Tobias Kuster, der Täter des Tötungsdeliktes im Zürcher Seefeld von Ende Juni, konnte nach acht Monaten auf der Flucht verhaftet werden. Der 23-jährige Mann ist im Grundsatz geständig.Er ging Ermittlern der Kantonspolizei Bern am 18. Januar im Kanton Bern ins Netz.

Und dies eher zufällig: Denn die Berner Kantonspolizei ermittelte in einem Strafverfahren wegen versuchten illegalen Waffenkaufs im Darknet, wie der fallführende Staatsanwalt Adrian Kaegi gestern vor den Medien in Zürich bekannt gab. Die Ermittlungen gegen einen zunächst unbekannten Kaufinteressenten einer Waffe führten schlussendlich zu Tobias Kuster. Dass es sich aber um den gesuchten, flüchtigen Täter handelte, stellte sich erst nach seiner Verhaftung am mutmasslichen Übergabeort heraus.

Im Zuge der Ermittlungen zu den Hintergründen der Flucht Kusters und seinen Aufenthaltsorten seither, kam es zu verschiedenen Hausdurchsuchungen in den Kantonen Zürich und Jura. In diesem Zusammenhang wurden zwei weitere Personen festgenommen. In welcher Beziehung die beiden zu Kuster stehen, wird der zuständige Staatsanwalt zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben.

Regierungsrätin Jacqueline Fehr, links, Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern, und Adrian Kaegi, fallführender Staatsanwalt informieren über den Fall «Seefeld» an einer Medienkonferenz.

Regierungsrätin Jacqueline Fehr, links, Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern, und Adrian Kaegi, fallführender Staatsanwalt informieren über den Fall «Seefeld» an einer Medienkonferenz.

Mittlerweile wurde Kuster der Zürcher Staatsanwaltschaft überführt und befindet sich in Untersuchungshaft. Damit beginnt die Aufklärung darüber, was seit seinem Verschwinden am 23. Juni passierte. Kuster kehrte damals nicht aus einem eintägigen, unbegleiteten Hafturlaub ins Zürcher Gefängnis Pöschwies zurück. Eine Woche später wurde ein 43-jähriger IT-Fachmann tot bei der Altenhofstrasse im Zürcher Seefeld gefunden. Darüber wie das Opfer getötet wurde, schwieg sich Staatsanwalt Kaegi auch gestern aus. Augenzeugen berichteten damals von Messerstichen. Die Polizei fand in der Nähe des Bahnhof Tiefenbrunnens in der Folge der Spurenauswertung Hinweise auf den flüchtigen Tobias Kuster. Im Anschluss wurde dieser national und international zur Fahndung ausgeschrieben.

Ob der getötete Schweizer und Kuster sich gekannt haben oder ob er ein Zufallsopfer war, ist Gegenstand der laufenden Untersuchungen. Auch über den Tathergang und das mögliche Motiv konnte Staatsanwalt Kaegi gestern keine Auskunft geben.

Gefährlichkeit neu einschätzen

Dass Kuster während eines Hafturlaubs rückfällig wurde und gar ein Tötungsdelikt verübte, sorgte in der Vergangenheit für Kritik an der Justizdirektion. Die an der Medienkonferenz anwesende Regierungsrätin und Justizdirektorin des Kantons Zürich, Jacqueline Fehr (SP) sagte: «Kuster bekam Hafturlaub, weil er als nicht gefährlich eingeschätzt wurde.» Sie verwies darauf, dass Hafturlaub ein gesetzlicher Auftrag sei. Weiter habe es zum damaligen Zeitpunkt aufgrund von Kusters Verhalten keine schwerwiegenden Gründe gegeben, die gegen diesen Urlaub gesprochen hätten.

Bereits im April vergangenen Jahres hatte Kuster einen ersten begleiteten Hafturlaub. Bis zur Flucht am 23. Juni folgte noch eine zweiter Urlaub. Weder die Fachpersonen, die Kuster während seiner Haft betreuten, noch seine Angehörigen hätten Anzeichen wahrgenommen, die auf seine Gefährlichkeit hingewiesen hätten, so Fehr weiter.

Staatsanwalt Kaegi ergänzte, dass bereits zu einem früheren Zeitpunkt Kusters Gefährlichkeit im Rahmen eines Gerichtsgutachtens eingeschätzt worden sei. «Im Rahmen des jetzigen Verfahrens wird Kusters Gefährlichkeit neu eingeschätzt», sagte Kaegi.

Cybercrime-Abteilung ausbauen

Regierungsrätin Fehr erklärte am Mittwochnachmittag vor den Medien, sie sei über die Verhaftung Kusters erleichtert. Vor allem für die Angehörigen der Opfer könne die schrittweise Klärung des Falls helfen, die Tat einordnen zu können. Lob gab es für die am Fall beteiligte Kantonspolizei Zürich und Bern. Zudem verwies Fehr auf das Thema Cybercrime: «Fast alle Verbrechen hinterlassen Spuren im Internet.» Deswegen setzt sich die Zürcher Regierung für den Ausbau dieses Polizeibereichs ein.

Eine Flucht wird zum Politikum

Eine Flucht wird zum Politikum (6. Juli 2016)

Der mutmassliche Mörder Tobias Kuster nutzte die erst beste Möglichkeit zum Abhauen. Warum hat der gewalttätige 23-Jährige Hafturlaub bekommen?

Kuster befand sich während acht Monaten auf der Flucht. Dies obwohl die Kantonspolizei eine Belohnung von 10'000 Franken auf Tobias Kuster ausgeschrieben hatte. Sie startete sogar einen Aufruf in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY...ungelöst".