen Industriehalle beim Prime Tower. Das Provisorium ist auf rund drei Jahre angelegt, so lange, wie der Umbau des Kongresshauses und der Tonhalle dauert.

Beim Provisorium handelt es sich um das Gebäude, in dem sich die Maag Music Hall befindet. Musicals wie «Ewige Liebi» oder die TV-Casting Show «Music Star» waren dort zu sehen. Das Gebäude gehört der Swiss Prime Site (SPS), eingemietet ist die Eventfirma Maag AG.

Offiziell bestätigen will die Umzugspläne niemand, auch der Tonhalle-Präsident und frühere FDP-Stadtrat Martin Vollenwyder nicht, der die Fäden bei der Suche nach einem Provisorium in der Hand hat. Die Verträge sind aber unterzeichnet, wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren ist.

Nötig ist ein Provisorium, weil der Zürcher Stadtrat das Kongresshaus samt der Tonhalle für rund 140 Millionen Franken sanieren will. Dies legt den gesamten Tonhallebetrieb am angestammten Ort lahm. Die Tonhalle-Gesellschaft stand deshalb vor der Herausforderung, eine Zwischenlösung inklusive Konzertsaal, Probe- und Garderoberäume für die Umbauzeit zu finden. Das war schwierig, weil Konzertsäle mit 1570 Sitzplätzen wie in der Tonhalle Mangelware sind und ein gut 100-köpfiges Orchester der Spitzenklasse nicht überall proben kann.

Chance auf neues Publikum

Die Verantwortlichen spielten verschiedene Szenarien durch und verwarfen sie wieder. Dazu gehört die Idee, das Orchester drei Jahre auf Tournee zu schicken oder ins KKL nach Luzern umzusiedeln. Mit der jetzigen Lösung sind die Verantwortlichen hochzufrieden. Offiziell will sich niemand äussern. Zu den Chancen des Umzugs zählt man die Möglichkeit, ein neues, jüngeres Publikum mit der klassischen Musik anzufreunden. Dem gegenüber wird das Risiko genannt, einen Teil des angestammten Konzertpublikums verlieren zu können.

Der unterzeichnete Deal sieht vor, dass die Tonhalle bei der jetzigen Mieterin, der Maag AG, als Untermieterin andockt. Vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass die SPS den Mietvertrag mit der Maag AG bis 2025 verlängert. Darko Soolfrank, Verwaltungsratspräsident der Maag AG, bestätigt auf Anfrage, dass ein Umbau des Gebäudes für rund fünf Millionen Franken geplant ist. Einen Zusammenhang mit den Plänen der Tonhalle will er jedoch nicht bestätigen. Die Maag AG habe auf jeden Fall die Absicht, 2016 ein weiteres Musical zu produzieren und mindestens ein Jahr lang in der Maag Halle aufzuführen. Weil es Lärmklagen gab, verlegt die Firma den lauteren Teil des Betriebs an die Vorderseite des Gebäudes, den ruhigeren nach hinten, wo Eigentumswohnungen entstehen.

Problem mit der Akustik

Damit das Tonhalle-Orchester ins Maag-Gebäude umziehen und Konzerte geben kann, sind grössere bauliche Veränderungen unumgänglich. Vorgesehen ist, eine «Box in der Box» zu bauen. Sie soll einen Konzertsaal mit 1400 bis 1500 Sitzplätzen enthalten – etwas weniger, als die Tonhalle jetzt hat. Der Saal muss akustisch speziell ausgestattet werden, sonst lassen sich dort keine anspruchsvollen Klassikkonzerte durchführen. Wer die Kosten dieser Umbauten tragen soll und wie hoch sie sind, ist nicht bekannt. Sie dürften aber die finanziellen Möglichkeiten der Tonhalle-Gesellschaft übersteigen, weshalb Sponsoren gefragt sind.

Die Tonhalle-Gesellschaft will das Maag-Gebäude möglichst schon ab Anfang 2017 mieten, nicht erst ab Mitte Jahr, wenn die künstlerische Saison beginnt. Mit dem Entscheid für das Provisorium ist sie keineswegs früh dran, denn die Planung für die Saison 2017 läuft bereits. Um internationale Koryphäen engagieren zu können, muss der Auftrittsort bekannt sein. «Kein Star lässt sich aufbieten, wenn er nicht weiss, wo er spielen wird», sagt ein Szenenkenner.

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